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Predigttext aus Jona 2, 1 – 11

Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,
liebe Gäste im Tempel unseres Glaubens,
werte Konsistoriale im Apostelamt unserer Kirche,

das Gebet des Jona zur Grundlage einer Predigt am Gemeindegründungsfest zu nehmen, überrascht vielleicht einige von Ihnen. Vielleicht hätten Sie lieber einen dogmatischen Text des Apostels Paulus gehabt, theologisch mit einer schönen Tiefe. Aber vielleicht auch so tiefgehend, dass Sie innerlich in den seligen Kirchenschlaf verfallen wären, wie es ja auch einst Eutyches erging, der einschlief und aus dem Fenster fiel, als Paulus mit seiner Predigt einfach kein Ende fand. Was für eine Blamage für den Apostel!

Zurück zu Jona also. Wir haben einen Abschnitt aus diesem kurzen Prophetenbuch gehört, welchen ich den wenig Kundigen unter uns noch einmal schnell zusammenfassen möchte: Da ist Jona, der von Gott auserwählt wird, der bösen Stadt Ninive den Untergang anzukündigen. 

Jona hat keine Lust darauf, möchte seine Berufung ablehnen. Und so flieht er vor Gott und als er dann im Fluchtboot ist und Sturm aufzieht, da sieht er ein, dass er nicht fliehen kann und wird von den Seeleuten ins Wasser geworfen. Ein großer Fisch verschluckt ihn und so ertrinkt er nicht. Im Bauch fängt er an, nachzudenken. Und da dämmert es ihm, dass es Gott ist, der einem im Leben Halt und Sicherheit geben kann. Er betet, wie wir gehört haben, und wird wieder zurück ans Land gespuckt.

Und dann ist er wieder dort, Kapitel 3 beginnt damit, als seine Flucht begann. Wieder ergeht der Aufruf an ihn und Jona bricht auf nach Ninive und verkündet das Gericht Gottes für die Schlechtigkeit der Menschen.  Zerstörung sollte die Menschen zur Umkehr bewegen.

In diesem Jahr jährt sich 70 Jahre Kriegsende des vergangenen Weltkrieges. Damit erinnern wir uns aber auch an 70 Jahre Zerstörung unserer einstigen Doppelkirche. Wie war wohl das Gemeindegründungsfest 1945? 

Davon weiß ich leider nichts. Aber ich weiß, was Pfarrer Brölsch – seligen Angedenkens – damals seiner Gemeinde im ersten Friedensgemeindeblatt 1945 geschrieben hat: „Was wir in den letzten Monaten erlebt und verloren haben, ist so ungeheuerlich groß, dass es das Antlitz und die Lebensform derer, die es überstanden haben, für immer prägen wird. Das Geschick unserer Gemeinden wird dem der vor 350 Jahren eingewanderten Wallonen und Niederländer an Not nicht viel nachstehen. 

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Aber es ist uns auch nirgends verheißen, dass wir es als Christen auf Erden besser als andere haben sollen, vielmehr ist unser Leben, wenn „es köstlich gewesen ist, Mühe und Arbeit gewesen (wie es Salomon sagte)“. In dieser Gewißheit haben es die Väter unserer Gemeinden einst gewagt, und so wollen wir auch diesmal fest darauf bauen, dass Gott uns nicht zerstreut, sondern uns sammelt wie ein Hirte seine Herde.“ (GB 1/1945) 

Zurück zu Jona: Die Bewohner von Ninive erschrecken, als sie von der geplanten Zerstörung hören. Der König ordnet eine Umkehr und Buße an. Alle sollen sich in Sack und Asche kleiden. Etwas irritierend: Auch Tiere werden in diesen Bußakt einbezogen. Und so bitten und beten Mensch und Tier gemeinsam und Gott lässt sein Herz erweichen und vergibt. Unser Gott ist kein Gott der Rache, sondern der Vergebung und Zukunft.

Und was ist mit Jona? Jona kann das Gericht Gottes gar nicht schnell genug erwarten und lässt sich auch von der Vergebung Gottes nicht beeindrucken. Er wirft Gott sogar vor, dass er sich den Weg ja hätte sparen können. Vielleicht gibt es doch noch ein letztes Gericht? Er setzt sich auf einen Berghügel in Sichtweite und wartet ab, was mit Ninive geschieht. 

Und Gott lässt eine Staude zum Schatten wachsen, was Jona freut. Aber am nächsten Morgen kommt ein Wurm, der vielleicht so aussieht wie der Steinbeißer von Loriot, sticht in die Pflanze und sie geht sofort ein. Jona ist außer sich. In der Sonne sitzend wünscht er sich den Tod. 

Gott aber fragt ihn, ob er sich zu recht über etwas beschwert, was nicht in seiner Macht liegt, und ob es ihn nicht viel mehr freuen als ärgern sollte, wenn Tausende von Menschen nicht sterben.

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Damit endet das Buch Jona und konfrontiert auch uns mit der Frage, wie wir es mit unseren eigenen Bedürfnissen halten. Ja, es gibt auch persönliche Bedürfnisse in einer Kirche: die Sehnsucht nach einer geistlichen Heimat, nach einem Ort der Annahme und Zugehörigkeit. Aber wehe, der Pfarrer hört einmal nur mit halbem Ohr zu oder irgendetwas geschieht, was mir nicht gefällt oder ganz an mir vorbei geht. 

Dann kann schon einmal ein Fass aufgemacht werden, und zutage kommt eine tiefe Unzufriedenheit. In solchen Situationen würde ich mir Gelassenheit wünschen und mehr den Blick auf das Ganze. Und vor allem – ein schöner Merksatz –: „Sei du selbst die Veränderung, die du gerne erleben möchtest!“ Wer sich also beschwert, dass er nie besucht wird, dass ihm niemand zuhört, dass er nicht richtig dazugehört: Der frage sich einmal, wann er selbst andere besucht, anderen zugehört und sich auch eingebracht hat.  

Jonas Geschichte macht uns darauf aufmerksam. Und sie verweist schon auf denjenigen, der sich selbst nicht zu schade war, unsere Verfehlungen, Fehler und Gottesvergessenheit, theologisch: unsere Sünden, auf sich zu nehmen: Jesus Christus, Haupt unserer Kirche.

Meine Lieben, Jesus als Haupt der Gemeinde – das vergessen wir manchmal. Vor allem dann, wenn in unserem Leben einiges schief geht. Aber finden wir nicht dann, am Ende mit unseren Kräften, nicht doch überraschend noch die Kraft, an einen Gott der Stärke und Veränderung zu glauben? Hat der drohende Untergang nicht auch Ninive bekehrt und auch die Zerstörung unserer Kirche ein neues Gefühl des Zusammenhalts gestiftet? 

In der Predigt zum Gemeindegründungsfest 1948 sagte Pfarrer Pribnow – seligen Angedenkens –: „Und nun seid Ihr heute wieder einmal durch Eure zerstörte Stadt gegangen und steht jetzt in der Ruine Eures einst so stattlichen kostbaren Gotteshauses. Nur Trümmer gewahrt von hier aus unser Auge. So wird uns diese Stätte zum Sinnbild unseres gegenwärtigen Lebens: ein Leben in Trümmern. Wahrlich, viele von uns kennen Not und Gefahr eines solchen Lebens. […] Dreieinhalb Jahrhunderte lang ist in diesem Gotteshaus unseren Vätern und Müttern Weg und Ziel des Lebens gewiesen worden. […] Zur Treue sind auch wir gerufen, Gottes Mitarbeiter und Mitstreiter wollen wir sein. „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!“ steht über unserem Leben, ebenso verheißungs- wie erwartungsvoll.“ [...] 

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Pribnow weiter: „Wie diese Kirche in der Mitte dieser Stadt gelegen war, so war sie die Mitte unserer Gemeinde. Ihr wart die Gemeinde dieses Gotteshauses. Was Wunder, dass manche mit dem Zerfall dieses Hauses den Zerfall der Gemeinde gekommen wähnten! Aber eine rechte Kirche lebt nicht von Traditionen und Stein und Kult, zumal eine nach Gottes Wort reformierte Gemeinde nicht. Sie lebt aber von Menschen. Von Menschen des Glaubens und der Liebe. […] Wenn wir Menschen bleiben, werden wir die Gemeinde unserer Vorfahren weiterbauen!“ (Predigt 1948)

Jona sieht in Ninive eine veränderte Gesellschaft, einen erstarkten Glauben. Nach 70 Jahren Kriegsende und über 50 Jahren Wiederaufbau des niederländischen Kirchenteils erleben Menschen von nah und fern hoffentlich ein lebendige und einladende, immer noch bewusst selbstständige Kirche. 

Dies alles ist aber kein Selbstzweck oder unsere eigene Idee. Nein: Jesus Christus – wie es der Chor auch gesungen hat – ist der Fels, auf dem alles aufbaut. Damals vor 2 Jahrtausenden sprach er die Menschen besonders an. Es waren Menschen, die über ihre Nasenspitze hinaus denken konnten und die Vorstellungskraft und Glauben besaßen:

Fischer, die sich vorstellen konnten, dass sie noch zu etwas anderem befähigt seien. Eine kranke Frau, die daran glaubte, dass sie geheilt werden könnte. Eine Ehebrecherin, die daran zu glauben wagte, dass aus ihr wieder eine ehrbare Frau würde. Ein betrügerischer Beamter, der es für möglich hielt, dass er sein verlorenes Ansehen zurückgewinnen könne. Und viele andere ...

Und warum fühlte sich Jesus zu solchen Menschen hingezogen? Weil sie es waren, denen er helfen konnte. Und sie waren auch die einzigen, die IHM helfen konnten. Denn er wollte das Unmögliche vollbringen. Er wollte die Welt verändern. Er glaubte, dass er die Welt ändern könne, wenn es ihm gelänge, die richtigen Menschen mit dem rechten Geist zu erfüllen. 

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Und so wuchs sein Team, Mensch um Mensch. Und es wächst bis heute, auch mitten unter uns. [Das war jetzt der Werbeblock für Ihre Mitarbeit – sprechen Sie ruhig die Diakoninnen und Diakone an!]

Die Konfi-Singers werden deshalb auch gleich „We stand united“ singen: „Wir stehen vereint, wir stehen wie eine eins, zusammen mit Gottes Sohn. Jeder von uns ist vorbereitet, mitzuarbeiten und den Leib der Kirche, welcher ist Christus, aufzubauen.“

Christus versuchte, aus den Menschen damals und auch aus uns heute Morgen positiv denkende und handelnde Menschen zu machen: «Wenn ihr Glaube habt wie ein Senfkorn, werdet ihr zu diesem Berge sprechen: Hebe dich weg von hier dorthin! und er wird sich hinweg heben, und nichts wird euch unmöglich sein», sagte er zu ihnen. 

Und von hier aus macht schließlich auch nun der Predigttext Sinn: das Gebet des Jona. Denn in ihm steckt gerade diese Zuversicht und die Hoffnung, dass Gott auf unserer persönlichen, aber auch auf der Seite unserer Wallonisch-Niederländischen Kirche ist.  

„Und Jona betete: (4) Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen. (7) Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.   

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Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR, mein Gott! (8) Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel. (10) Ich aber will mit Dank dir Opfer bringen. Meine Gelübde will ich erfüllen dem HERRN, der mir geholfen hat.“

70 Jahre seit Kriegsende und 418 Jahren seit Gemeindegründung kommen wir am ersten Juniwochenende zusammen, um Gott für seine Fügung zu danken, unsere Kirche gegründet und bis heute mit seinem Segen begleitet zu haben. Bitten wir ihn auch, dass er in Zukunft gnädig auf das Werk unserer Hände schauen möge. 

Darauf vertraue ich, davon predige ich und dies bezeuge ich im Namen Jesu Christi.

Pfarrer Torben W. Telder, vdm

– Es gilt das gesprochene Wort –