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Textgrundlage: 1. Korinther 15, 10

Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.

Liebe Schwestern und Brüder im HERRN, besonders Sie, liebe Jubelkonfirmanden,

vielleicht haben Sie in den vergaManch einer ist heute nicht dabei, nicht nur, weil der Lebensweg ihn aus der Kirche heraus oder weggeführt hat, sondern weil auch der Tod schon den einen oder anderen zu sich gerufen hat – manchen im gesegneten Alter, manchen in der Blüte seiner Jahre. Ich wünsche den Hinterbliebenen, dass sie in ihrem Leid Trost gefunden haben mögen, und hoffe, dass sie – wenn sie unter uns sein sollten – Verständnis dafür aufbringen, wenn wir trotz dieses schmerzenden Ereignisses heute miteinander feiern und ihrer gedenken.ngenen Tagen die Fotografien hervorgeholt, die damals von Ihrem Konfirmationstag angefertigt worden sind. Es lohnt sich, sie nach vielleicht jahrelanger Pause wieder einmal gründlich zu betrachten und die eine oder andere Entdeckung zu machen, in Erinnerungen zu schwelgen ... ja ... schön war die Zeit ... und Menschenskinder ... wo ist nur all die Zeit geblieben?

Ja, wie keck manche von Ihnen auf diesen Bildern dreinschauen, gerade, als wollten sie dem Betrachter zu verstehen geben: Jetzt kommen wir! Andererseits – wie viel Vorsicht, auch Unsicherheit spricht aus den Blicken anderer. Man könnte meinen, sie ahnten bereits, dass das Leben neben Sonnenschein auch manches ernste, ja traurige Erlebnis bereithält.

Manch einer ist heute nicht dabei, nicht nur, weil der Lebensweg ihn aus der Kirche heraus oder weggeführt hat, sondern weil auch der Tod schon den einen oder anderen zu sich gerufen hat – manchen im gesegneten Alter, manchen in der Blüte seiner Jahre.

Ich wünsche den Hinterbliebenen, dass sie in ihrem Leid Trost gefunden haben mögen, und hoffe, dass sie – wenn sie unter uns sein sollten – Verständnis dafür aufbringen, wenn wir trotz dieses schmerzenden Ereignisses heute miteinander feiern und ihrer gedenken.


Das Leben geht ja weiter und will bewältigt sein. Jeder Berggipfel fordert den Wanderer dazu auf, einmal innezuhalten und sich umzuschauen: Welche Wegstrecke habe ich zurückgelegt? Was hat sich in den zweieinhalb, fünf, sechs, sieben und mehr Jahrzehnten zugetragen?

Vor allem aber: Was habe ich persönlich aus den mir gebotenen Möglichkeiten gemacht? Paulus bekennt „Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade 4 an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.“

Es mag als recht kühn erscheinen, an dieser Stelle unserer Überlegungen an das Bekenntnis des Apostels Paulus anzuknüpfen, das er in seinem ersten Brief an die Korinther abgelegt hat – als wollten wir unsere Leistung jener des Apostels gleichsetzen.

Doch diese Sorge ist unbegründet. Paulus redet an dieser Stelle von seiner Arbeit nur indirekt. Ihm geht es darum, klarzustellen, dass er seine Missionserfolge Gott verdankt: „Von Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen.“ Nur unter einem einzigen Aspekt ist jeder Christ mit dem Apostel Paulus vergleichbar: Wir alle leben wie er von Gottes Gnade. Und wir alle dürfen wie er hoffen, dass Gott seine Gnade an uns nicht vergeblich verschwendet hat.

Oder sollten das nicht alle nachsprechen können? Sollte es unter uns auch Enttäuschte geben, die Augenblicke so ernsten Zweifelns erlebt haben, dass sie fürchten, auf ihrem Leben laste – zumindest partiell – der Fluch der Vergeblichkeit? „Vergeblich“ heißt ja auf lateinisch „frustra“. Und was „Frustration“ bedeutet, davon kann wohl jeder unter uns ein Lied singen, und auch die Welt scheint voll davon.

Es ist leider denkbar, dass mancher unter uns beim Rückblick auf die von ihm durchlebten Jahre und Jahrzehnte von Fragen wie diesen gequält wird: „Hätte ich mich nicht doch um einen besseren Schulabschluss bemühen müssen? Durfte ich damals, als die Weichen gestellt wurden, mit meiner Berufsausbildung zufrieden sein? Und mein Ehepartner, meine Ehepartnerin – würde er, würde sie mich ein zweites Mal heiraten, nachdem er, sie mich nun gründlich kennen gelernt hat? Und unsere Kinder – war ich ihnen wirklich eine gute Mutter, ein guter Vater?“

Wenn andere uns tadeln, fühlen wir uns oft nicht wirklich betroffen. Das negative Verhalten unserer Mitmenschen uns gegenüber kann recht zweideutigen Motiven entspringen. Wir sollten es nicht überbewerten. Wenn aber wir selbst vor unserem Gewissen zugeben müssen, dass wir da und dort aus freien Stücken und in eigener Verantwortung falsche Entscheidungen von großem Gewicht getroffen haben, deren Folgen wir nicht mehr rückgängig machen können, dann tut das weh. Mit sich selbst unzufrieden sein, das ist mit das Härteste, was einem im Leben widerfahren kann.

Wenn unsere Gedanken immer wieder um solche wunden Punkte in unserem Leben kreisen, wird es höchste Zeit, etwas dagegen zu tun. Und vielleicht schafft es dieser Gottesdienst, dass wir verändert, mit einem anderen Blick für das Wesentliche wieder auseinandergehen können.

Paulus sagt uns allen: „Von Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen!“ Mich beeindruckt, wenn ich von Zeit zu Zeit Christen begegne, die nicht nur mit dem ihnen von Gott auferlegten Schicksal zufrieden sind – mit der guten oder mäßigen Gesundheit, mit der auffallenden oder bescheidenen Begabung, überhaupt mit all den Umständen, in die sie ohne ihren Willen hineingestellt wurden –‚ sondern die auch zu ihren eigenen Entscheidungen stehen.

Sie haben ihre Träume und Visionen verfolgt und erreicht und sind zufrieden mit ihrem Leben. Da kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass an ihnen Gottes Gnade nicht vergeblich gewirkt hat.

Von Gottes Gnade sind auch wir, was wir sind. Wer sind wir denn nun wirklich? Viele unter uns sind Ehepartner, die dankbaren Herzens antworten können: „Ich bin ein Mensch, dem Gott die Gnade geschenkt hat, einen verlässlichen Mitmenschen an der Seite zu haben, dem ich vertrauen kann in guten wie in bösen Tagen – so Gott will, bis der Tod uns scheidet.“

Sind wir ehrlich: manch einer ist geschieden und in einer neuen Beziehung. Aber damals, vor dem Traualtar, da haben sie daran geglaubt. Und sie haben eine gute Wegstrecke gemeinsam hinter sich gebracht, auch wenn in anderen Fällen der Ehepartner vielleicht schon verstorben ist.

Und die Ledigen, neudeutsch: Singles? Ich weiß nicht, ob Sie alle verheiratet sind, irgendwann verheiratet waren oder noch heiraten wollen. Ich weiß aber, dass es viele zeitlebens Ledige gibt, die eine Aufgabe gefunden haben, welche den Mangel ihres Alleinseins aufhebt.

Und Witwer und Witwen gibt es nicht wenige, die partnerschaftlich mit ihren Mitmenschen umgehen: Sie nehmen sich Zeit für die Menschen um sie herum, denn sie wissen: Gerade der Tag ist vertan, an dem man sich nur mit sich selbst beschäftigt!

Wer sind wir? Manche unter uns sind nicht nur Ehepartner, sondern auch Eltern von Söhnen und Töchtern; mehr noch: Großeltern mehrerer Enkelkinder. Großeltern erleben manchmal voller Trauer, dass sie dem kleinen Nachwuchs ferngerückt sind, den sie doch so gerne mitbetreuen möchten.

Der größere Abstand hat freilich auch etwas Gutes an sich; er gestattet den Großeltern, manches im Verhalten der älteren zur jüngeren Generation klarer und objektiver zu sehen, als ihnen dies im Stande der eigenen Elternschaft einst möglich war. Nicht ohne Grund liebt wohl jede Generation ihre Omas, bei denen man all das darf und durfte, was bei den Eltern untersagt war, oder nicht?

Gesegnet das Kind, dessen Eltern sich als Gottes Statthalter empfinden und wissen, dass ihnen ihre Kinder nur auf Zeit und nur als Leihgabe anvertraut sind und dass sie sich für deren Betreuung zu verantworten haben. Gesegnet aber auch all die Eltern, die solches alles einsehen und in die Tat umzusetzen versuchen, vor allem aber, die ihre Kinder auch dann noch lieben, wenn sie ihr Verhalten nicht mehr verstehen.

Manche sind also Eltern und Großeltern – und die Kinderlosen? Wie ist es um die bestellt? Ich hoffe, dass denen der gleiche Trost gilt, der bereits den Ledigen zugesprochen wurde: Nächstenliebe ist nicht an einen Familienstand gebunden. Es gibt Kinderlose, die mehr Mutterliebe und mehr väterliche Gefühle ausstrahlen als manche leiblichen Eltern.

Ohne den selbstlosen Einsatz dieser Alleinstehenden als Erzieher und Betreuer z. B. vernachlässigter Kinder wäre die menschliche Gemeinschaft um einen wesentlichen Lichtblick ärmer. Die vielerlei diakonischen Dienste in der ganzen Welt legen davon beredtes Zeugnis ab.

Wer sind wir? Wir alle sind auch Kinder unserer Zeit, einer Epoche voller Umwälzungen historischen Ausmaßes – sowohl in der Politik und in der Gesellschaft, als auch in der Kirche.

Als Sie konfirmiert wurden, da sah die Welt anders aus. Manche sind noch in der alten Doppelkirche zur Konfirmation gegangen, vor oder während des vergangenen Weltkrieges. Andere wurden dann in der Nußallee konfirmiert, bevor dieser Teil der Kirche wieder aufgebaut wurde und Sie dann hier eingesegnet wurden.

Auch die Pfarrer haben sich verändert – zum Guten oder Schlechten, das mögen Sie beurteilen – zumindest waren sie, die Pfarrer Munk, Brölsch, Dres. Pribnow und Schlosser immer älter als Sie, anders als heute Morgen, wenn ich gemeinsam mit Ihnen diesen Gottesdienst feiere.

Wir wagen es, mit dem Apostel Paulus zu bekennen: Von Gottes Gnaden sind wir, was wir sind. Wer sind wir denn nun wirklich? Nur Kinder unserer Zeit – oder doch auch Gottes Kinder, die auf das zeitlose gültige Evangelium von Jesus Christus zu hören vermögen?

Was ist es, was letztendlich zählt am Beginn, in der Mitte und am Ende eines Lebens? Doch dies, dass wir uns gefunden haben, dass wir Frieden gefunden haben mit uns selbst, mit Gott, ja auch mit der unversöhnten Welt, und dass wir da loslassen können, wo es kein Weiterkommen gibt.

Letztendlich zählt, dass wir das Ganze unseres Lebens als seinen Reichtum begreifen können, dass wir uns in diesem Sinne der Tiefpunkte unseres Lebens auch rühmen können, weil wir an ihnen – ja gerade an ihnen – gewachsen und gereift sind.

Und nichts anderes möchte ich Ihnen allen heute mit auf den weiteren Lebensweg geben. Denn „durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.“

Nach Jahrzehnten feiern Sie heute wieder hier gemeinsam einen Gottesdienst und Abendmahl. Vieles ist heute anders als damals. Aber die Botschaft des Glaubens und des Lebens ist dieselbe, nämlich dass kein Lebensast an uns allen so knorrig sein kann, dass nicht doch noch an ihm der frische Trieb des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aufbrechen könnte. Dank sei Gott, dem HERRN. AMEN.


Torben W. Telder

- Es gilt das gesprochene Wort -