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Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,

besonders Sie, liebe Jubelkonfirmanden,
liebe Gäste im Tempel unseres Glaubens!

Was für ein Tag und was für eine Stunde – nicht wahr?! Als wäre es gestern gewesen, damals, als Sie noch ganz jung waren und das ganze Leben noch vor sich hatten. Als Sie vor 75, 70, 65, 60, 50 und 25 Jahren in diese oder eine andere Kirche einzogen – mit dem neuen Kleid, den frisch geschnittenen Haaren, dem gestärkten Hemd, das am Hals so kratzte. Wo ist nur die Zeit geblieben?

Heute sind wir mit langsameren Schritten herein gezogen. Heute stehen nicht alle mehr sicher auf den eigenen Beinen – aber dafür gibt es ja Hilfsmittel. Damals hat Sie die Predigt nicht immer interessiert und Sie haben manchen Blödsinn in den Bänken oder im Unterricht gemacht.

Heute würden Sie so gerne alles verstehen, aber das ist nicht immer leicht: die Zeit ist eine andere mit anderen Gedanken und das Gehör hat bei manchem nachgelassen – und dann spricht dieser junge Pfarrer auch noch so schnell – ich werde mir Mühe geben


Ja, wie war Ihr Leben? Was haben Sie sich aufgebaut und wieder verloren? Welche Erfolge durften Sie feiern und welche Niederlage mussten Sie einstecken? Ist alles so gekommen, wie Sie es sich gewünscht haben? Und die Jüngeren unter uns: welche Träume haben Sie noch? Noch können Sie ja manches in Ihrem Leben in andere Bahnen lenken – dafür ist es ja nie zu spät!

"Licht und Schatten liegen dicht beieinander", sagt der Volksmund und das stimmt auch: Wo Schatten ist, muss auch Licht sein. Und wo Licht ist, wirft es Schatten dort, wo es nicht hingelangt. Licht und Schatten liegen eng beieinander. Sie bedingen einander, wie Freude und Leid, Glück und Pech.

Auch unser ganzes Leben wird von Licht und Schatten durchzogen. Da gibt es Hoch-Zeiten: zum Beispiel, wenn Ihnen jemand sagt: "Ich liebe dich". Oder wenn Sie ein Kind bekommen und dieses kleine Bündel Mensch zum ersten Mal in Armen halten. Wenn die Kinder mit den Enkeln zum ersten Mal auf Besuch sind. Wenn der Schlüssel zum Eigenheim übergeben wird. Das Leben kann so schön sein.

Aber gleichzeitig tragen wir auch in uns dunkle bis finstere Erinnerungen – wohl auch in diesem Moment. Sich an diese zu erinnern, ist oft nicht leicht, weil da Wunden aufbrechen können, die sehr geschmerzt und Narben hinterlassen haben.

Wenn ich auf die Geburtsdaten der heutigen Jubelkonfirmanden blicke, dann kann ich manche dieser Erinnerungen mir vorstellen: Immerhin reicht manche Lebensspanne zurück bis in die Zeit des 3. Reiches, die Kriegs- und Nachkriegszeit, als Flucht und Hunger den Alltag prägten. Oder Sie erinnern sich an manch lieben Menschen, der heute nicht mehr dabei sein kann: nicht nur, weil er die Kirche verlassen hat, sondern schon gestorben ist.

Wie schmerzhaft ist es, an den letzten Kuss, die letzte Umarmung eines geliebten Menschen zu denken. Oder war es ein Unfall, der den lieben Weggefährten, Freund oder Angehörigen von jetzt auf gleich aus dem Leben riss? Beides also, Licht und Schatten, schlagen sich nieder im Album Ihrer Lebenserinnerungen.

wng_d10jf11_03_thumbAll das und vieles mehr ist in dieser Stunde mit uns hierher gekommen. Und unser Glaube weiß davon. Unser Glaube ist nämlich mehr als Äußerlichkeiten: mehr als die Diskussion, wie eine reformierte Kirche im Jahr 2010 aussehen sollte: Blumen auf dem Abendmahlstisch, Kanzelbehang, Kerzen, Abendmahlsordnung – das ist alles so nebensächlich, wenn es um die wirklich wichtigen Dinge im Leben geht, die der Glaube auffangen möchte.

Davon handelt auch der Predigttext, den ich für diese Stunde ausgesucht habe, aus dem Gebetsbuch der Juden und Christen, dem Psalter. Ich lese daraus den 43. Psalm.

Predigttext: Psalm 43

Meine Lieben, "Sende, Gott, dein Licht und deine Wahrheit", so fleht der Psalmbeter und breitet vor Gott aus, was ihm so dunkel auf der Seele liegt. Wer könnte ihn nicht verstehen? Wer sehnt sich nicht nach Licht und Wärme, wenn es dunkel und kalt ist?

Diese Rede vom Licht durchzieht die ganze Bibel, von der ersten bis zur letzten Seite. In der Feier der Osternacht begegnet uns dieses Thema besonders, wenn wir in der dunklen Kirche die Schöpfungsgeschichte hören: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer und Gott sprach: Es werde Licht - und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war.“

Aber von Anfang an hatte sich bei all dem Licht auch Schatten über die Geschichten der Menschen gelegt: Kain und Abel, der Turmbau zu Babel und viele andere Berichte von Schuld und Schatten finden wir auch auf den Seiten der Heiligen Schrift.

Und so findet sich auch in unserem Leben Schuld und Schatten – sie bleiben nicht aus. Auch wir befinden uns von Zeit zu Zeit in einem dunklen Loch, das das Licht des Tages nicht erreicht. Was können wir dann tun ? Wie kann es dann wieder licht werden in all der Finsternis?

Vielleicht erinnern wir uns in solchen Augenblicken an Worte aus dem Religions- oder Konfirmandenunterricht, die manche damals unter großen Mühen hatten lernen müssen, ohne gleich den Sinn dahinter zu erkennen, weil es Arbeit war und als verlorene Zeit erschien.

wng_d10jf11_04_thumbDoch später sind solche Worte manchmal wie das lang ersehnte göttliche Licht, das unsere Situation wieder aufhellt. Dafür muss man nicht erst in einer Bombennacht im Bunker sitzen. Da reicht schon das hohe Fieber des Kindes, die eigene Krankheit, der Tod des Ehepartners, die aussichtslose Zukunft.

Solche lichte Worte sind zum Beispiel: "Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du – Gott – bist bei mir.“ oder: "Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohlmachen."

Oder eben die Worte unseres Predigtpsalms: "Sende, Gott, dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung."

Ja, dieser Tempel unseres Glaubens, so sehr er auch unter dem letzten Krieg gelitten hat und bis heute diese Spuren trägt, ist unser Ebenezer, das heißt: Gott hat uns bis hierher geholfen (1.Sam.7). Ebenzer ist die Stätte im Alten Testament, die als Denkmal des Naheseins Gottes gilt. An dieser Stätte erleben und spüren auch wir jenen, der von sich sagt: „Ich bin das Licht der Welt“. Darum lieben wir dieses Haus und besuchen es gern – wenn leider auch nicht alle regelmäßig.

Sie, liebe Jubiläumskonfirmanden, sind heute auch an diesen heiligen Ort zurückgekehrt. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie diesen Raum, oder den Ihrer damaligen Heimatkirche, ebenso als einen Ort erleben, an dem Gott Ihnen nahe war, ist und bleiben wird.

In Gottes Zelt auf Erden haben Sie die guten Ordnungen des Lebens kennen gelernt, an Seinem Tisch stärkt sich Ihre Kraft, auch im Alltag die guten Ordnungen unseres Glaubens für ein gelingendes Miteinander in den Familien und unseren Freundschaften aufrecht zu erhalten, und hier hören wir auch davon, wie unser Leben zu seinem Ziel kommt.

Heilige Gottes! In diesem Moment leuchtet das Licht des ersten Schöpfungstages hell auf. Darin sehe ich meinen Auftrag, als Gottes berufener Diener das prophetische Wort zu verkünden: das Licht und die Quellen weiterzugeben, aus denen wir unsere Lebensfreude und unseren Trost in dunkler Zeit schöpfen.

Auch unsere Nachkommen sollen nicht ohne dieses lebendige Wasser leben, nicht ohne das Licht, das die Fackel des Glaubens in uns einmal entzündet hat.

wng_d10jf11_06_thumbAm Ende des Predigttextes spricht der Psalmist vom Dank gegenüber Gott. Laßt uns diesen niemals vergessen. Dankbarkeit für ein langes, erfülltes Leben, für erfahrenen Trost, für Glück und Zufriedenheit, die jedem geschenkt wurden, mal größer, mal kleiner.

Liebe Jubelkonfirmanden: Als Sie konfirmiert wurden, da sah die Welt anders aus. Manche sind noch in der alten Doppelkirche zur Konfirmation gegangen, vor oder während des vergangenen Weltkrieges. Andere wurden dann in der Nußallee konfirmiert, bevor dieser Teil der Kirche wieder aufgebaut wurde und Sie dann hier eingesegnet wurden.

Auch die Pfarrer haben sich verändert – zum Guten oder Schlechten, das mögen Sie beurteilen – zumindest waren sie, die Pfarrer Munk, Brölsch, Dres. Pribnow und Schlosser, immer älter als Sie, anders als heute Morgen, wenn ich gemeinsam mit Ihnen diesen Gottesdienst feiere.

Nach Jahrzehnten feiern Sie heute wieder hier gemeinsam einen Gottesdienst und Abendmahl. Vieles ist heute anders als damals. Aber die Botschaft des Glaubens und des Lebens ist dieselbe, nämlich dass kein Lebensast an uns allen so knorrig sein kann, dass nicht doch noch an ihm der frische Trieb des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aufbrechen könnte.

So wünsche ich Ihnen und uns allen: „Gottes Segen sei mit uns. Seid gesegnet, die ihr vom Hause des Herren kommt. Sein Licht erleuchte unsere Herzen, damit wir weitergeben können, was Gott in uns begonnen hat.”

Daran glaube ich, davon predige ich und dies bezeuge ich im Namen Jesu Christi. AMEN

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