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Liebe Gemeinde,

nachdem die Kinder nun bereits etwas über den Guten Hirten gehört haben, wollen auch wir uns von Ihm anrühren lassen.  Lassen wir noch einmal den Hebräer-Brief zu Wort kommen: „Der Gott des Friedens, der den großen Hirten seiner Schafe, unseren Herrn Jesus, von den Toten auferweckt hat, nachdem er mit dessen Blut den neuen, ewig gültigen Bund besiegelt hatte  – dieser Gott möge euch die Kraft geben, all das Gute zu tun, das nach seinem Willen durch euch geschehen soll. Durch Jesus Christus möge er in unserem Leben das bewirken, woran er Freude hat. Ihm gebührt die Ehre für immer und ewig (Hebräer 13, 20-21)“.

wng-1303-20Kraft – Gutes tun – Freude – Frieden. Worte, die mir sofort ins Auge springen und sehr gut zu einem Gemeindegründungsfest passen, an dem wir die Vergangenheit für die Zukunft im Blick der Gegenwart lebendig werden lassen. In einem Sitzungsprotokoll von 1852 las ich folgende Notizen, die ich öfters zitiere: „Die Vorsehung, welche sich dahier eine Kirche wie die unsrige hat gestalten lassen, wird sie auch erhalten, wenn in ihre Glieder mehr Geist kommt, der sie gegründet hat; der Geist der sich selbst aufopfernden Liebe Jesu Christi unseres Heilandes.“

Es ist also kein Zufall, dass es unsere Kirche hier im Herzen Hanaus gibt, sondern wir sind gottgewollt und stehen unter seinem besonderen Schutz. Der Gute Hirte wacht über seine Schafe. Aber lassen sich die Schafe auch gut weiden? Was gehört zu einer lebendigen Kirche? 

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Vielleicht erinnern Sie sich: vor 10 Jahren wurde der schiefe Turm von Pisa nach fast 20 Jahren Renovierungszeit wieder für den Publikumsverkehr geöffnet. Man hatte 25 Millionen Euro investiert, um den Turm zu stabilisieren. Über 100 Tonnen Schutt hatte man unter dem Turm abgetragen und ein neues Fundament gegossen, damit er nicht noch mehr in die Schieflage geriet bzw. umfallen konnte. Denn das Problem war kein Planungsfehler oder schlechtes Arbeitsmaterial. Das Problem war das Fundament, das nicht tragfähig war und Jahrhunderte später den Turm aus dem Lot brachte. 

Meine Lieben, auch das kann einer Kirche passieren – geistlich gemeint. Wenn wir nicht immer wieder überprüfen, was unsere Grundlagen sind, mit denen wir diese Kirche leiten und bauen, dann kann sich eine Schieflage einschleichen, die wir jetzt vielleicht noch gar nicht merken und die sich erst Generationen später zeigen wird. 


Aus meiner Sicht ist der Schatz der Glaubensstärke, den unsere Vorfahren mit an diesen Ort brachten, heute teilweise verloren gegangen. Geführt durch Gottes Hand und weise Entscheidungen haben sie an diesem Ort nach ihrer Verfolgung ihr Leben neu gestaltet. In einer ihnen nicht immer freundlich zugetanen Gegend haben sie untereinander und miteinander Gutes getan und Frieden gehalten. Und mit dieser einzigartigen, großartigen Doppelkirche haben sie nicht nur Gott die Ehre gegeben, sondern sich ein Denkmal gesetzt, das sie daran erinnern sollte, auf welchem geistlichen Fundament sie ihr Leben führen wollten. Und es wurde ein erfolg-reiches Leben. 

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Wie sieht das heute aus? Sind auch wir noch so ergriffen vom Glauben unserer Gründungsväter? Glauben auch wir an eine Vorsehung, die über unserem Leben steht und an den Guten Hirten, der uns durch unser Leben führen mag? 


Was ist für ein gesundes und tragfähiges Fundament nötig, meine Lieben? Vier Stichpunkte: Gebet – Kraft – Verkündigung – Leidenschaft. 

Das erste: unsere Gebetskultur. Wenn das Volk Israel oder die ersten Christen in Schwierigkeiten kamen, fingen sie an zu beten. Wenn sie vor Entscheidungen standen, fingen sie an zu beten. Wenn sie sich kraftlos fühlten, fingen sie an zu beten. Wenn sie irgendein Problem hatten, kamen sie zusammen und beteten. Was wir daraus lernen können, ist, dass wir wesentlich mehr beten müssten, vielleicht auch öffentlich. Dass wir dem vertrauen sollten, der uns im Angesicht unserer Feinde doch hilft als Guter Hirte. 

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Das zweite Stichwort: Kraft. An Pfingsten bittet die Kirche um die Kraft des Heiligen Geistes. Das haben wir vor zwei Wochen getan. Wo der Geist weht, setzt sich etwas in Bewegung. Vielleicht brauchen wir bei uns auch einmal einen kräftigen Windstoß, der uns den Kopf frei macht und manch Eingefahrenes durcheinander wirbelt. Die Wahrheit ist doch, dass Gott noch viel mehr mit uns vorhat, als uns vor Augen steht. Deshalb feiern wir ja auch gemeinsam das Heilige Abendmahl, nicht nur als Stärkung des Glaubens, sondern auch als Begegnung mit dem Reich Gottes, welches hier schon mitten unter uns anbricht. 


Das dritte Stichwort: Verkündigung. Da werden Sie sich nun sagen, dass Sie ja dafür einen Pfarrer haben. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. In Wirklichkeit braucht die Verkündigung Sie alle. Sie tragen den Glauben hinaus in die Welt, indem Sie Ihren Kindern davon erzählen, indem Sie Ihre Nachbarn neugierig machen. Wenn wir uns mit unseren Mitmenschen unterhalten, dann hören wir ihnen nicht nur zu, sondern wir beziehen sie mit ein in unser Leben. Menschen wollen doch auch nicht die ganze Zeit bepredigt werden. Das Evangelium ist eine ganz einfache Botschaft, nur haben manche Prediger sie leider verkompliziert. Da entsteht dann mehr Verwirrung als Hoffnung für die Zukunft. Im finsteren Tal erwarten wir vom Guten Hirten keine guten Ratschläge, sondern Wege, zurück in das Leben zu kommen. 

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Und schließlich das vierte und letzte Stichwort: Leidenschaft. Woran erkennt man Leidenschaft? An Begeisterung zunächst, die uns Menschen zu Höchstleistungen anspornt. An Energie, Träume und Projekte in die Tat umzusetzen. Etwas was wir für unser neues Gemeindezentrum dringend brauchen. Leidenschaft lässt sich auch von Rückschlägen nicht abschrecken. 416 Jahre haben Menschen Begeisterung für unsere Kirche gezeigt und ich bete zu Gott, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird. 

„Der Gott des Friedens, der den großen Hirten seiner Schafe, unseren Herrn Jesus, von den Toten auferweckt hat, nachdem er mit dessen Blut den neuen, ewig gültigen Bund besiegelt hatte  – dieser Gott möge euch die Kraft geben, all das Gute zu tun, das nach seinem Willen durch euch geschehen soll. Durch Jesus Christus möge er in unserem Leben das bewirken, woran er Freude hat. Ihm gebührt die Ehre für immer und ewig.“

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Carissimi, es hat viel Mühe und Arbeit gekostet, den schiefen Turm von Pisa wieder ins Lot zu bekommen, ihn für kommende Generationen zu erhalten. Und auch wir brauchen viele helfende Hände, um diese Kirche mit Leben zu füllen. Aber bei all der Geschäftigkeit wollen wir niemals vergessen, auf wessen Fundament diese Kirche gebaut wurde und unser Glaube fußt: Dem Guten Hirten, der dem Verlorenen nachgeht und uns sicher durch die Stürme des Lebens und der Zeit führen mag.

So werden uns „Güte und Barmherzigkeit umgeben alle Tage unseres Lebens und wir werden wohnen im Haus des Herrn für alle Zeit.“ AMEN.

Pfarrer Torben W. Telder, vdm 

– Es gilt das gesprochene Wort –