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in der wallonischen Kirche am 1. November 2009.

Liebe Gemeinde,

mit diesem Festgottesdienst erinnern wir uns an ein Ereignis, das 400 Jahre zurückliegt: der erste Gottesdienst in unserer Kirche. Und an ein Ereignis, das 492 Jahre zurückliegt: Mit dem 31. Oktober 1517 begann die Reformation. Wir stehen als Wallonisch- Niederländische Gemeinde in der Tradition der Reformation. Und die Überzeugungen und Erkenntnisse, um die damals gestritten wurde, gehören bis heute zum Kern, zum Herzstück unseres Glaubens. Darum möchte ich Sie gerne für einen Moment mitnehmen in die Zeit Martin Luthers: Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther am Portal der Wittenberger Schlosskirche gestanden und seine 95 Thesen dort angehämmert haben. Seine Kritik an der Kirche, seine scharfe Verurteilung des Ablasshandels, all das, was er in Theologie und Kirche als Missstände erkannt hatte, konnte er nicht länger für sich behalten. Er wollte die Kirchgänger aufrütteln, die am nächsten Tag den Gottesdienst besuchen wollten.

Innerlich hatte es in Martin Luther schon eine ganze Weile gearbeitet. Ein Bibeltext war es vor allen Dingen, der ihn nicht mehr losließ:

Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben, wie geschrieben steht: „Der Gerechte wird aus Glauben leben”. Römer 1,16-17

wng_31Anfänglich war Martin Luther ganz ein Kind seiner Zeit. Und wenn er als junger Mönch Texte wie diesen übersetzte und mit ihnen arbeitete, überkam ihn vor allem ein Gefühl: Angst. Die Angst, Gott nicht zu genügen. Die Angst, durch die eigene Unvollkommenheit längst aus Gottes Gnade herausgefallen zu sein. Er suchte verzweifelt, ein tadelloses Leben zu führen und wo immer es ging, sein Gewissen zu erleichtern. Regelmäßig ließ er sich von seinem Beichtvater Johannes von Staupitz die Beichte abnehmen. Es ist überliefert, dass Martin Luther manchmal mehrfach in der Nacht seinen Beichtvater aufgeweckt hat. Immer wieder machte ihm etwas anderes das Herz schwer, eine Sünde, die er bei der vorherigen Beichte nicht erwähnt hatte. Die Beichte dauerte manchmal bis zu sechs Stunden – alles sollte offen gelegt, nichts verschwiegen werden. Später sagt Luther über diese Zeit, dass er begann, die Worte iustitia dei, Gerechtigkeit Gottes, zu hassen: diese Gerechtigkeit, vor der er nicht bestehen kann, die ihn verurteilt.

Aber durch sein intensives Lesen in der Bibel, vor allem durch diese Worte des Römerbriefes, entdeckt Martin Luther, dass es ganz anders ist: Es wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben. Gerechtigkeit Gottes – das heißt nicht: Gott wacht über meine Fehler und Sünden und spricht dann das gerechte, das strafende Urteil. Gerechtigkeit Gottes – das heißt: Gott selbst spricht mich gerecht. Nicht nur dann, wenn ich alles hundertprozentig mache, sondern mich als Person spricht er gerecht.

Diese Erkenntnis war für Martin Luther das Evangelium, die frohe Botschaft seines Lebens. Seine Ängste hörten auf. Stattdessen wuchs ihm der Mut zu, für seine Entdeckung zu kämpfen, sie gegen alle Widerstände zu verteidigen und sie an die Öffentlichkeit zu bringen. Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes... Diese Worte des Paulus mögen Martin Luther aus dem Herzen gesprochen haben.

wng_32Vielleicht denken Sie jetzt: Zum Glück ist das finstere Mittelalter lange vorbei. Zum Glück ist in unserem Glauben die Angst vor Gott – und in unseren Kirchen die Angstmacherei längst überwunden. Da stimme ich aus vollem Herzen zu. Zum Glück haben Martin Luther und andere Christinnen und Christen nach ihm auf Gottes Wort hin immer wieder Erneuerung, Reformation in unsere Kirchen gebracht.

Aber innerlich – so habe ich den Eindruck – kennen viele Menschen diese Grundangst gut, mit der schon Martin Luther zu kämpfen hatte: die Angst, nicht zu genügen. Die Angst, abgeschrieben oder verurteilt zu werden, wenn die Leistungen nicht stimmen. Solcher Druck begegnet uns lebenslang: in der Schule, wenn die Noten und die Zeugnisse winken, bei der Arbeit, wenn Ziele erreicht und Ergebnisse vorgelegt werden müssen. Im Privaten, wenn einem familiär vieles abverlangt wird und man Angst hat, Erwartungen zu enttäuschen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist gut, sich anzustrengen, sich in Dinge und Aufgaben hineinzuknien, Ziele beherzt zu verfolgen. Und es ist wichtig zu wissen: Erfolge oder Misserfolge machen mich nicht wertvoller oder wertloser. Ich kann – und ich muss mein Dasein nicht dadurch rechtfertigen, dass ich möglichst immer alles richtig mache. Gott hat mich schon gerechtfertigt – und dafür muss ich nichts tun.

Der Theologe Fulbert Steffensky hat für diesen Gedanken, finde ich, sehr schöne Worte gefunden. Er schreibt: „Es gibt zwei Arten von Namen. Nämlich den Indianernamen und den Taufnamen, den wir bei Gott haben. Den Indianernamen bekomme ich, wenn ich mich namhaft gemacht habe: Wenn ich also scharf spähen gelernt habe, nennt man mich „Adlerauge”. Wenn ich schnell laufen gelernt habe, nennt man mich „springender Hirsch”. Der Indianername ist ein schöner Name, weil er die Stärken der Menschen ehrt. Aber wie gut ist es, dass es nicht nur ihn gibt. [...]

Das Schönste, was uns das Christentum lehrt, ist die Überzeugung, dass wir nicht da sind, weil wir es verdient haben. Unser Name ist schon in die Hand Gottes geschrieben, ehe wir uns einen Namen gemacht haben. Ehe wir uns den Indianernamen verdient haben, sind wir mit dem Namen der Liebe gerufen."

Da heißt es, dass Gott mich gerecht spricht, ohne alle Leistung, allein aus Glauben. Gott gibt uns eine unantastbare Würde.

Für Martin Luther war dies die frohe Botschaft seines Lebens. „Als ich das verstanden hatte,” so schreibt Luther später, „fühlte ich mich wie ganz und gar neu geboren. Wie durch ein offenes Tor trat ich in das Paradiesgärtlein selbst ein.”

Und das wünsche ich uns an diesem Festtag, der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde und jedem von uns persönlich: Dass wir – so wie Martin Luther – in der Bibel Worte finden, die uns Gott neu entdecken lassen; Worte, die unsere Angst vertreiben und uns mutig machen zum Reden und zum Handeln; Worte, die unser Herz öffnen für die Menschen um uns – und Worte, die uns den Himmel öffnen.

Amen

Kathrin Lübke, Pfarrerin