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Ordinationsspruch
Psalm 36,6: 

„Herr, deine Güte reicht,
soweit der Himmel ist,
und deine Wahrheit,
soweit die Wolken gehen.“

Liebe Gemeinde,

dieser Satz aus dem 36. Psalm ist ein Satz des Glaubens, des Vertrauens. Mit dem Vertrauen ist es so eine Sache. Ohne Vertrauen würde unser Leben nicht funktionieren. Ein jeder macht so seine Erfahrung im Laufe seines oder ihres Lebens. Nicht immer verhalten sich alle so, wie wir es erwarten. Menschen enttäuschen unser Vertrauen manchmal. Wir wissen, dass Kinder nur zu leicht Vertrauen schenken. Als Erwachsene haben wir unsere guten und nicht so guten Erlebnisse in Bezug auf Vertrauen, und trotzdem schenken wir Fremden Vertrauen: dem Piloten im Flugzeug, dem Arzt im Krankenhaus, dem Lokführer im Zug. Viele Beispiele ließen sich noch nennen. Ohne dieses Vertrauen würde unser Leben nicht funktionieren.

Zugleich sind aber viele Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens von Vertrauenskrisen bedroht. Vertrauen ist nicht selbstverständlich. Es kann verloren gehen oder sich unzureichend ausbilden. Sich auf etwas oder jemanden zu verlassen, kann ein Wagnis sein. Und mancher Versuch, den Vertrauensverlust zu stoppen oder vorzubeugen, hat sich als kontraproduktiv erwiesen: Je mehr kontrolliert oder versichert wird, desto mehr scheint das Vertrauen zu schwinden.

Im starken Kontrast dazu steht der Glaube. Denn Glauben ist ja nichts anderes, als Gott zu vertrauen. Als Glaubender schließe ich keine Versicherung ab, wo sich alles Versprochene einfordern lässt. Daher: Wenn es um Vertrauen geht, sind wir da wirklich sicher? Vertrauen wir Gott so, dass wir für uns annehmen, was der Psalmbeter formulieren kann: „Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen!“

Stellt sich Gottvertrauen nicht gerade dort ein, wo wir anstelle von Gewissheit den Mut zum Glauben brauchen? Nicht zufällig hat die theologische Tradition das Gottvertrauen als ein Sich-Verlassen in einem quasi-wörtlichen Sinne beschrieben: Im glaubenden Vertrauen erfährt sich ein Mensch als einer, der – befreit durch Gottes Vertrauen zu ihm – sich sozusagen selbst verlässt, um bei Gott zu sich selbst zu kommen.

Aber Gott vertrauen, das fällt uns oft schwer. Warum können wir nicht so einfach diesen Satz für uns annehmen?

Wir können Gott ruhig Dinge zutrauen, die wir doch oft auch Menschen zutrauen. Gott ist größer und mächtiger. Die Vertrauensfrage hängt also eng mit der Frage zusammen, wie stelle ich mir Gott vor? Traue ich es ihm zu, mich durch Krisen zu führen? Wie ist ein Gott, der Güte und Wahrhaftigkeit schenkt? Die Bibel bietet uns, obwohl es das Bilderverbot gibt, unglaublich viele Bilder an:

Gott wie Vater und Mutter, Hirte und Richter, Retter und Rächer, sein Auge schaut nach uns Menschen auf der Erde, er führt in die Tiefe und wieder herauf und Licht ist sein Gewand.

Wie viele Bilder, die die Sinne ansprechen! Er zieht uns zu sich hin, die Beziehung zwischen ihm und uns ist wandelbar. Aber er zwingt uns nicht, er lädt uns ein zu einer wechselseitigen Beziehung, in der wir Vertrauen zeigen können, auch wenn uns starke Zweifel befallen. Sehen ist nicht Glauben, doch Glauben ist Sehen. In schwierigen Zeiten sind unsere Gedanken: „Warum lässt Gott das geschehen? Wieso muss das gerade mir zustoßen?“ Wir verstehen es nicht. Die Herausforderung liegt darin, das im Glauben anzunehmen. Das ist oft nicht leicht, da wir verstehen wollen. 

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Es gibt dazu eine kleine Geschichte, die Sie vielleicht kennen:

Drei Mönche sitzen in einem Boot und angeln.

Nach einer Weile gehen dem einen Mönch die Würmer aus. Er legt seine Angel zur Seite, schaut kurz zum Himmel und dann aufs Wasser. Er zieht seine Kutte etwas hoch, steigt aus dem Boot, läuft über das Wasser zum Ufer, wo er sich einige Würmer holt, um dann zurück über das Wasser zum Boot zu laufen und weiter zu angeln.

Nach einer Weile gehen dem nächsten Mönch die Würmer aus. Auch er legt seine Angel zur Seite, schaut kurz zum Himmel, dann aufs Wasser, zieht seine Kutte etwas hoch, steigt aus dem Boot, läuft übers Wasser zum Ufer, holt einige Würmer, läuft über das Wasser zum Boot zurück und angelt weiter.

Nach einer Weile gehen auch dem dritten Mönch die Würmer aus. Er legt seine Angel zur Seite, schaut kurz zum Himmel, dann aufs Wasser, zieht seine Kutte etwas hoch, steigt aus dem Boot und versinkt wie ein Stein.

Meint der erste Mönch zum anderen: „Gottvertrauen hat er ja …”

„Ja, das hat er”, meint der andere Mönch, „aber er weiß leider nicht, wo die Pfähle stehen.”

Verfasser unbekannt

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In dieser Geschichte ist es genau andersherum, als wir es von der biblischen Erzählung kennen. Jemand zeigt Vertrauen, wird aber enttäuscht. Ist also hier die Pointe, dass Gottvertrauen gut ist, Wissen aber besser? Schön dumm, wer sich auf Gott verlässt!?? Gottvertrauen hilft nicht weiter?

Es kann ja auch anders gemeint sein: Wenn ich nicht zu naiv an etwas herangehe und um die Herausforderungen und trügerischen Gefahren weiß, dann – weiß ich auch, wo ich Halt finde und wo ich Vertrauen zeigen kann. Wenn ich das weiß, kann ich meinen Weg voller Vertrauen gehen. Dann habe ich gelernt, dass Sehen nicht Glauben ist, sondern dass Glauben Sehen ist. Dann haben wir verstanden, dass wir Gott Vertrauen schenken dürfen, er hat für unseren Weg Pfähle vorbereitet, die wir zwar vielleicht noch nicht finden, die aber da sind, die uns dann auch tragen. 

Für meine Arbeit mit Kindern bedeutet es mir, dass bei Kindern erst der Grundstein für dieses Gottvertrauen gelegt werden muss. Sie kommen mit vielen Fragen und schauen mit wachen Augen. Kinder und Jugendliche fragen, wollen Antworten von Eltern, Lehrern, Pfarrern und Pastoren im Konfirmandenunterricht. Sie suchen nach den Pfählen, die sie tragen, die ihren Weg unterstützen. 

Ich habe eine solche Orientierung bekommen in meiner Kinder- und Jugendzeit, durch meine Familie, durch die Kinder- und besonders die Jugendarbeit in der Kirche. Rüstzeug, das eine Ausrüstung war und ist für die Zukunft. 

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Es können ja auch andere Zeiten kommen: Zeiten, in denen man wie der dritte Mönch eben, die Pfähle nicht findet. Es sind Durststrecken, Krisenzeiten, Zeiten, in denen Gott unverständlich ist, man unterzugehen glaubt. Gott mutet einem so etwas zu. Dann darf das Gespräch mit Gott nicht abreißen.

Dann ist es gut, wenn ein Grundvertrauen zu Gott da ist, damit man auf der richtigen Spur bleibt oder auf die richtige Spur gelenkt wird. Und irgendwie zeigt Gott einem doch die Richtung – das ist jedenfalls meine Überzeugung. Gott ist da, auch wenn wir ihn nicht wahrnehmen, und er ist auch noch großzügig und barmherzig, wenn wir uns verrannt haben oder mit ihm herumstreiten, kleinlich, unwissend, wie blind manchmal. Das ist gut zu wissen, denn eine solche Beziehung ist eine gute Basis. 

Und außerdem: Glauben im Vertrauen ist Heilung: Es hilft einem, in sich selber ganz zu werden, vollständig und heil. So führt einen manchmal Gott auf Umwegen zu Zielen. Ich habe dieses Ziel, Pfarrerin zu werden, nicht aus den Augen verloren, auch wenn es Zeiten gab, wo ich dachte, dass dieser Umweg jetzt mein Weg ist, dass das Ziel ein anderes sein würde. Aber Gottes Wege sind ja bekanntermaßen unergründlich!

Ich bin also froh, dass ich dieser wundervollen (auch zu Zeiten stressigen!) Aufgabe nachkommen darf und freue mich auch, dass wir hier in der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde gelandet sind. Und ich bin herzlich aufgenommen worden in der Stiftung, in der Gemeinde, von den Menschen hier, und nicht nur ich, sondern auch unsere Familie (zu der auch unser Hund gehört!). Dafür sind wir sehr dankbar. 

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Wenn wir etwas loslassen, uns auf unbekannte Gelände hinauswagen, dann bekommen wir immer etwas zurück für das, was wir hinter uns lassen. Also: Vertrauen wagen!

Viele Möglichkeiten bestehen, und ich möchte sie nach bestem Gewissen und Vermögen wahrnehmen und erfüllen. Die Vielfalt dieses Arbeitsbereiches erstaunt und erfreut mich oft. Und dazu gibt es ja auch viel Musik hier in der Gemeinde und das macht mich froh. Wer unsere Familie kennt, der weiß, dass es bei uns immer viel Musik gibt. 

Also, ich habe eine innere Ruhe, die auf Vertrauen beruht. Ein solches Vertrauen, das Krisen überstehen kann: „Solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott.“ 

Und wenn es mal schwierig wird, dann halte ich mich an die folgenden Verse: „Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sondern dass wir tüchtig sind, das ist von Gott!“(2. Kor 3,5).

Meine Arbeit erfüllen, indem ich versuche, das Evangelium weiterzugeben, ein offenes Ohr zu haben für alle, die kommen und ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Nur dann wird Gottes Geist sichtbar, „damit wir nicht vergessen, aus Gottes Geist heraus zu leben, damit wir diesen Geist Gottes, der in uns allen ist, sichtbar machen“. Und das mit altmodischen „Erbstücken Gottes“ im Gepäck, wie zum Beispiel dem Vertrauen auf Gottes Güte und seine Wahrhaftigkeit! 

Und der Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN.

Pfarrerin Anja Berezynski