Predigt

Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,

liebe Gäste im Tempel unseres Glaubens,
werte Konsistoriale im Apostelamt unserer Kirche!

Bruder Böttner hat in seiner Begrüßung bereits erwähnt, dass der vierte Advent in machen Traditionen der Mutter Jesu, Maria, vorbehalten ist. An diesem einen Sonntag im evangelischen Kirchenjahr konzentrieren sich die Christen auf jene Frau, die würdig war, Gott zu empfangen und zu gebären. Wir Evangelischen neigen oftmals dazu, Maria zu ignorieren. Darüber kann auch die schöne Musik dieses Gottesdienstes nicht hinwegtäuschen, die die alten Texte der Marienfrömmigkeit lebendig werden lässt. 

Dass nun auch noch die Leuenberger Kirchengemeinschaft Anlass und damit auch weiteres Thema dieses Gottesdienstes ist, macht es für mich als Predigenden spannend, alles unter einen Hut zu bekommen und auch noch in der Zeit zu bleiben. Etwas, was unsere beiden Gottesdienste ja unterscheidet, ist unter anderem durchaus die Länge der Predigten. 

Um Maria und Kirchengemeinschaft soll es also gehen und da fällt mir zugleich der für mich wichtigste Vers des heutigen Predigttextes ins Auge: „Siehe, ich bin die Magd des HERRN, mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Maria sagt hier Ja zu etwas, was noch nicht ist, sondern werden muss. 

Maria wurde schwanger und musste neun Monate bis zur Geburt warten. Sie hat Jesus nicht adoptiert und er war gleich da! Es brauchte Zeit des Wachsens und Reifens. Auch eine Kirchengemeinschaft ist nicht gleich da, auch sie muss wachsen. Sie hat Schwierigkeiten und auch Wehen, gute Zeiten und schlechte Zeiten. 

Aber sie ist das Ziel, wie es eben auch in der Konkordie heißt: „Die dieser Konkordie zustimmenden lutherischen, reformierten und aus ihnen hervorgegangenen unierten Kirchen […] stellen aufgrund ihrer Lehrgespräche unter sich das gemeinsame Verständnis des Evangeliums fest […]. Dieses ermöglicht ihnen, Kirchengemeinschaft zu erklären und zu verwirklichen. Dankbar dafür, daß sie näher zueinander geführt worden sind, bekennen sie zugleich, daß das Ringen um Wahrheit und Einheit in der Kirche auch mit Schuld und Leid verbunden war und ist.“

Was in manchen Gesprächen immer wieder zu erstaunen führt: Als Protestanten glauben wir auch an die Jungfrauengeburt. Dieser Lehrsatz nun reicht zurück bis zum Konzil von Ephesus. Ephesus ist deshalb so bedeutend, weil der Legende nach Maria nach dem Tode Jesus mit Johannes dorthin ging und starb. Eine Kapelle erinnert bis heute daran: Es ist ein Ort, zu dem auch Muslime voller Ehrfurcht pilgern. 

Auf dem Konzil von Ephesus 431 n. Chr., welches auch die evangelischen Kirchen anerkennen, wurde Maria der Titel „theotokos“ verliehen, verdolmetscht: „Gottesgebärerin“. Sie wurde später auch als „ewige unversehrte Jungfrau“ bezeichnet, etwas, was Melanchthon in die lateinische Ausgabe der Confessio Augustana, also des Augsburger Religionsfriedens aufnahm. Das ist damit Teil des Bekenntnisstandes auch der Evangelischen Kirche von Kurhessen Waldeck, worauf der 3. Artikel der Präambel verweist. 

Durch die Bibel wissen wir eine ganze Menge über diese Frau. Ein Blick in den Stammbaum Jesu zu Beginn des Lukasevangeliums bemerkt, dass Josef und Maria aus dem Hause Davids stammten. Maria begegnet uns als junges Mädchen, wohl im Alter von 13 Jahren, so alt also, wie unsere Konfirmandinnen sind. Sie stand an der Schwelle, eine Frau zu werden und wahrscheinlich sah sie ihr Leben vorgezeichnet: Heirat und Kinder. Vielleicht hatte der Vater schon nach damaliger Sitte eine Ehe arrangiert, nicht auszuschließen. 

Und vielleicht hatte sie tief in sich noch eine andere Frage. Da zu dieser Zeit die ganze jüdische Welt auf den Messias wartete, den Gesandten Gottes, der dem Volk Israel zur Freiheit verhelfen sollte, kann es auch sein, dass Maria sich vielleicht die Frage stellte, ob sie es wohl sein würde, die diesen Messias zur Welt brächte. 

Maria war schließlich mit Joseph verlobt, dem Schreiner. Die beiden bereiteten sich auf die Hochzeit vor. Er wird wohl ein Haus gebaut haben und sie wird sich um die Aussteuer gekümmert haben. Ihre Beziehung wird sich entwickelt haben, während beide noch bei ihren Eltern wohnten. 

Genau zu diesem Zeitpunkt erzählt uns die Bibel vom Besuch des Engels bei Maria. Und die Botschaft Gabriels war, dass der HERR mit ihr sei und sie Gnade bei Gott gefunden habe. Eigentlich könnte an dieser Stelle die Geschichte über Maria enden, denn alles Wesentliche ist gesagt: „Du brauchst keine Angst im Leben zu haben und vor der Zukunft. Gott ist mit Dir, Maria!“. 

Dann verließ sie der Engel wieder. Wie wird sich Maria gefühlt haheisben? Ergriffen? Verängstigt? Ohnmächtig? Im Anschluss an unseren Predigttext, vielleicht lesen Sie es einmal zuhause nach, hat sie sich auf den Weg zu ihrer Tante Elisabeth begeben. Diese alte Frau war doch tatsächlich gegen alle Regeln der Natur im hohen Alter schwanger geworden. 

Und nicht schlecht wird Maria gestaunt haben, als sie mit den Worten begrüßt wurde: „Gepriesen seist du unter allen Frauen und gepriesen sei die Frucht deines Leibes. Gesegnet bist du, weil du dem Wort Gottes geglaubt hast!“ Zustimmend hüpft das Kind im Mutterleib. Da stimmte auch Maria in den Lobgesang ein: „Meine Seele preise den HERRN, denn er ist meine Rettung.“

Das alles ist also das Wesentliche über Maria. Und noch etwas mehr: Wenn ich in die Bibel schaue, dann fasziniert es mich, dass Maria der einzige Mensch zu sein scheint, der Jesus während seiner ganzen Erdenzeit begleitet hat. Ja, noch mehr, der ihn schon vor seiner Geburt im eigenen Körper liebgewonnen hatte. 

Und alles beginnt mit Marias Ja zu diesem Geschehen – „kindlich-naiv“, würden wir vielleicht vorschnell urteilen. Aber Christus wird später selbst sagen: (Mt 18,3ff) „Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. 4 Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“

Maria sagt JA, ohne alles zu wissen. Auch Brautleute sagen Ja, ohne den ganzen künftigen Weg zu wissen. Manches Ja scheitert oder wird revidiert. Beziehungen können auch wieder auseinander gehen. So hat sich auch die Wallonisch-Niederländische Kirche vor neun Jahren entschieden. Leider schlug dies hohe kirchliche Wellen, da sie sich gegen die Zugehörigkeit zur reformierten Landeskirche  entschied, um eben selbstständig zu sein und zu bleiben.  

Gerade damals war ich dankbar, dass es die Leuenberger Kirchengemeinschaft gab, wenn es in ihr heißt: „Zwischen unseren Kirchen bestehen beträchtliche Unterschiede in der Gestaltung des Gottesdienstes, in den Ausprägungen der Frömmigkeit und in den kirchlichen Ordnungen. Diese Unterschiede werden in den Gemeinden oft stärker empfunden als die überkommenen Lehrgegensätze. Dennoch vermögen wir nach dem Neuen Testament und den reformatorischen Kriterien der Kirchengemeinschaft in diesen Unterschieden keine kirchentrennenden Faktoren zu erblicken.“

Geschwister im HERRN! Was also bleibt über Maria zu sagen? Ich wage einmal drei Schlussfolgerungen: Zum einen: In Maria hat sich Gott einen Menschen ausgesucht, der einfach war, der nichts vorzubringen hatte als sich selbst. Maria kam nicht aus gehobenen Kreisen, dies vergessen wir meist bei den süßlichen Darstellungen von Madonnen! Sie war keine Schönheitskönigin mit weißen Zähnen und der Figur eines Models. Sie verfügte über keinen Reichtum, der sie in Brokat und wallende Gewänder kleiden ließ! Und sie verfügte über keinerlei höhere Bildung oder stand in der Tradition gebildeter Vorfahren! Sie war ein einfaches, durchschnittliches Mädchen. 

Zum zweiten: Maria hatte den Mut zu glauben, dass Gott sie auserwählt hatte. Sie antwortet auf den Ruf: „Mir geschehe, wie du sagst!“ Sie reagierte nicht wie ein Mose, der sich bei seiner Berufung ganz anders äußerte: „Also lieber Gott, ich bin nicht geeignet, suche Dir mal lieber einen anderen, der mehr geeignet ist!“. Nein, Maria glaubte einfach Gott, die richtige Wahl zu sein, und deshalb wagte sie ein Ja des Glaubens. 

Dieses Ja hat für uns alle eine rettende Bedeutung. Davon heißt es nämlich in der Konkordie: „In dem wahren Menschen Jesus Christus hat sich der ewige Sohn und damit Gott selbst zum Heil in die verlorene Menschheit hineingegeben.“ Und an anderer Stelle: „Mit diesem Verständnis des Evangeliums stellen wir uns auf den Boden der altkirchlichen Symbole und nehmen die gemeinsame Überzeugung der reformatorischen Bekenntnisse auf, dass die ausschließliche Heilsmittlerschaft Jesu Christi die Mitte der Schrift und die Rechtfertigungsbotschaft als die Botschaft von der freien Gnade Gottes Maßstab aller Verkündigung der Kirche ist.“ 

Dieser Maßstab ist für mich unumstößlich. Er ist die scharfe Trennlinie in allen Gesprächen und Dialogen, weil es Christus selbst so gesagt hat (Joh. 14, 6): „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ 

Gott gebraucht uns alle als Verkündiger dieser weltumspannenden Botschaft, die in einem Stall von Bethlehem ihren Anfang nahm. Deshalb kann ich glauben, dass Gott uns alle beruft und erwählt zu einem Dienst in seiner Welt, in seiner Kirche. So haben auch wir als getrennte Kirchen einen gemeinsamen Auftrag gerade in der Kanzel- und  Abendmahlsgemeinschaft: Notwendig ist, dass sich Kirchen als von Gott gesendet verstehen und ihr Leben und ihren Inhalt auf Basis der Hl. Schrift gestalten und entscheiden: also durch die Verkündigung. 

Und es ist wichtig, dass man sich als bedürftig vor Gott und schwach im Glauben versteht, weshalb die Stärkung und Versöhnung am Tisch des Herrn ebenfalls notwendig ist. So freue ich mich schon heute auf den Sonntag Invokavit, an dem wir dann gemeinsam in der Wallonisch-Niederländischen Kirche das Heilige Abendmahl feiern werden. Und der Friede Gottes, welcher höher ist, als all unser Denken es je verstehen wird, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN.

Pfarrer Torben W. Telder, vdm

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