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Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,
liebe Gäste im Tempel unseres Glaubens!

in diesem Gottesdienst erinnern wir uns also an unseren ehemaligen Hirten, Pfarrer Werner Brölsch. Vor wenigen Tagen wäre er 100 Jahre alt geworden. Gott, dem HERRN über Leben und Tod, hat es aber bereits im März diesen Jahres gefallen, ihn zu sich zu rufen. So hat er zwar nicht ganz einhundert Jahre vollendet, aber doch ein ganzes Jahrhundert erlebt und gestaltet.

So lade ich Sie ein zu einer Lebensreise. Und wir wollen dies im Spiegel dieses einen Verses unseres Predigttextes tun: „Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes (V. 11+12)“.

Wenn Paulus in diesen Versen die unterschiedlichen Ämter der Kirche beschreibt, dann hat er noch nicht das moderne Pfarramt vor Augen, in dem viele Aufgaben zusammen kommen: das Leiten, das prophetische Reden, die Verkündigung, das Gemeindemanagement und die Unterweisung im Glauben. All diese Aufgaben werden uns im Leben Werner Brölschs begegnen.

Brölsch wurde am 25. Oktober 1910, also zu Kaisers Zeiten, als Sohn eines Berufssoldaten in Duisburg geboren. Dort wuchs er auf und kam schon früh mit der Jugendarbeit der Kirchengemeinden, vor allem in Bibelkreisen in Berührung.

Neben dem rheinischen Arbeitermilieu war dies wohl die prägendste Kraft während seiner Jugendzeit. 1929 verließ er die Oberrealschule, da die Familie sich ein Studium nicht leisten konnte. So ging er auf eine Höhere Handelsschule und machte ein kaufmännisches Abitur. Bis 1934 arbeitete er auch als kaufmännischer Angestellter. Engagiert blieb er aber weiterhin in der Jugendarbeit rund um die Bibel.
Anfang der 30er begann dann doch der Wunsch in Brölsch zu reifen, Theologie zu studieren. Er fand Unterstützer, holte die allgemeine Hochschulreife nach und begann 1935 das Studium der Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal-Barmen. Hier kam er auch mit der Bekennenden Kirche in Kontakt, die im Kirchenkampf gegen das Hitlerregime stand.

Für mich als Theologen waren seine Lehrer beeindruckend: Bultmann, Gogarten, Heim, Jeremias und Weber sind nur einige, die ich nur aus deren Bücher kenne. Das Studium führte ihn nach Marburg, Tübingen und Göttingen.

In Göttingen traf er auch seine Frau Marlene im Reformierten Studienhaus, die er im September 1942 heiratete. Da hatte ihn aber bereits der Einberufungsbefehl erreicht. Examina und Vikariat waren nur in der Urlaubszeit oder in einer Verwundungspause möglich. 1943 wurde er in Göttingen ordiniert.

Von dort wurde Brölsch zu uns nach Hanau berufen, da die Pfarrstelle erst durch die schwere Krankheit und dann nach dem Tod von Pfarrer Munk verwaist war und nur schwer besetzt werden konnte. So kam er also gemeinsam mit seiner Frau Marlene hierher nach Hanau.

In verschiedenen Gesprächen hat er mir von dieser Zeit erzählt. Von dem Pendeln zwischen dem Fronteinsatz im Rheinland und den Wochenenden hier in Hanau. Von der Beschwerde des Konsistoriums, wenn die Predigt wieder einmal kürzer ausfiel, weil auf der Bahnfahrt keine Zeit zur ausführlichen Vorbereitung war, von der Familie, die mittlerweile auch Nachwuchs bekommen hatte und ernährt werden wollte.

Ja, es waren schwierige Jahre. Und dann die Katastrophe. An einem Sonntag stand er noch in der prächtigen Doppelkirche auf der Kanzel, und am folgenden Sonntag, nach dem 19. März 1945, stand er vor den Trümmern unseres geistlichen Zentrums der zerstörten Stadt Hanau. Was sollte nur werden?

Pfarrer Brölsch – wohlgemerkt ein Berufsanfänger im Pfarramt! – krempelte die Ärmel hoch und begann, die Gemeinde zu sammeln und wieder zu organisieren, gemeinsam mit verdienten Konsistorialen wie Dr. Canthal oder Heraeus. Die ehemalige Kinderkrippe an der Nußallee wurde wieder von der Gemeinde besiedelt und Brölsch war sehr kreativ in der Beschaffung von Lebensmitteln und Baumaterial – mit einem Schmunzeln hat er mir davon erzählt.

Sein Organisationstalent machte andere auf ihn aufmerksam. So folgte bereits 1947 der Ruf zur Bremischen Landeskirche als Landesjugendpfarrer. Er organisierte Jugendfahrten und Begegnungen und baute an vielen Stellen kirchliche Strukturen wieder auf. Wieder wurden andere auf ihn aufmerksam und er ging 1959 nach Berlin zur Inneren Mission, die er aber 1962 wieder verließ, um Leiter der Jugendakademie Radevormwald zu werden.

1969 wechselte Werner Brölsch dann zum letzten Mal seinen Arbeitsplatz und wurde Leiter des Christopheruswerkes, der Diakonie in Duisburg. Nach seiner Pensionierung Mitte der 70er engagierte er sich weiterhin in Jugendbildung, Diakonie und Publizistik. Bis ins hohe Alter war er ein gern gesehener Gesprächspartner, für viele Freunde und Wegbegleiter, aber vor allem auch für seine Familie.

Sein Sohn Christoph hat an seinem Grab am Tag des 100. Geburtstags die Sätze gesagt: „Wir sind auch hier nicht, um zu feiern und zu gratulieren, sondern weil uns allen klar ist, dass in diesem Fleckchen Sand etwas von uns selbst begraben liegt. Begraben, aber nicht vergessen; nie vergessen solange wir leben! Und auch darüber hinaus nicht vergessen von den Enkeln und Urenkeln, die er alle getraut, getauft und in der Nähe und Ferne begleitet hat. Er hat für uns und sie, besonders in entscheidenden Stunden, gebetet und uns – fast alle – in Gesundheit und Lebenszuversicht erhalten.“

„Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes.“

Geschwister im HERRN, für mich zeichnen sich im Leben von Werner Brölsch all diese Ämter ab – ich sagte es bereits zu Anfang –: er verstand das Organisieren von Kirche wie ein Apostel. Er verstand es, Visionen zu entwickeln und mutig anzugehen, wie ein Prophet. Ihm verdanken wir es, dass es nach dem Krieg so schnell wieder zu einem gemeindlichen Leben kam und er die Jahrhunderte lange und bewährte Tradition unserer Wallonisch-Niederländischen Kirche fortführte.

Er begeisterte Menschen mit seiner Predigt von der Liebe Gottes und der Freiheit des Geistes, wie ein Evangelist. Er verstand es, Menschen zusammenzuführen und Konflikte auszuhalten, wie ein Hirte. Und er wurde nicht müde, der nachwachsenden Generation die Sprengkraft von Glaube und Versöhnung näher zu bringen, wie ein Lehrer.

Ich selbst bin ihm so unendlich dankbar, dass er mir seit meinem Amtsantritt in einigen Gesprächen den Blick schärfte – trotz seines hohen Lebensalters, oder gerade deshalb! Bei manchem musste ich schmunzeln, denn manche Lebensphasen verliefen so ähnlich: auch ich habe ein Kaufmännisches Abitur, habe in einem Wirtschaftsbetrieb gearbeitet und wurde als Berufsanfänger auf diese Stelle berufen. Geschichte wiederholt sich – ob zum Guten, werden kommende Generationen beurteilen müssen.

Es war für mich ein ergreifender Moment, als er mich vor einem Jahr anlässlich seines Besuches hier in Hanau segnete. Als mich die Hände dieses Gottesmannes zum Segen berührten, spürte ich den Heiligen Geist, der uns im gleichen Amt verband.

Und auch wenn es keine reformierte Lehre ist, so erlebte ich in diesem Moment eine „Apostolische“ wallonisch-niederländische Sukzession, also eine ungebrochene Kontinuität in unserem einstmals unversehrten Tempel des Glaubens bis hinüber in unsere Gegenwart in der Nachfolge der einzelnen Pfarrer. Diese Sukzession, also ununterbrochene Linie seit Gründung, fußt auf der Vorsehung und dem einen Wort Gottes, der Heiligen Schrift – evangelisch gesprochen also die successio verbii.

In diesem einen segnenden Moment spürte ich das bewahrende Auge Gottes über unserer Kirche durch all die Zeiten hindurch. Ist uns diese Gnade Gottes als gegenwärtige Glieder unserer Wallonisch-Niederländischen Kirche bewusst?

In der Nähe meiner Ordinationsurkunde bewahre ich seine guten, geschriebenen Worte an mich auf. Sie geben mir Kraft und Zuversicht in Zeiten der Flauten und der Stürme. Brölsch schrieb: „Ihre Ordination [...] sehe ich als wichtiges Element an. Sie kennzeichnet, dass Predigt keine Rede ist. Predigt ist Verheißung, die zunächst den Prediger selber betrifft. Es geht dabei nicht um rhetorischen Glanz, sondern darum, ob der Prediger sich selber einbezogen weiß. [...] Wir sind in ein kirchliches Amt unter Handauflegung eingewiesen, damit Menschen durch den Heiligen Geist zum Glauben gelangen. Wir Ordinierten sind nicht gefeit gegen Nervosität, Ungeduld, Empfindlichkeit, Depression, Verlangen nach Anerkennung und das ganze übrige Sündenheer.
Wir sind Angeschlagene Gottes und humpeln mit unserer Jakobshüfte durch unsere Kirche, aber wir sind doch die Wunschkinder Gottes, die er dringend braucht, denn noch immer kommt der Glaube aus der Verkündigung.“

So feiern wir heute das Leben und das Vermächtnis unseres 63. Pfarrers seit Gemeindegründung. Wir feiern nicht einen abgehobenen Heiligen, den wir in einer steinernen Figur verehren. Wir feiern jenen Menschen, von dem bis heute noch ca. 50 getaufte, 4 getraute und über 20 konfirmierte Glieder unserer Kirche leben.

Zum Schluß möchte ich Werner Brölsch selbst zu Wort kommen lassen. In einer Predigt von 1965 beschreibt er seinen Freiheitsbegriff des Glaubens – für mich sehr visionär: „Es gibt für den Christen kein Gesetz mehr als das Gesetz der Freiheit. Kein allgemeingültiges Gesetz, das ihm von anderen oder das ihm auch von ihm selbst auferlegt werden könnte. Wer die Freiheit aufgibt, gibt sein Christsein auf. Der Christ steht frei ohne irgendwelche Rückendeckung vor Gott und vor der Welt, auf ihm allein ruht die ganze Verantwortung dafür, wie er mit dem Geschenk der Freiheit umgeht. Durch diese Freiheit aber wird der Christ im ethischen Handeln schöpferisch. Das Handeln aus der Freiheit ist schöpferisch. Der Christ greift gleichsam aus der Ewigkeit heraus die Gestalten seines ethischen Schaffens, setzt sie souverän in die Welt, als seine Tat, seine Schöpfung aus der Freiheit eines Kindes Gottes. Der Christ schafft sich seine Maßstäbe für gut und böse selbst..., der Christ schafft neue Tafeln, neue Dekaloge.“

„Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes.“

Wir verneigen uns vor einem getreuen Diener Gottes. Eingereiht in die Series Pastores unserer Kirche wollen wir sein Andenken bewahren.

Und mit den Worten seines Sohnes will ich schließen: „Es gilt jetzt nicht zu weinen über das und den, den wir verloren haben. Es gilt dafür dankbar zu sein, dass wir ihn hatten haben dürfen! Deswegen sind wir heute hier! Wir wissen, dass er nach diesen vielen Jahren physisch nicht mehr konnte und dann auch nicht mehr wollte und wir haben ihm zuletzt einen sanften Tod gewünscht. So ist er ruhig neben uns eingeschlafen. Er war nicht allein!“ Der HERR rief seinen treuen Diener in die himmlische Heimat.

Daran glaube ich, davon predige ich und dies bezeuge ich im Namen Jesu Christi. AMEN.

Torben W. Telder, vdm