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Liebe Gemeindeglieder und Gäste,
sehr geehrte Vertreter der weltlichen Obrigkeit,
Geschwister im Geistlichen Amt,
Schwestern und Brüder im HERRN,

wie fängt man am besten eine Ansprache zur Inbetriebnahme eines neuen Gemeindezentrums an? Mit den Flops, damit es nur besser werden kann? Oder mit den Tops, damit am Ende die Missgeschicke nicht so sehr ins Gewicht fallen? Oder fängt man an, als der erste Gedanke an ein neues Gemeindezentrum geboren wurde? 

Als kleiner Junge liebte ich es, mit Playmobil oder Legosteinen phantasievolle Kirchengebäude zu bauen. Während andere Bahnhöfe, Bauernhöfe oder andere Gebäuden bauten, stellte ich mir schon damals – naiv natürlich – vor, wie wohl eine optimale Kirche aussehen müsste, die ich auch eines Tages selbst einmal zu bauen beabsichtigte. Mit der Zeit wechselte dieser Traum eines Kirchengebäudes – auch der religiösen Bildung geschuldet –  immer mehr in den Traum, geistlich eine Gemeinde zu bauen und zu prägen. 

Es war der 25. Januar 2007, also vor 9 Jahren, als mich das Große Konsistorium zum 69. Pfarrer seit Kirchengründung nach Hanau berief. Was den wenigsten damals wohl bekannt gewesen sein wird, ist, dass dieser Tag der ökumenische Gedenktag der Berufung des Apostel Paulus gewesen ist. Der biblische Text für diesen Tag spricht davon, dass Paulus berufen wurde, das Christentum auszubreiten und zu stärken, anstatt zu verfolgen. Nichts anderes ist eigentlich auch die Aufgabe eines Pfarrers.

In meinen vergangenen Jahren haben wir gemeinsam einiges auf den Weg gebracht, was unserer Kirche zum Wachstum und zur Stabilität verholfen hat. Wir haben die Idee einer orchestralen Orgel wachsen gesehen, welche für uns sowohl in den Gottesdiensten als auch in den Konzerten eine Bereicherung darstellt. Schon damals merkte ich, dass unsere Kirche und ihre Verantwortlichen Mut beweisen, neue Wege und Wagnisse einzugehen, wofür auch immer unser Dank an die Spender im Hintergrund gilt. 

So ganz hat es mich aber nie losgelassen, doch auch mit Stein an der Kirche Jesu Christi zu arbeiten. Schon mein Ordinationsvers hatte Bauen im Blick, wenn es im Psalm 127 heißt: „Wenn der HERR nicht das Haus baut, so bauen vergeblich, die daran arbeiten.“ So traf es sich, dass vor 5 Jahren schließlich zur gleichen Zeit seitens der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde der Wunsch wuchs, näher an die Kirche zu „rücken“ und die Kathinka-Platzhoff-Stiftung ihre Tageseinrichtung für Kinder erweitern wollte. Sie übernahm als Trägerin 2011 das gesamte Areal in der Dammstraße. Der Gemeindegebäudeteil wurde 2012 abgerissen und die Kirchenverwaltung bezog ab Advent 2011 bis heute ein Provisorium in der Steinheimer Straße 2.

In unserem Provisorium in der Steinheimer Straße, gleich hier um die Ecke, haben wir dann begonnen, „Nägel mit Köpfen“ zu machen. Verschiedene Sitzungen des Großen und Kleinen Konsistoriums sowie des Bauausschusses führten die notwendigen Beschlüsse herbei und die Gemeinde wurde auf einer Gemeindeversammlung informiert. Wir haben im Architekturbüro Buchart-Horn einen erfahrenen Partner gefunden, der Erfahrungen mit Gemeindehausbauten hat. 

Zusammen wurden Konzepte und Details entwickelt und ausgeschrieben. Die Stadt Hanau kam uns in den Verhandlungen bezüglich des Erbbauvertrages entgegen und auch die Baugenehmigung wurde zügig erteilt. Die Eckpunkte waren: ein schlicht-elegantes Gebäude, funktional für verschiedene Anlässe, nicht auf das „Ist“ begrenzt, sondern auf das „Mögliche“ ausgerichtet. 

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Und als Kostenrahmen 3 Millionen €: Wenn ich etwas von meinem geistlichen Mentor Robert Schuller in Garden Grove (Kalifornien) gelernt habe, dann, dass es auf eine gute Finanzierung ankommt. Ansonsten kann es eine Gemeinde zersetzen und zerreißen, wenn nur noch Geldfragen und -sorgen den Alltag bestimmen. So heißt es ja auch beim Evangelisten Lukas 14: „28 Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen, 29 damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann‘s nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, 30 und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann‘s nicht ausführen?“

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Ich darf heute wohl sagen, dass wir fast alles eingehalten haben, was damals die Zielvorgabe war. Finanziell haben wir meine vorgeschlagene Drittel-Finanzierung durchführen können, da für eine selbstständige Kirche wie die unsrige staatliche Zuschüsse auch erst einmal nicht vorgesehen sind. Sie setzt sich zusammen aus einem Drittel Spenden, einem Drittel Rücklagen und einem Drittel Mittel durch Verkauf und Unterstützung. 

Das erste Drittel finden Sie namentlich erwähnt auf einer Tafel neben dem Eingang zu diesem Saal. Ein besonders herzlicher Dank gilt den heute anwesenden Spendern. Das letzte Drittel ist vor allem der Großzügigkeit der Kathinka-Platzhoff-Stiftung zu verdanken, aber auch die Ernst und Emmy-Meyer Stiftung hat sich an einigen Ausstattungen beteiligt. Und die Rücklagen – nun ja: Diese warten nun darauf, wieder angespart zu werden. 

Als wir im Frühjahr 2014 den ersten Baggeraushub endlich wagten, staunten wir alle nicht schlecht, was dort zu Tage gefördert wurde. Voller Entsetzen und verhaltener Begeisterung stießen wir auf noch intakte Gewölbekeller der ehemaligen Zeichenakademie oder des ehemaligen Wallonischen Gemeindehauses, welches an gleicher Stelle hier gestanden haben mag. Ein großer Schock, denn zum einen musste die Baustelle ruhen und der weitere Aushub konnte nur unter Abstützung der Gärtnerstraße erfolgen – unvorhergesehene Mehrkosten. 

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So liegen heute ziemlich teure Sandsteinstufen und ein Torbogen als Zierde im Garten, hinten neben der Terrasse. Die Zeitverzögerung dagegen ist ein anderes Thema, weshalb wir auch erst heute die Eröffnung feiern können, über ein halbes Jahr später als geplant, aber immer noch vor dem Berliner Flughafen oder der Elbphilharmonie. 

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Lassen Sie mich einen kurzen gedanklichen Streifzug durch dieses Gebäude mit Ihnen unternehmen, welches Sie später alleine erkunden können. Sie betreten das Veranstaltungsgebäude durch den Haupteingang. Wenn Ihr Blick nach oben schwenkt, sehen Sie nicht nur 12 „flying candles“, welche uns an die 12 Apostel erinnern, deren Lehren noch immer die Grundlage für eine Kirche sein sollten. Sie sehen auch das biblische Votum unsere Kirche an der Brüstung: „Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum“ aus dem Psalmisten. Dies erinnert uns an die Inschriften der Empore in der Kirche.

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Sie betreten dann durch die Doppeltüren diesen Saal, den man in drei Segmente unterteilen kann. Der vordere Teil trägt den Namen „Auditoire“. Das Calvin-Auditorium ist eine ehemalige Kapelle in Genf. 

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Ab 1536 hatte Johannes Calvin hier täglich seine biblischen Vorlesungen gehalten. Heute werden in ihm reformierte Gottesdienste in unterschiedlichen Sprachen gefeiert. Auch dies soll hier in diesem Teil des Saales geschehen, weshalb er auch über eine Orgel verfügt.

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Das mittlere Segment des Saales erinnert an Johannes Calvin selbst, jenen für uns wichtigen französischen Reformator, der hauptsächlich in Straßburg und Genf wirkte. Calvin gilt als Begründer des Calvinismus, in dessen Tradition auch die Wallonisch-Niederländische Kirche steht. 

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Der hintere Teil schließlich erinnert an den ersten Züricher Reformator Huldrych Zwingli (1484 bis 1531). Er wollte in Kirchen gänzlich auf Bilder und Musik verzichten, was in späteren Zeiten wieder gelockert wurde. Sein Ansatz war eine strenge bibelzentrierte Reformation. Die Schlichtheit dieses Saales ohne bildliche Darstellungen erinnert an diesen Mann des Glaubens. 

Vielleicht fragt sich mancher, wieso kurz vor dem Luther-Jubiläum nicht auch ihm zu Ehren ein Raum benannt wurde. Ich denke, als reformiertes „gallisches Dorf“ in der hiesigen kirchlichen Umgebung (um es einmal mit Asterix und Obelix zu sagen), ist es zu verkraften, in diesem Punkt einmal die eigene Geschichte hervorzuheben.

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Durch den Flur, vorbei an den großen Bildern der ehemaligen Gemeindehäuser und der intakten Doppelkirche, führt der Weg an den Sanitäranlagen und der großen Küche vorbei, hinüber in das Verwaltungsgebäude. In der Blickachse des Flures sehen Sie nun den Haussegen mit einem kleinen Kreuz, auf dem aus zwei Händen symbolisch ein Baum, eine Palme vielleicht, erwächst.

Nun betreten Sie die Verwaltung mit dem Empfangsbüro, der Buchhaltung, einem kleinen Besprechungsraum, der auch anderweitig benutzt werden kann, und dem Gemeinschaftsbüro von Pfarrerin Berezynski und Kantor Thies, die beide auf Grund ihrer Tätigkeit mehr an anderer Stelle unterwegs sind als am Schreibtisch. 

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Über das hintere Treppenhaus gelangen Sie in das Obergeschoß. Hier hängen die drei Portraits von Landgraf Philipp Ludwig II. zu Hanau-Münzenberg, vom Architekten der Wallonischen Niederländischen Kirche René Mahieu und dessen Frau, der Waltherin. Durch die Flurtür betreten Sie das etwas abgeschirmte Pastorat, in dem Sie von einem Christusrelief aus einer alten abgerissenen Friedhofskappelle in der reformierten Grafschaft Bentheim begrüßt werden, welches ein Nachguss des „Auferstandenen Christus“ von Thorwaldson ist. 

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Auf dieser Etage befinden sich das Pfarrerbüro, die Pfarrerbibliothek und ein weiterer Besprechungsraum, der aber auch irgendwann einmal als weiteres Pfarrerbüro genutzt werden kann. Auch das historische Archiv wird hier seinen Platz finden. Übrigens sind alle Büroräume nach reformiertem Selbstverständnis ungefähr gleich groß, was der Gleichwertigkeit aller Mitarbeitenden entspricht.

Über den Flur erreichen Sie nun zurück im Veranstaltungsgebäude das Sitzungszimmer „Consistoire“. Das Kollegium der Konsistorialen leitet die Gemeinde. Wie auch das Apostelkollegium der Urkirche besteht es aus 12 gewählten Ältesten und Diakonen. In diesem Raum werden dessen Sitzungen stattfinden. Zur Erinnerung an das Erbe befinden sich in diesem Raum sicher hinter Glas verschlossen das wertvolle Calvinportrait und die 10 Gebote Tafel unserer Vorfahren (zurzeit alles in Kopie!).

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Gleich gegenüber betreten Sie die beiden Gruppenräume im Obergeschoss, die man auch zu einem großen Raum abändern kann. Es ist wohl kein Zufall, dass die Pfarrernamen der ersten Geistlichen der wallonischen und niederländischen Gemeinden ein „L“ und „R“ für links und rechts in sich haben. 

Der linke Raum erinnert an Théophile Blevetus (Blevet), der von 1594 bis 1595 der erste Prediger der wallonischen Flüchtlingsgemeinde war. Der rechte Raum erinnert an Christopherus Berbandus, der von 1600 bis 1605 als der erste Prediger der niederländischen Flüchtlingsgemeinde in Hanau wirkte. Natürlich befinden sich auch auf dieser Etage Sanitäranlagen und eine Küche.

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Nun können Sie entweder durch das große Treppenhaus wieder in das Erdgeschoß zurückkehren und sehen unter der Treppe die gerahmte Urkunde der Grundsteinblombe. Oder aber Sie können über eine schmale Treppe zum Dachgeschoss aufsteigen. Dort erwarten Sie die technischen Anlagen und die Lagerräume. Allerdings sind alle verschlossen, um keine Experimente an den Reglern zu erleben. 

Das einzige Highlight ist wohl am Ende des Flures. Nein: leider nicht mein gewünschter Wasserfall, sondern der Fahrstuhl, der Sie hoffentlich sicher wieder nach unten bringen wird. Soweit der Durchgang durch dieses Gebäude. Und wenn Sie sich wundern, weshalb Sie noch keine Möblierung sehen: Der Umzug der Verwaltung wird erst nächsten Monat geschehen.

Ich denke, wir können stolz auf dieses Gebäude sein und auch darauf, dass wir es ohne größere Zwischenfälle und Umplanungen umgesetzt haben. Ein Sinnspruch treibt mich immer wieder persönlich an: „If you can dream it, you can do it!“ Ja: Viele von uns haben daran geglaubt, daran gearbeitet, davon geträumt, ein neues Gemeindezentrum für unsere Kirche für heute und morgen zu realisieren und es ist uns gelungen.

An dieser Stelle ist es mir ein besonderes Herzensanliegen, Ihnen, Herr Lückhardt, meinen Dank auszudrücken und dass Sie so viel Nachsicht mit meinen Ideen und unhandwerklichen pfarrerlichen Vorstellungen hatten. Wie oft sind wir uns manches Mal bis spät abends und am Wochenende hier auf der Baustelle über den Weg gelaufen. Ohne Sie hätte ich, hätten wir das auch nicht geschafft, wofür ich Ihnen an dieser Stelle ganz herzlich Danke sagen möchte.

Meine Lieben, in einem Sitzungsprotokoll von 1852 las ich folgende Notiz: „Die Vorsehung, welche sich dahier eine Kirche wie die unsrige hat gestalten lassen, wird sie auch erhalten, wenn in ihre Glieder mehr Geist kommt, der sie gegründet hat; der Geist der sich selbst aufopfernden Liebe Jesu Christi unseres Heilandes.“

Einige Kraftanstrengungen waren nötig, aber wir haben es geschafft. Vertrauen wir auch weiterhin der Kraft Gottes Großes zu, denn der „Gerechte wird grünen (d. h. doch wachsen) wie ein Palmbaum!“ und Christus verheißt uns: „Und siehe ich bin bei Euch, alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Dank sei Gott, dem HERRN. AMEN.

Torben W. Telder, vdm
Es gilt das gesprochene Wort