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von Rev. Christopher Easthill (von der „Anglican Church of St. Augustine of Canterbury“ in Wiesbaden), Textgrundlage: Micha 4, 1-10 und Offenbarung 21, 1-7

Lass dir die Worte meines Mundes gefallen, und das Sinnen meines Herzens gelange zu dir, HERR, mein Fels und mein Erlöser. Amen

Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,
lieber Bruder im geistlichen Amt,

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zunächst möchte ich mich für die heutige Einladung bedanken. Hier am 70. Jahrestag des Luftangriffes auf Hanau sprechen zu dürfen, ist Ehre, Verpflichtung und Verantwortung zugleich. Mein Name ist Christopher Easthill. Ich bin der Pfarrer der anglikanischen Kirche St. Augustine‘s in Wiesbaden – und auch Engländer. Ohne die Gnade der späten Geburt reklamieren zu wollen, habe ich als 1960 Geborener nichts persönlich mit dem Angriff auf Hanau zu tun. Auch mein Vater wurde erst kurz nach Ende des 2. Weltkriegs zur britischen Luftwaffe eingezogen. Während des Krieges war er als Abiturient beim Luftschutz eingesetzt, d. h. er hat also nachts seine Heimatstadt Darlington in Nordengland bewacht, um vor Luftangriffen zu warnen. 

Das Fehlen einer persönlichen Beteiligung entlässt allerdings weder ihn, noch mich, noch Sie aus der Verantwortung. Im Buch des Propheten Hesekiel (18, 20) lesen wir zwar: „ein Sohn trägt nicht die Schuld des Vaters, und ein Vater trägt nicht die Schuld des Sohns. Die Gerechtigkeit des Gerechten kommt nur ihm selbst zugute, und die Ungerechtigkeit eines Ungerechten lastet nur auf ihm selbst.“ Dennoch haben wir alle die Pflicht, aus diesen Sünden zu lernen, als Bürger und Christen dafür zu sorgen, dass die Ereignisse sich nicht wiederholen, dass Kriege die allerletzten Mittel der politischen Auseinandersetzung sind und dass auch im Falle eines „gerechten Krieges“, und der Krieg gegen Nazideutschland war sicherlich gerecht, dafür zu sorgen, dass der Zweck nie alle Mittel heiligt. Und im Falle der Luftangriffe auf rein zivile Ziele habe ich starke Zweifel, dass diese Mittel noch gerechtfertigt waren, allerspätestens im Frühjahr 1945. 

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Es war und ist damit auch unsere Verantwortung, nach einem Krieg etwas Neues zu schaffen, ein neues Zusammenleben sowie auch Institutionen und Begegnungen zu fördern, die der Versöhnung zwischen alten „Feinden“ dienen. Und zwar getreu der Vision des Propheten Micha: (4, 3) „Er wird unter großen Völkern richten und viele Heiden zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ 

Das haben wir in Europa auch die letzten 70 Jahre versucht – allerdings zeigen sowohl die wachsende Popularität neuer ultranationalistischer Parteien und Bewegungen, wie auch die Balkankriege und die aktuell noch schwelenden kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine,  dass diese Aufgabe noch nicht erledigt ist, und zumindest in dieser Welt wohl nie komplett erledigt sein wird.

Das bringt mich zum angekündigten Predigttext aus der Offenbarung Johannes, eine Passage, die mit der Überschrift „neue Schöpfung“ versehen werden kann. Viele Christen haben mit diesem letzten Buch der christlichen Bibel ein Problem. In seinem Vorwort zu diesem Buch in seiner Bibelübersetzung schrieb Martin Luther u. a.: „Es sollen selig sein, die da halten, was drinnen steht, obwohl noch niemand weiß, was es ist,“ und „mein Geist will sich in dies Buch nicht schicken“. Die Bilder sind vielen Menschen zu wirr und zu gewaltig und die Botschaft zu unklar. Außerdem ist das Buch doch stark verbunden mit den Ideen mancher extremer christlicher Gruppierungen über die nahende Endzeit und das Erscheinen eines Antichristen, der ja häufig dem politischen Gegner gleichgesetzt wird. 

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Als genauen Fahrplan für die Zukunft oder als Tatsachenbericht über die Endzeit kann ich die Offenbarung auch nicht akzeptieren, aber sehr wohl als packende und in Teilen wunderschöne Vision der Hoffnung in einer Situation der Hoffnungslosigkeit und der Verfolgung, sowie als Versprechen des Sieges der Kräfte des Guten über das Chaos und das Böse. Als das Buch Offenbarung geschrieben wurde, lag die Zerstörung Jerusalems durch die Römer gar nicht so lange zurück und der Autor Johannes – ein jüdischer Christ – hatte damit im gewissen Sinne seine Heimat verloren.

Für die Bewohner Hanaus, die sich vor 70 Jahren vor der Bombardierung in ihre Keller flüchteten, dort voller Angst gelitten haben und in viel zu vielen Fällen auch starben, wären die Beschreibungen des Chaos und der Zerstörung im Buch Offenbarung viel zu nah an der Realität, die sie gerade erlebten. So lesen wir in Kapitel 16 davon, wie „Menschen mit großer Hitze geschlagen wurden“ (16, 9), dass „Finsternis legte sich auf sein Reich. Und sie bissen sich vor Schmerz auf die Zunge“ (16, 10) und dass „sich ein Getöse, Blitz und Donner erhob, und die Erde bebte so stark, …. Und die große Stadt zerbarst in drei Teile“ (16, 18-19).

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Ich kann nur hoffen, dass manche Bewohner in diesen schrecklichen Momenten doch Kraft und Hoffnung aus dem Wort Gottes schöpfen konnten. Denn die Offenbarung soll uns daran erinnern, dass es ein Leben nach dem Grauen und Schrecken gibt und geben wird, und zwar ein viel besseres. Um diese Zeit vor 70 Jahren, rd. 15 Stunden nach dem Angriff, hat das Leben in Hanau im Kleinen auch bereits wieder neu begonnen. Ich denke, es hat dabei viele Beispiele der Nächstenliebe hier gegeben.

Natürlich beschreibt Johannes in seiner Vision der Erneuerung etwas ungleich Größeres. Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu!“ (21, 5) Sowohl der Himmel, als auch die Erde werden komplett erneuert und für immer miteinander verbunden, d. h. versöhnt. Der Prozess, der mit der Menschenwerdung Christi begonnen hat, wird hier vollendet. Wie zu Jesu Lebzeiten, wird Gott bei den Menschen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird mit ihnen sein“ (21, 3). Wenn Gott verspricht, persönlich „jede Träne von ihren Augen abzuwischen“ (21, 4), ist das für mich einer der schönsten und bewegenden Sätze der Bibel. 

Auf dieser erneuerten Erde werden ein für alle Mal sowohl die Sünde als auch die Folgen der Sünde abgeschafft und wir können uns auf eine neue Welt der Schönheit, Freude, Barmherzigkeit und Herrlichkeit freuen: eine Welt ohne Schmerz, ohne Tränen, ohne Tod.

Bei allem gebotenen Respekt, das haben Sie hier in Hanau nicht ganz geschafft und das werden wir Menschen allein nie schaffen.  

Dennoch, der Wiederaufbau dieser Stadt wie auch der Wiederaufbau Deutschlands, waren nie nur etwas Physisches, es ging nicht nur um Gebäude und Infrastruktur, das Ziel war auch die Erneuerung des politischen, moralischen, und gesellschaftlichen Zusammenlebens. Zugegeben, es hat schon Tendenzen gegeben, Sachen unter den Teppich zu kehren und Schuld, sowohl persönlich wie auch institutionell, zu leugnen. Aber die letzten 70 Jahre waren dennoch geprägt von der Suche nach Vergebung und Versöhnung, wofür auch die heutige Veranstaltung oder auch die vielen anderen Jahrestage, die letztes und dieses Jahr gefeiert werden, stehen. 

„Was zuerst war, ist vergangen“ (Offb 21, 4), schreibt Johannes. Die Vision der neuen Schöpfung, der Welt in der „der Tod nicht mehr sein wird, und kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal“ (Offb 21, 4), ist nicht nur die Beschreibung eines wunderbaren Zustandes, auf den wir alle geduldig warten können oder sogar müssen. Die Vision ist auch Auftrag zugleich. Am neuen Jerusalem, am Reich Gottes, können und sollen wir jetzt schon bauen. Ihr Ziel ist die Versöhnung: der Menschen mit Gott und der Menschen untereinander, damit wir in jedem Menschen das Ebenbild Gottes erkennen, das alle auch darstellen, und uns entsprechend im Umgang miteinander verhalten. Nur dann haben wir wirklich aus den Tragödien der Vergangenheit, wie dem Angriff auf Ihre Stadt, gelernt und begonnen, alles neu zu machen.  

Denn der Friede Gottes, welcher höher ist, als all unsere menschliche Vernunft es je verstehen könnte, bewahre unsere Herzen, Sinne und Trachten in Jesu Christi. Amen.

Rev. Christopher Easthill
- Es gilt das gesprochene Wort -