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Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,
vor allem liebe Konfirmanden,

„Näher mein Gott zu dir…“, so haben wir es eben vor der Predigt gehört. Den Erzählungen nach wurde dieses Lied gespielt, als die Titanic 1912 sank. Viele von uns sind mit dieser Geschichte vertraut: Ein bis dahin unsinkbarer Ozeandampfer wurde Opfer einer Kollision mit einem Eisberg. 2/3 aller Menschen starben. Menschen, die der Technik vertraut hatten, die dabei sein wollten, als es schneller und luxuriöser über den Atlantik gehen sollte als je zuvor. Vor allem die Passagiere der zweiten und dritten Klasse kamen ums Leben, unterprivilegierte Männer und Frauen, die ihr Glück in Amerika finden wollten. Sie hatten lange sparen müssen, alles verkauft und hinter sich gelassen. Und dann ging die Fahrt los, mit Hoffnungen und Träumen, dass es in der Neuen Welt besser für sie werden würde. Diese Wünsche zerschellten an einem Eisberg. Und aus einem unsinkbaren Schiff wurde ein Grab für Tausende.

Mancher hat vielleicht doch Bilder des Kinofilms vor Augen, als der junge Leonardo di Caprio die Arme vorne am Bug des Schiffes ausbreitet und über das unendliche Meer ausruft „Ich bin der König der Welt!“. Nun ja: auch Ihr, liebe Konfirmanden, habt manchmal das Gefühl, König und Königin Eurer Welt zu sein und müsst dann ernüchternd feststellen, dass, solange Ihr noch Eure Füße unter den Tisch der Eltern stellt, Eure Königreiche Grenzen haben. 

So sehr die Geschichte der Titanic eine traurige ist, so sehr passt sie aber dennoch zum heutigen Tag Eurer Konfirmation. Wir versprechen Euch nämlich nicht, dass das Leben, in das Ihr aufbrecht, frei vor allen Gefahren sein wird. Ihr verlasst immer mehr den sicheren Hafen Eurer Kindheit und Jugend – das ist Europa  – und entdeckt zunehmend immer mehr Euren eigenen Horizont, Eure eigenen Grenzen, Eure eigene Zukunft – das ist Amerika im übertragenen Sinne. 

Der Weg dahin geht manchmal schnell, aber manchmal hält er eben auch Klippen und Stolperfallen bereit, wie es der Eisberg für die Titanic war. Wir wünschen Euch aber allen, dass Ihr daran nicht scheitert, sondern hoffentlich entdeckt, welche Fähigkeiten in Euch stecken. Gerade in diesem Jahr, in dem Corona uns durch so vieles einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, gelten diese Worte besonders: Mit viel Kreativität feiert Ihr heute mit Euren Familien und Freunden Euren Festtag, versuchen wir wohl alle irgendwie mit den Einschränkungen umzugehen. 

An einer Stelle in dem Choral „Näher meine Gott zu dir …“ heißt es:

„Ist mir auch ganz verhüllt dein Weg allhier,

wird nur mein Wunsch erfüllt: Näher zu dir!

Schließt dann mein Pilgerlauf, schwing ich mich freudig auf:

Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!“

Die Bibel lehrt uns, dass unsere Wege in der Geschichte Gottes vorgezeichnet sind. Er ist der Ursprung, aber auch das Ziel. Wir würden es uns schön reden, wenn wir nicht zugeben würden, dass Euer Weg mit Sicherheit nun erst einmal etwas weiter weg von der Kirche führen wird. Das war schon immer so und hat auch sein Gutes. Denn erst in der Fremde kann man entdecken, wo Heimat ist, wo  sich der Ort befindet, an den man immer wieder zurückkehren kann. Im Konfirmandenunterricht haben wir versucht, Euch auf Euren Lebensweg vorzubereiten. Wir haben über die Inhalte des Glaubens diskutiert und sind damit noch lange nicht am Ende. Aber Glaube ist nichts für ein steriles Labor, sondern muss sich in den Stürmen und Flauten des Lebens bewähren. Auf einmal wird es bei Euch aufleuchten, was Ihr jetzt vielleicht noch nicht für wichtig erachtet. Und wenn Ihr die nächsten Stationen des Lebens erreicht, die Berufs- und Partnerwahl, Elternschaft und Abschied von den Eltern bedeuten können, dann kann vielleicht auch wieder eine stärkere Sehnsucht für die Nähe Gottes entstehen. Zumindest wünsche ich mir das. 

Meine Lieben, Ihr habt Euch alle eigene Konfirmationssprüche aus der Bibel ausgesucht. Worte, die seit Generationen Menschen als Orientierungspunkte in ihrem Leben verstanden haben. Ein Satz der Erklärung sei an dieser Stelle angebracht.

Jana Kristin, Dein Vers steht im 2. Timotheus 1, 7: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Nicht nur Corona kann einem Angst machen, sondern vieles mehr raubt dem Menschen den Schlaf. Sich dann aber daran erinnern, welche Kraft in einem selbst steckt und wie weit man mit Liebe und Besonnenheit kommen kann, ist eine gute Lebenseinstellung.

Hauke, Deinen Konfirmationsvers finden wir in Psalm 18, 30: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Nicht aufzugeben, wenn alle Türen verschlossen scheinen, wünsche ich Euch allen. Nicht die Flinte ins Korn werfen, wenn es aussichtslos erscheint, dies hat die Menschheit vom Baumhaus auf den Mond gebracht. 

Leander, Du hast Dir ein Wort aus Matthäus 7, 7 ausgesucht: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Nicht alles wird Euch im Leben geschenkt werden. Ihr müsst bitten, suchen und (anklopfen). Aber die Verheißung ist, dass solche Bemühungen nicht erfolglos sein werden. Strengt Euch also an, und Eure Bemühungen werden erfolgreich sein, vielleicht erst auf den zweiten oder dritten Blick.

Jara, in Josua 1, 9 steht Dein Spruch: „Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und habe keine Angst! Denn ich, der HERR, dein Gott, stehe dir bei wohin du auch gehst.“ Gott bleibt mit Euch unterwegs, wie er es schon seit der Taufe ist. Deshalb könnt ihr selbstbewusst und aufrecht hinaus in die Welt gehen. 

Marie, auch für Dich gibt es ein Wort aus den Psalmen, nämlich Psalm 139, 5: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Es ist beruhigend zu wissen, dass man nicht alleine ist. Es tut gut zu glauben, dass neben Familie und Freunden auch Gott für Euch einsteht und in mancher Situation schützend eingreift. 

Im Ersten Bund finden wir in 1. Samuel 16, 7 den Konfirmationsvers für Laura: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.“ Wie schnell lassen wir uns täuschen von Äußerlichkeiten, legen selbst vielleicht viel Wert auf ein gutes äußerliches Erscheinen. Doch wir Menschen sind mehr als unsere Hülle. Wir haben Fähigkeiten und Eigenschaften, die uns liebenswert und interessant werden lassen, wenn wir nur ab und zu hinter das Offensichtliche schauen.

Cosima, Dein Bibelwort finden wir im Brief des Paulus an die Römer 12, 21: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Unsere Welt würde so viel friedvoller ausschauen, wenn dieses Wort zur Grundmaxime unseres Handelns in jedem Bereich werden würde. Böses hat noch nie mit Bösem überwunden werden können, sondern die Spirale von Hass und Feindschaft immer nur weiter gedreht. Sich aber auch einmal zurückzunehmen und dem Finsteren etwas Lichtes entgegenzusetzen, den Mut und die Kraft dazu wünsche ich Euch.

wng hanau 2020 12 16

Und schließlich ein Wort für Eric aus dem Propheten Jesaja 54, 10: „Denn es sollen Berge weichen und Hügel fallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“ Ja, der Eisberg wich nicht vor der Route der Titanic. Aber statistisch kommen viel mehr Schiffe ans Ziel, als dass sie an einem Eisberg scheitern. Die Bibel verschweigt nicht, dass es Widerstände in Eurem, in unserem Leben gibt. Aber sie sollen uns nicht demotivieren, sondern vielmehr das Vertrauen stärken, dass Gott auch dann noch eine Zukunft sieht, wenn wir meinen, am Ende zu sein. 

Liebe Konfirmanden, zwei Zitate von Mark Twain möchte ich Euch nach all diesen Bibelversen noch mit auf dem Weg geben. Mark Twain ist vor allem als Autor der Bücher über die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn bekannt. Beides Jungs, die viele Flausen im Kopf hatten und mit Abenteuer die Welt auf ihre Art entdeckten. Also passt dies schon einmal zu einer Konfirmation.

Die beiden Zitate nun sind aber etwas ernsterer Natur. Das erste lautet: „Die beiden wichtigsten Tage deines Lebens sind der Tag, an dem du geboren wurdest, und der Tag, an dem du herausfindest, warum und wozu.“ Wer unter uns hat denn schon diesen zweiten Tag in seinem Leben herausgefunden? Dieser Tag ist unheimlich wichtig, wie ich finde. Denn dieser Tag offenbart uns, warum wir leben, welche Funktion wir in dieser Welt haben – für uns selbst, für andere, für das Miteinander in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Umwelt. Und dafür muss man nicht unbedingt an die sperrige Lehre der Prädestination, also der Vorherbestimmung, glauben. Und doch bin ich mir sicher, dass wir alle einmalige Talente haben, welche aus sich heraus zu bestimmten Fähigkeiten führen. Und wenn wir dann wissen, warum und wozu dies alles, dann können wir uns auch konzentrieren auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben: Es zu gestalten und reich werden lassen an Erlebnissen und Begegnungen. 

Das zweite Zitat schaut in die Zukunft. Mark Twain sagt: „In 20 Jahren werden Sie eher von den Dingen enttäuscht sein, die Sie nicht getan haben, als denen, die Sie getan haben. Lichten Sie also die Anker und verlassen Sie den sicheren Hafen. Lassen Sie den Wind in die Segel schießen. Erkunden Sie. Träumen Sie. Entdecken Sie.“

So schließt sich der Kreis zum Beginn der Predigt mit der Erinnerung an die Titanic. Was werdet Ihr, was werden wir alle in 20 Jahren zu erzählen haben über unser Leben? Was werden wir erreicht haben, woran gescheitert sein, welches Glück erlebt, welches Unglück durchlebt haben? Ich bin gespannt auf die vielen Begegnungen bis dahin, bei denen ich Zeuge Eures Lebensweges sein darf. 

„Die beiden wichtigsten Tage deines Lebens sind der Tag, an dem du geboren wurdest, und der Tag, an dem Du herausfindest, warum und wozu.“ Lass dann den Wind in die Segel schießen. Erkunde! Träume! Entdecke! So passt auch heute wieder der Predigtschluss, mit dem ich jede Konfirmationspredigt beende. 

Ich wurde vor vier Jahrzehnten in einem unbedeutenden Kaff im Taunus geboren, habe meine  Lebensreise begonnen und bin nun hier in Hanau gelandet – nicht gestrandet! Als für mich klar wurde, dass der Pfarrberuf mein Lebenswunsch war, habe ich alles dran gesetzt, diesen Realität werden zu lassen. Ja, ich habe erkundet und geträumt und bisher auch vieles entdecken dürfen auf meiner Lebensreise. 

Nicht immer erfolgreich, auch über manchen blauen Brief und Rückschläge gäbe es zu berichten. Ich habe meine Zweifel und auch über meinem Leben scheint nicht immer die Sonne Gottes, sondern manche Eisberge erscheinen am Horizont. Da kann mir mein eigener Konfirmationsvers zur Herausforderung werden, der im 86. Psalm steht: „Weise mir, HERR, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte.“

Lichtet die Anker, stecht in See, findet Euren Weg und werdet erwachsen, aber bleibt auch irgendwie Kinder im Herzen. Geht hinaus in diese Welt und seid gewiss, hier, an diesem Heiligen Ort seid Ihr immer willkommen.

Im Namen Jesu Christi, AMEN!