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, Text: Johannes 11, 17-21

Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,
liebe Gäste im Tempel unseres Glaubens,
werte Konsistoriale im Apostelamt unserer Kirche!

„Herr, wärst Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ Beliebig können wir diesen Satz ergänzen: „Herr, wärst Du zur Stelle gewesen, meine Mutter hätte keinen Schlaganfall gehabt – mein Vater keinen Herzinfarkt – meine Nachbarin wäre nicht vergewaltigt worden – meine Freundin hätte nicht ihr Kind verloren – unsere Ehe wäre nicht gescheitert.“ 

„Ja, HERR, hättest Du nicht wenigstens einmal aufpassen können, als das Kind vor das Auto lief, die Ärzte die falsche Therapie empfahlen, als der Bauarbeiter vom Kran erschlagen wurde, die Feuerwehr zu spät kam.“ „Mein Gott, war es denn zu viel verlangt, wenigstens in dieser einen entscheidenden Nacht deine schützenden Hände nicht von unserem Sohn abzuwenden?“ 

Gottverlassenheit, meine Lieben, erfahren wir gerade in solchen Momenten, in denen uns Unaussprechliches, Unbegreifliches, schwer zu Tragendes und Ertragendes widerfährt – ohne Vorwarnung, mitten im Leben. Das wirft uns aus der Bahn und auf einmal ist nichts mehr so, wie es eben noch war. Es geht ein Riss durch unser Leben, die Tage werden finster und das Leben fällt schwer. 

Trauer und Verzweiflung, geschockt sein und es langsam zu begreifen, sind nicht einfach zu ertragen. Und schon gar nicht, wenn es mitten unter uns passiert. Wir sehen uns nicht nur mit unserer Trauer konfrontiert, sondern auf einmal mit all den Fragen nach dem Sinn des Lebens, den wir hoffentlich alle irgendwo zu finden vermögen. Wir fragen nach den Momenten auf seinem Lebensweg, die ihn so verzweifelt haben werden lassen, dass er seine Zukunft in seinem Ende sah. Und wir fragen auch nach Gott und seiner Macht, die offensichtlich nach unserem Empfinden auch Grenzen hat. 

So sitzen wir heute Morgen hier zusammen in unserer Trauer und unserem Schmerz, in unserer Wut und unserem Zweifel, in unserer Wortlosigkeit und Verwirrtheit, aber auch in unserer Sehnsucht, dass es das eine gute Wort Gottes hoffentlich geben möge, uns daran zu erinnern, dass uns nichts und niemand trennen kann von der Liebe Gottes, wie es der Apostel an die Römer (8,35f) schreibt: 

„Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Nein, ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ 

Eine zu fromme Aussage, typisch kirchliche Vertröstung? Oder der Grund, auf dem wir wieder wagen können, in das Leben zurück zu finden? 

Meine Lieben, ich habe in den vergangenen Tagen mich auf Entdeckungsreise ins Internet begeben. Und was ich entdeckt habe, hat mich erschreckt. Der Umgang mit suizidgefährdeten Jugendlichen ist in großen Teilen der Bevölkerung ein Tabuthema, das in Familien, in Schulen und selbst bei Fachleuten der Jugendhilfeträger Unsicherheiten auslöst. 

Oft sind es auch verschiedene Probleme, die sich anhäufen und einem Jugendlichen schnell „zu viel“ werden. Die Aufforderung: „Hört, was wir nicht sagen“ beschreibt die Stimmung von suizidgefährdeten Jugendlichen sehr gut.

Es gab eine Auswertung von Abschiedsbriefen, in denen eine Begründung für diesen finalen Schritt gegeben wurde. Gründe wie Verlust eines Elternteils durch Scheidung oder Tod, Probleme in Schule, Ausbildung, Beruf, ernste Erkrankungen, traumatische Erlebnisse, als abweichend empfundene sexuelle Veranlagung, Liebeskummer, Freundschaftsabbrüche, Vereinsamung, Fehlen von sozialer Sicherheit, Abwertungen, das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, Mangel an Selbstwert oder Selbstachtung, ein verzerrtes Selbstbild und einiges mehr. 

Warum ich das hier heute Morgen so detailliert sage: Weil uns gerade als Erwachsene (und ich sage dies ohne Schuldzuweisung, sondern nur als Erinnerung) vielleicht manches Mal ein wertendes Wort über die Lippen geht, das bei dem Jugendlichen, der es hört, eine Welt zusammenbrechen lässt. All die Gründe, die ich genannt habe (und das sage ich heute Morgen bewusst Euch Jugendlichen) sind es nicht wert, aus dem Leben zu gehen. 

Ja, das ist leicht gesagt als Außenstehender. Aber ich möchte den Menschen Mut machen, den Mund aufzutun und sich Gesprächspartner zu suchen, die ein Ohr für die Sorgen haben. Das müssen, ja das können manches Mal nicht die Eltern sein, sondern neutrale Personen, so wie Pfarrer zum Beispiel oder Vertrauenslehrer, Sporttrainer und viele mehr. Egal wer: Macht den Mund auf und redet mit uns über Eure Gedanken, die Euch zu Boden ziehen.

Und ja: Vielleicht tut es auch manches Mal gut, zu beten und Gott vor die Füße zu werfen all jenes, was im Leben schief läuft. Ich habe das früher oft gemacht und tue es immer mal wieder, weil ich den Glauben habe, dass zumindest ER den Überblick behält und Wege aus manchem Scheitern erkennen lässt.

Geschwister im HERRN, früher lehrte die Kirche, dass ein Freitod nicht vergeben werden darf und man bestattete die Toten außerhalb der Friedhöfe, verscharrte sie irgendwo am Rande von Wäldern und Feldern. Die Begründung dafür war, dass der Betreffende dieses Tun nicht mehr bereuen konnte. Und heute?

Gott sei Dank, wir müssen das Unfassbare nicht stillschweigen und aus unserer Mitte verbannen. Denn die Bibel lehrt an keiner Stelle, dass Gott nicht auch hier Gnade walten lässt. Gott lässt seine Gnade durchleuchten durch die Tragödien unseres Lebens. Wir alle machen Fehler in unserem Leben, die uns vielleicht im ersten Moment als richtig erscheinen. 

Gott wird darauf nicht achten am Ende unserer Tage, sondern er wird auf den Menschen schauen, wie er war als Sohn und Bruder, als Enkel und Neffe, als Freund oder einfach als der Junge von nebenan. Und deshalb verstummen in solchen Momenten auch die Fragen nach dem Warum und Wieso, weil sie erst beantwortet werden können, wenn auch wir am Ziel unserer Lebensreise angekommen sind.

Und doch bleibt in uns der stumme Vorwurf an Jesus aus dem Predigttext lebendig: „Herr, wärst du hier gewesen, dann…“. Und unter uns sitzen sicherlich einige, die genauso denken und fühlen wie Marta und Maria vor fast 2000 Jahren: „Ja, was wäre gewesen, wenn….“

Dieses „Wenn“ schaut zurück in eine Vergangenheit, die nicht mehr verändert werden kann. Dieses „Wenn“ macht uns unzufrieden, weil wir es nicht und niemals beantworten können. Und selbst wenn wir eine Antwort auf das „Warum“ fänden, würden dadurch weder unser Schmerz noch unser Verlust noch unsere Trauer leichter werden. Alle „Wenns“ und „Warums“ schauen zurück, der Glaube aber schaut nach vorne.

Mit seinem Vorangehen und Sterben hat für uns eine Zeit der Trauer begonnen. Der Schmerz ist schmerzhaft. Wir können ihn nicht klein reden noch verdrängen. Da müssen wir alle durch. Es ist traurige Wahrheit, dass er von uns gegangen ist, wie so viele andere auch in diesem Jahr durch Krankheit oder Alter. Aber es ist auch Realität, dass unsere Verstorbenen tief in unseren Herzen weiterleben. 

Alles hat seine Zeit und es geschieht nichts ohne Grund und Sinn. Das Leben hat seinen eigenen Rhythmus, es gibt Zeiten für das eine und Zeiten für das andere. Ja, es ist traurig, um jeden Verstorbenen, heute besonders um ihn und wir werden ihn vermissen. 

Aber ich spüre, dass dies nicht das Ende seiner Geschichte mit uns ist, sondern die neue Seite im Buch des Lebens. Und so glauben wir zumindest dass es hinter unseren Tränen und Gefühlen, jenseits des Horizonts eine andere Welt, Gottes Welt, gibt. Unsere Lebensziele sind nicht Trauer und Gräber, sondern eines Tages einzuziehen in den himmlischen Thronsaal. Und wir wollen gerne glauben, dass er nun schon sehen kann, was wir noch glauben müssen. Er hat uns allen also etwas voraus!

Carissimi! Von hier aus führen unsere Wege zurück in den Alltag. Aber wir gehen nicht ohne Hoffnung. Hoffnung, dass unser Leben so viel mehr bereithält, als uns manches Mal vor Augen steht und wir öfters wohl Menschen brauchen, die uns darauf immer wieder aufmerksam machen müssen. Wir haben die Hoffnung, dass er nicht vergessen ist und wir alle reich beschenkt waren, diesem einzigartigen Jungen begegnet zu sein und ihn gekannt zu haben, dass wir seine Wege kreuzen durften, vielleicht nur für einen kurzen Augenblick, vielleicht heute Morgen zum ersten Mal. 

Palme Valentin

Wir gehen in der Hoffnung, dass Gott zur Stelle sein möge, wenn unser eigenes Leben zu schwer wird. Und dass auch wir erleben mögen, wie wir es hoffentlich nun in der Feier des Hl. Abendmahls spüren und wie es Elia in der Lesung erfuhr: „Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes.“

Darauf vertraue ich und bezeuge es im Namen Jesu Christi. AMEN!

Torben W. Telder, vdm

Es gilt das gesprochene Wort