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Zusammenfassung des Vortrags anlässlich der Theologischen Sitzung des Großen Konsistoriums Oktober 2007


I. Prolegomena

Sich dem theologischen Thema des Gottesdienstes zuzuwenden, geschieht aus dem Anliegen heraus, die sonntägliche Feier zum einen zeitgemäß, aber auch schriftgemäß zu gestalten. Dies entspricht dem reformatorischen Grundsatz „ecclesia semper reformanda“– die Kirche ist in einem anhaltenden Reformprozess. Sich nämlich zu rühmen, dass alles bleibt, wie es schon immer war, widerspricht genau diesem Kerngedanken der Reformatoren. Gar stolz zu sein auf ein starres Gottesdienstverständnis, welches seit 400 Jahren nicht verändert wurde, würde einer Aufgabe reformierter Ideen gleichkommen.

Ein Blick in die Geschichte der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde zeigt, dass es immer wieder Momente gab, gibt und hoffentlich geben wird, in denen Veränderungen herbeigeführt wurden und werden. Ein Beispiel: die Aufgabe der niederländischen und französischen Gottesdienstsprache aus der Einsicht heraus, dass dies nicht mehr zeitgemäß und verständlich ist.

Bei all unserem Reden und Denken wünsche ich mir, dass Sie der Erklärung des Wortes Gottesdienst zustimmen können: Gottesdienst ist zum einen der Dienst Gottes an uns Menschen, aber eben auch in unseren beschränkten menschlichen Möglichkeiten ein Dienen gegenüber Gott, dem Nächsten und uns selbst.


II. Geschichte des Gottesdienstes von den Anfängen des Christentums bis zur Reformation

Als das Christentum begann, sich zu einer eigenen Religion zu entwickeln, trat es damit aus dem Schatten des Judentums heraus, ohne sich dabei dessen Wurzeln gänzlich zu entledigen. „Jesus und die Urgemeinde lebten in der Tradition des jüdischen Gottesdienstes, sie besuchten den Tempel und die Synagogen. Schriftlesung, Auslegung und Gebet hat der urchristliche Gottesdienst mit dem der Synagoge gemeinsam.“

Wer sich in der Bibel aber nun auf die Suche nach Ordnungen für einen Gottesdienst macht, wird enttäuscht werden. Er wird zwar auf eine Fülle von liturgischen Motiven und Kulthandlungen, von Texten und Gebeten stoßen, diese aber nicht schön schematisch aufgegliedert mit dem Ziel, einen Gottesdienstablauf zu regeln.

Dies heißt nun nicht, dass es so etwas nicht gegeben hätte, aber die Autoren der Bibel sahen – zumindest im Alten Testament – nicht ihre Aufgabe darin, bloße Handlungen zu fixieren, sondern vielmehr im Beschreiben von Gegebenheiten, die sich im Laufe der Geschichte mit Gott auch verändert haben – wieso, dies bleibt dem Leser in der Regel unbekannt.

Am Anfang des 2. Jahrhunderts gab dann die Didache („Zwölfapostellehre“) detaillierte liturgische Anweisungen und Texte, wie etwa die bis heute gebräuchliche Form des „UnserVater“ oder Teile der röm.-kath. Messgebete. Beim Kirchenvater Justin finden wir die erste genaue Schilderung des christlichen Gottesdienstes: Er besteht aus Lesungen („solange die Zeit reicht“), einer Predigt, Gebeten, der Feier des Abendmahls mit den Einsetzungsworten und einer Kollekte für die Armen.

Durch die Jahrhunderte hindurch wurde immer mehr die Feier des Abendmahls bzw. der Eucharistie („Danksagung“) zum Zentrum eines jeden Gottesdienstes. Durch die Theologie der leibhaftigen Gegenwart Christi in der Hostie („Transsubstantiation“) wandelte sich das Geschehen auf dem Altar zu einer unblutigen Wiederholung des eigentlich einmaligen Opfers Christi auf Golgatha.

Die Begegnung mit diesem heiligen Geschehen, das allein durch die Hände von geweihten Priestern als möglich galt, wurde dem einfachen Gläubigen immer schwerer zugängig. Dieses fand seinen Höhepunkt darin, dass der einfache Gläubige nur noch mit den Augen am Abendmahl teilnahm, während der Priester stellvertretend für alle Anwesenden aß und trank. Die kultische Verehrung und Anbetung begann immer mehr um sich zu greifen auf Kosten einer realen Abendmahlsgemeinschaft.


III. Anliegen der Reformatoren

Ein solches Entfremden des eigentlichen Gottesdienstes nach der Überlieferung der Heiligen Schriften blieb nicht ohne Widerstand. Kleinere Gegenbewegungen entstanden, die aber meist ohne großen Erfolg blieben, sich aber bis heute am Leben halten: So waren die Böhmischen und Mährischen Brüder, die Waldenser und Hussitten Vorboten einer Reformbewegung, die dann nicht mehr seitens der Machthaber in Staat und römischer Kirche unterdrückt werden konnten. Bemerkenswert dabei ihre theologischen und praxisorientierten Anliegen: die Wiedereinführung des Laienkelches für alle und die Betonung des Allgemeinen Priestertums.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war dann die Reformbewegung nicht mehr zu stoppen. Luther, Zwingli und Calvin waren nur die prominentesten Köpfe mit einer umfangreichen Anhängerschaft, die an verschiedenen Orten Reformen anstießen und durchsetzten. Neben der Zurückdrängung der päpstlichen Macht und der Entstellung von biblischen Botschaften war ihnen allen ein Hauptinteresse gemein: die Verständlichkeit des Evangeliums.

Aus diesem Grund begann jede Reformation, in welchem Winkel auch immer, mit der Einführung der ortsüblichen Sprache. Die Menschen sollten verstehen, was im Gottesdienst vor sich geht. Sie sollten angesprochen werden von der Liebe Gottes, die ihnen durch die Verkündigung Gottes nahegebracht werden konnte.

Damit wird der Glaube an sich zum Gottesdienst: ein Glaube, der sich vor allem auf Christus bezieht, den Garant der Liebe und der Menschenzuwendung Gottes. Reformatorisches Gottesdienstverständnis ist also der Christusbezug. Von hier ist dann auch die große Freiheit bezüglich der konkreten liturgischen Gestaltung zu verstehen, die sich immer an den Erfordernissen der Zeit, nicht der Tradition versteht.

Durch den Christusbezug des Gottesdienstes und der Verkündigung des Evangeliums in und für den Alltag ist die Predigt ins Zentrum des evangelischen Gottesdienstes gerückt, in dem – gemäß den Bekenntnisschriften unserer Wallonisch-Niederländischen Gemeinde – das Wort Gottes lauter, ohne Furcht und rein gepredigt werden soll – bei aller Beschränktheit der jeweiligen Pfarrperson. Denn gerade hier liegt die „Problemzone“: nicht jeder Pfarrer ist ein begnadeter Prediger. Manch guter Seelsorger scheitert auf der Kanzel, während umgekehrt ein wortgewaltiger Prediger in der Seelsorge versagen kann.

Ein Misstrauen allem Liturgischen gegenüber, ein Misstrauen, welches sich bis heute standhaft in reformierten Kreisen hält, kannten die Reformatoren nicht. Davon zeugen nämlich die vielen damaligen Gottesdienstentwürfe und -formulare, die eine Vielfalt ausdrücken, von der ich bis heute beeindruckt bin.

Calvin schreibt dazu, für mich überraschend: „Zur Einheit der Kirche ist es nicht erforderlich, dass überall dieselben kirchlichen Gebräuche und gottesdienstlichen Formen in Übung sind. Die Gemeinden haben, weil sie Christi eigen sind, darin Freiheit.“

Das Anliegen der Reformatoren in Bezug auf den Gottesdienst lässt sich also wie folgt zusammenfassen: Das Wort Gottes ist Zentrum des Gottesdienstes, in dem Gott uns Menschen nahe kommt, uns seine Gnade zuspricht und uns befreien möchte aus aller Verstrickung und Hoffnungslosigkeit. Diesem Anliegen müssen die Formen gerecht werden, in denen die Gottesdienste gefeiert werden. Gefeiert, nicht gehütet – lebendig, nicht starr – verwandelbar, ohne Willkür walten zu lassen.


IV. Die „Reformierte Liturgie“ von 1999 und gegenwärtige Möglichkeiten

1999 erschien im Auftrag der reformierten Kirchen in Deutschland ein neues Gottesdienstbuch. Im Vorwort darin wird das gegenwärtige und doch zeitlose Anliegen reformierter Gottesdienste beschrieben:

„Reformierte Liturgie? Gemeint ist selbstverständlich„evangelisch-reformiert“. „Wir Reformierte haben keine Liturgie“, sagen manche. Und so feiern gelegentlich sorglose Beliebigkeit und Willkür fröhliche Urstände, fristet unbedachte Schlampigkeit ihr kärgliches Dasein. „Die Reformierten habe keine Liturgie“, – so sagen andere in gehörigem Abstand. Und sie unterstellen reformiert-geprägten Gottesdiensten dürftige Armut. „Reformiert“ gefeierten Gottesdiensten eignet hohe Konzentration [auf das Wort]. Das Wort Gottes im Alten und Neuen Testament, das unverwechselbare Evangelium, die lebendige Verkündigung befreien zu solcher Sammlung.

Das Hören und Reden, das Singen und Schweigen im Gottesdienst sind höchst anspruchsvoll und doch keine Bürde. Sie sind reich auch in gelegentlich schlichter Form, setzen so das Denken und Fühlen, das Tun in Bewegung, führen Menschen in der Gegenwart des Heiligen Geistes zueinander. Solche Konzentration auf das Lebensnotwendige lehrte, auch in Zeiten der Verfolgung und Anfechtung, manchem verschwenderischen Luxus, mancher Üppigkeit zu misstrauen. Aber gerade in dieser Konzentration geht es um den Reichtum der Botschaft, um eine begründete Ordnung, um das vielstimmige Miteinander der Gemeinde, um den Chor der vielen Stimmen und um die Einladung einzustimmen, sich inmitten der versammelten Gemeinde gut aufgehoben zu finden.“

Wenn die „Reformierte Liturgie“ drei Formen von Gottesdienstordnungen aufführt, so bildet dies eine mittlerweile erfreuliche Pluralität innerhalb der reformierten Kirchenfamilie ab. Dabei reichen die Möglichkeiten vom schlichten Predigtgottesdienst wie in der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde, hin zur Möglichkeit liturgischen Singens durch die Gemeinde. Gerade letzteres nimmt sich des Allgemeinen Priestertums an, welches sich, in einer Wechselbeziehung zum Pfarrer, am Gottesdienst beteiligt. Diese Beteiligung ist für eine reformierte Gemeinde wichtig.

Schließen möchte ich deshalb meinen Vortrag mit einem zusammenfassenden Zitat über Zeremonien und Gottesdienst nach der Theologie Johannes Calvins:

„Es wäre unerhört, wenn wir in den Dingen, in denen uns der Herr Freiheit gelassen hat, damit wir umso mehr Möglichkeiten hätten, die Kirche zu erbauen, eine sklavische Gleichförmigkeit erstreben wollten, ohne uns um den wahren Aufbau der Kirche zu kümmern. Denn wenn wir einmal vor den Richterstuhl Gottes treten werden, um Rechenschaft abzulegen von unseren Taten, werden wir nicht nach den Zeremonien gefragt werden.Überhaupt wird eine solche Gleichförmigkeit in den äußeren Dingen keine Beachtung finden, wohl aber der rechte Gebrauch der Freiheit. Als rechter Gebrauch wird aber der gelten, der am meisten zur Auferbauung der Kirche beigetragen hat.“ Das sagt der als gesetzlich gebrandmarkte Calvin. Die Kirche wächst und lebt nicht durch strenge Innehaltung bestimmter Formen. Sie lebt in gar keiner Weise von unseren Werken, sondern alleine vom Worte Gottes. Mitunter ist es darum sogar gut, wenn nicht allenthalben völlige Gleichförmigkeit herrscht, „damit zum Ausdruck kommt, dass der Glaube und das Christentum in solchen Dingen nicht besteht. Alle Gestaltung kann nämlich nur den Sinn haben, dem Aufbau der Kirche vom Wort her zu dienen.“

Wir werden also im Gespräch bleiben dürfen, welche Form uns als die angemessene erscheint, wenn wir uns zu unseren Gottesdiensten versammeln.

Pfarrer Torben W. Telder
– es gilt das gesprochene Wort –