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Gedächtnisniederschrift der Predigt zum Festgottesdienst anlässlich der 400. Wiederkehr des ersten Gottesdienstes in der wallonischen Kirche am 29. Oktober 2009

Liebe Schwestern und Brüder im HERRN, liebe Gäste,

eigentlich ein Super-Gau für jede Veranstaltung: Der Hauptredner ruft 45 Minuten vor Beginn an, dass er auf einem 3 Stunden entfernten Bahnhof festsitzt. Dies ist auch bei einem Festgottesdienst nicht anders, allerdings – so ist es evangelische Lehre – ist es der Heilige Geist, der durch den Predigenden spricht. Dies macht – zumindest mich – mutig, nun diese Predigt spontan zu wagen, im Vertrauen auf Gottes Führung.

Außenstehende - und auch ich selbst - könnten nun meinen, dass da irgendwie der Wurm in diesem Jubiläum drin steckt. Mehrmals falsche Veranstaltungsdaten auf verschiedenen Einladungen und in Pressemeldungen, teilweise selbst verschuldet, teilweise unerklärlich. Auch, dass die Annalen jahrzehntelang ein anderes Datum nannten; wir nicht die Einweihung des holländischen Kirchenteiles genau wissen. Dummheit? Zufall? Oder doch Gottes Fingerzeig? Mir scheint nämlich, gerade jetzt, wenn ich auf dieser Kanzel stehe, dass auch Gott seine Finger im Spiel zu haben scheint. Denn widerspricht es nicht sämtlicher reformierter Theologie, Personenkult zu betreiben, was auch für eine lokale Kirche gelten könnte? Geht es also nicht vielmehr darum, dass auch jetzt in dieser Stunde Gott das Zentrum unseres Redens und Hörens sein sollte, als irgendeine hohe Jubiläumszahl, so eindrucksvoll sie auch sein mag?

In der alten Kirche befand sich auf der Kanzel neben dem Prediger eine große Sanduhr. Auch heute Abend habe ich eine solche mitgebracht. Seit kurzer Zeit habe ich wieder eine, die ich ab und zu einsetze. Sie zeigt uns, dass die Zeit verrinnt und wir sie nicht aufhalten können. Natürlich sahen die Betrachtenden zunächst einmal, wann die Predigt ihrem Ende entgegen gehen sollte. Aber sie erinnerte Redner und Hörer auch daran, wertvoll mit der Zeit umzugehen und sie nicht zu verschwenden mit unnützem Geschwätz. Ich darf gespannt sein, ob Sie diese Predigt als sinnvolle oder als vertane Zeit einordnen werden.


wng_30Seit 400 Jahren feiern wir an dieser Stätte Gottesdienst. Seit über 400 Jahren gibt es unsere Kirche, selbstständig und selbstbewusst inmitten der Stadt Hanau. Weltweit gibt es heute nur noch eine überschaubar kleine Anzahl von Wallonischen Kirchen. Jede einzelne erinnert uns aber daran, dass es Gott ist, der sie erhält und in die Zukunft führen möchte. Dies kann uns zu Recht mit Stolz erfüllen, aber wir sollten dabei auch demütig sein. Als nämlich die ersten Christen immer mehr wurden, hatten die Juden Angst, dass sie zu viele werden könnten. Deshalb befragten sie einen weisen Schriftgelehrten im Jerusalemer Tempel, was sie denn tun sollen. Gamaliel war dieser Mann und er gab zur Antwort: „Ist dieses Werk von Menschen, so wird es untergehen. Ist es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten.” (Apg. 5,38b+39a).

wng_27Ähnliche Erfahrungen haben auch unsere Glaubensmütter und -väter gemacht. Nach einer Odyssee durch halb Europa über England und Dänemark, quer durch Deutschland über Frankfurt kamen sie endlich nach Hanau, damals ein unbedeutendes Städtchen im Schatten der Reichsstadt. Und dennoch kam ihnen dieses Fleckchen Erde, welches ihnen Entfaltung und Religionsfreiheit bot, vor, wie das Gelobte Land, der Zion Gottes, an dem der Verheißung nach die Heiligen von Gott gesammelt werden.

Deshalb nannten sie die erste Straße das Paradies, jene Gasse, die bis heute unsere Kirche mit dem Marktplatz verbindet. Und nicht ohne Grund wählten sie als Predigttext in dem nun vor 400 Jahren ersten Gottesdienst den 122. Psalm, den ich Ihnen nun vorlese:

Ein Segenswunsch für Jerusalem

Von David, ein Wallfahrtslied.

Ich freute mich über die, die mir sagten: Lasset uns ziehen zum Hause des HERRN!

Nun stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem.

Jerusalem ist gebaut als eine Stadt, in der man zusammenkommen soll, wohin die Stämme hinaufziehen, die Stämme des HERRN, wie es geboten ist dem Volke Israel, zu preisen den Namen des HERRN.

Denn dort stehen die Throne zum Gericht, die Throne des Hauses David.

Wünschet Jerusalem Glück! Es möge wohl gehen denen, die dich lieben!

Es möge Friede sein in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen!

Um meiner Brüder und Freunde willen will ich dir Frieden wünschen.

Um des Hauses des HERRN willen, unseres Gottes, will ich dein Bestes suchen.


Meine Lieben, ob wir dieses Gefühl nachvollziehen können? Meiner Generation fehlen meist solche existentiellen Erfahrungen, die ein Volk, eine Gemeinschaft zusammenschweißen. Vielleicht ist es so wie bei dem Mauerfall in Berlin vor 20 Jahren, oder als vor 65 Jahren endlich Frieden war und man gemeinsam aus den Ruinen auferstand, der Zukunft entgegen.

Aber irgendwie hat sich doch ein gewisses Gemeinschaftsgefühl gehalten in unserer Kirche. Über 400 Jahre hinweg haben wir unsere Selbstständigkeit bewahrt und haben uns gegen äußere Angriffe gewehrt. Dies mag von nicht wenigen auch kritisch betrachtet werden, aber ich hoffe doch, dass wir nicht deshalb so eigenständig sind, weil wir uns für etwas Besseres oder Besonderes halten, sondern weil wir für uns, jeder einzelne für sich, entschieden haben und hat, dass unsere Wallonisch-Niederländische Kirche die Art von Gemeinde ist, in der wir unseren Glauben angemessen leben können. Dies soll uns nicht auf den Gedanken bringen, die einzig wahre Kirche zu sein. Diesen Irrtum mögen andere vertreten. Vielmehr wollen wir wahrhaftig in der Lehre, der Liebe und im Glauben sein, wie der Apostel Paulus mahnt.

Sehr oft sage ich den Satz, dass unsere Herkunft unsere Zukunft ist. Manches Mal, gerade wenn es um eine Aktualisierung unseres kirchlichen Lebens geht, jene Aktion also, die das 2. Vatikanische Konzil für die röm. katholische Kirche „Adjournamento” zu deutsch „Verheutlichung” nennt, kommen mir Zweifel, wie lebendig wir es mit unserem Glauben und unserer Gemeindearbeit halten. Ist für manchen unsere Kirche nicht schon längst ein Brauchtumsverein geworden, in dem man Traditionen hegt und pflegt, ohne über deren Sinnhaftigkeit nachzudenken? Diese Frage gilt für uns als Festgemeinde, aber auch jedem einzelnen von Ihnen, die Sie heute mit uns feiern und einer anderen Kirche oder Religionsgemeinschaft angehören.

Unsere Vorfahren gaben sich dann ein Leitwort für ihre beiden Gemeinden. Wir finden sie im 92. Psalm. Die Wallonen wählten Vers 13, der bis heute in unserem Siegel geführt wird: "Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum". Die Holländer den folgenden, der leider etwas in Vergessenheit geraten ist: „Der Gerechte wird wohnen im Hause des HERRN.”

Welch ein Zuspruch geht doch von diesen beiden Versen aus und welche Kraft steckt in ihnen, die wir so oft aus den Augen verlieren in der Geschäftigkeit unseres Alltages. Ja, wir haben uns eingerichtet und trotz mancher Pannen und Rückschläge denken doch viele von uns ganz gleich welcher Konfession: Meine Gemeinde funktioniert auch ohne mich.

Bei der Predigtvorbereitung für Sonntag kam mir diesbezüglich ein m. E. passendes Bild in den Sinn. Wollen wir, dass unsere Kirche(n), und damit wir selbst, grünen wie eine Palme? Oder wollen wir lieber einen Bonsai, jene japanische Baumkreation, dessen Wurzeln und Äste beschnitten werden, damit en miniature ein Baum auf der Fensterbank Platz findet?

Palme oder Bonsai? Empfinden wir: „WOW, so groß ist er geworden, solch starke Äste hat er entwickelt!”, oder dann doch lieber: „Schau mal, wie schön klein und niedlich ich ihn beschnitten habe!” Dieser Vergleich gilt für Eltern und Kinder, für Paare in Partnerschaften, unter Kollegen, aber auch zwischen Gemeindegliedern und Kirche, geistig geleitet durch die Pfarrer. Welch eine Katastrophe und menschliche Dramen sich abspielen, wenn Kinder und Ehegatten sich nicht entwickeln dürfen und immer klein gehalten werden, dies kennen wir.

Ist uns dies aber auch uns hier in der Kirche bewusst? Diese Frage an einem Festtag zu stellen tut Not, denn feiern wir nur unsere glorreiche Vergangenheit oder sind wir auch für eine ebenso glorreiche Zukunft offen?

wng_28„Nun stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem. Es möge Frieden sein in deinen Mauern und Glück in deinen Häusern.” Diese Prophezeiung des 122. Psalms ging damals für die Glaubensflüchtlinge in Erfüllung. Und auch ich sehe eine blühende Zukunft dieser Kirche voraus, wenn wir uns an Gott, den Lebendigen, halten, wenn wir eine nach seinem Wort reformierte Kirche sind und bleiben, wenn jeder einzelne von uns sich einbringt in unserer Kirche, zum Wohle seiner selbst, der anderen und zum Lobe Gottes, als Motivation und nicht als Bremsklotz.

Die Zukunft unserer Wallonisch-Niederländischen Kirche wird sich nicht vorrangig daran entscheiden, was wir alles bewahren, sondern vielmehr daran, was wir alles wagen. Die Bibel kennt wesentlich mehr Verheißungen als wir Ausreden haben können.

wng_29Möge Frieden in unserer Kirche sein und bleiben und mögen andere sich bei uns zu Hause fühlen. Mögen wir tolerant dem Fremden gegenüber sein, so wie auch wir Toleranz und Akzeptanz erfahren haben. Auch wenn wir es vielleicht nicht gerne hören: Wir sind eine Kirche mit Migrationshintergrund, die sehr lange ihre Sitten und Gepflogenheiten in ihrer jeweils eigenen Sprache gelebt hat.

Deshalb ist es unser Auftrag, einander zur Begegnung einzuladen: den Fremden und den Nahestehenden, den Anders-Gläubigen und die Glaubensgeschwister, die Politiker und die Wirtschaftsvertreter. Ich freue mich deshalb, dass mit uns heute so viele Vertreter des öffentlichen Lebens feiern, aus der Politik, der Wirtschaft und den anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften vor Ort. Unsere Kirche versteht sich als ein Ort der Toleranz, aus Dankbarkeit unserer Geschichte gegenüber. Deshalb ermutigen wir unsere Gemeindeglieder, sich tatkräftig zu engagieren, an Bedürftigen, aber auch in der Politik und selbstverständlich in der Ökumene.

Dazu verspricht uns nämlich der erste Psalm: „Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.” (Ps 1, 3)

Diese Entscheidung aber muss jeder für sich selbst treffen, wie sich jedes unserer über 1100 Kirchenglieder dazu entscheidet, bei uns seine religiöse Heimat zu haben. Den Gästen unter uns wünsche ich, dass auch sie eine Heimat gefunden haben. Und wenn nicht, dass sie sich auf die Suche machen. Dies ist ein Ort, an dem es gut ist zu bleiben.

Liebe Schwestern und Brüder im HERRN, liebe Gäste, ich bin am Ende meiner Predigt. Ein Blick auf die Sanduhr zeigt mir und Ihnen, dass sie noch nicht abgelaufen ist. Dies hat seinen guten Grund: Die Predigt soll bei Ihnen zu Hause weitergehen. Palme oder Bonsai? Was nehme ich aus dieser Predigt mit? Diese Antworten müssen Sie sich selbst geben.

Uns als Wallonisch-Niederländischer Kirche wünsche ich als 69. Nachfolger auf dieser Kanzel seit Gründung, dass wir uns unser Überzeugtsein von unserer Kirche behalten, zum Lobe Gottes und zum Wohle unserer Mitmenschen. Nicht stolz, sondern demütig angesichts der Gnade, dass Gott, der HERR, uns als seine Kirche leitet und erhält, wie wir es an der Empore lesen: „Und siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende.”

Dies bezeuge ich im Namen Jesu Christi. AMEN

Aus der Erinnerung niedergeschrieben
Torben W. Telder, vdm