Gemeindeselbstverständnis

Unsere Wurzeln

Die Gründerväter und -mütter der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde hatten sich den evangelischen Überzeugungen Zwinglis und Calvins angeschlossen. Sie entstammen den ehemaligen „Spanischen Niederlanden“. Heute sind das die Länder Belgien und die Niederlande sowie der nordöstliche Teil Frankreichs.

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts begann unter der Herrschaft Kaiser Karls V. in ihrer Heimat die Verfolgung protestantisch gesinnter Christen. Infolge dessen verließen zahlreiche Flamen und Wallonen ihre Heimat. Über England und Dänemark gelangten sie schließlich in den 1550er Jahren nach Frankfurt/Main. Aber auch auf den Stationen ihrer Flucht durften sie ihren Glauben nicht oder nur mit Einschränkungen ausüben. In England versuchte Königin Maria energisch die Reformation zurückzudrängen. In Dänemark und Frankfurt sollten nur die reformatorischen Auffassungen Martin Luthers Gültigkeit haben.

Zuflucht fanden die wallonischen und niederländischen Glaubensflüchtlinge schließlich in Hanau. Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg teilte ihre reformatorischen Überzeugungen. Er schloss am 1. Juni 1597 mit den Vertretern der Emigranten einen Vertrag. Diese sogenannte Kapitulation wurde zum Gründungsdokument unserer Gemeinde. Gegen die Zusicherung der freien Religionsausübung verpflichteten sich die Flüchtlinge, in Hanau wirtschaftlich tätig zu werden. Sie entfalteten bald eine rege Bautätigkeit und gründeten die Hanauer Neustadt. Hier fasste nicht nur das Schmuckgewerbe Fuß, auch Tuchmacher, Weber und Seidenweber sowie Hutmacher eröffneten Werkstätten und Manufakturen. Mit dem Zuzug der Wallonen und Niederländer begann der Aufstieg Hanaus zu einem wichtigen Wirtschaftsstandort.



Unser reformiertes Bekenntnis

Evangelisch-reformierte Christen verstehen ihre Gemeinde als eine nach Gottes Wort reformierte und geordnete Kirche. Natürlich wissen wir, dass alles menschliche Tun immer unzureichend und vorläufig ist. Dennoch meinen wir, gerade in den Lebensäußerungen der Kirche soll die Ehre Gottes und die Herrschaft Christi sichtbar werden. Gottes Wort sammelt die Gemeinde. Durch Gottes Wort wird sie erhalten.

Evangelische Kirchen kennzeichnen sich durch ihren Bekenntnisstand. Darunter werden jene Bekenntnisschriften verstanden, die in einer Gemeinde als Richtschur zur Interpretation der Bibel und zur Gestaltung der Gemeindeordnung gelten. Hauptsächlich entstanden sie auf Zusammenkünften während der Reformation, hatten regionale Besonderheiten, aber immer das Ziel, einen möglichst großen gemeinsamen Nenner in Glaubensaussagen zu finden. Auch jüngere Bekenntnisschriften, zuletzt aus dem vergangenen Jahrhundert haben Eingang in den Bekenntnisstand gefunden. In der Wallonisch-Niederländischen Gemeinde haben wir folgende Schriften in unseren Bekenntnisstand aufgenommen:

Altkirchliche Glaubensbekenntnisse,

Confessio Gallicana von 1559,

Confessio Belgica von 1566,

Discipline Ecclasiastique des Eglises Reformes de France von 1559,

Middelburger Artikel von 1581,

Beschlüsse von Dortecht von 1619 und 1666,

Heidelberger Katechismus (revidierte Fassung),

Barmer Erklärung von 1934,

Leuenberger Konkordie. 1973.

Als Kirchengemeinde reformierter Prägung führen wir unser Bekenntnis auch auf Martin Luther zurück. Die prägenden Theologen Ulrich Zwingli und Johannes Calvin haben dessen Lehre aber weiter gedacht und ihrer städtisch geprägten Lebensweise angepasst. Deshalb sehen wir uns in deren Tradition und verwenden als Selbstbezeichnung auch teilweise neben „reformiert“ das Wort „calvinistisch“, um uns in der weltweiten evangelischen Familie besser einordnen zu können.



Unsere Struktur

Jesus Christus ist der Herr seiner Kirche. Kein kirchliches Amt und keine Gemeinde hat Vorrang vor anderen. Alles menschliche Denken und Tun muss in einen vom Glauben geprägten Prozess des Beratens und Entscheidens eingebunden bleiben. Vor diesem Hintergrund versteht es sich von selbst, dass sich nach reformiertem Verständnis die Kirche von unten her aufbaut und zuallererst Ortsgemeinde ist.

Entsprechend der (französischen) bürgerlich-städtischen Selbstverwaltung durch Rat und Stände ist unsere Kirchengemeinde basisdemokratisch aufgebaut, neben dem Amt des Pfarrers werden die Ämter der Ältesten und Diakone als gleichwertig angesehen. Das vierte reformierte Amt des Lehrers wird in unserer Gemeinde entweder zum Beispiel im Rahmen des Konfirmandenunterrichts durch das Pfarramt wahrgenommen, oder durch externe Referenten bei Bildungsveranstaltungen.

Die Wallonisch-Niederländische Gemeinde entscheidet eigenverantwortlich über alle ihre Belange. Die Aufgabe der Leitung obliegt dabei dem Diensttuenden Konsistorium („Ratsversammlung“). Es trägt Verantwortung für das geistliche Leben, die Diakonie und Fragen des Rechts sowie der Verwaltung. Die Mitglieder dieses kollektiven Gremiums werden durch die Gemeinde gewählt. Das Diensttuende Konsistorium besteht zu gleichen Teilen aus Ältesten und Diakonen, auf eine gleichmäßige Geschlechterverteilung wird geachtet. Der Pfarrer ist geborenes Mitglied.

Zwischen den Sitzungen führt das Moderamen („Lenkungsmittel“) die Geschäfte der Gemeinde. Es besteht gleichberechtigt aus dem Präses-Ältesten („Vorsitzenden“), dessen Stellvertreter und dem Pfarrer als Geschäftsführer der Gemeinde. Es handelt im „Vier-Augen-Prinzip“, d.h. niemand kann alleine entscheiden.

Als eigene Synode („Zusammenkunft der Gesetzgebungs- und Kontrollinstanz“) der Gemeinde fungiert das Große Konsistorium. Zu seinem Verantwortungsbereich gehören die Kirchenordnung, die Wahrung bzw. Änderung von Sitte und Brauchtum, alle Vermögens- und Haushaltsfragen sowie die Wahl des Pfarrers. Das Große Konsistorium besteht aus den aktiven und ehemaligen Mitgliedern des Diensttuenden Konsistoriums, die mindestens eine Wahlperiode lang im Amt waren.

Gemeindepfarrer verfügen über ein abgeschlossenes wissenschaftliches Hochschulstudium der Theologie und haben den praktischen Vorbereitungsdienst (Vikariat) erfolgreich in einer deutschen Landeskirche absolviert.



Unser Gemeindeleben

Für eine reformierte Kirche selbstverständlich, liegt für uns die Mitte des Gemeindelebens in einer lebendigen und zeitgemäßen Verkündigung des Wortes Gottes in den gottesdienstlichen Angeboten. Der sonntägliche Gottesdienst findet in der Regel nach einer schlichten Liturgie („Gottesdienstablauf“) statt, die durch Gesang, Gebet und Predigt geprägt ist. Daneben ist die Gemeinde offen, auch andere Konzepte zu erproben, Schwerpunkte zu setzen und in das gottesdienstliche Leben aufzunehmen. So feiern wir in regelmäßigen Abständen konzertante Gottesdienste, die das Gotteslob durch die Musik zum Klingen bringen.

An ausgewählten Sonn- und Feiertagen feiern wir gemeinsam das Heilige Abendmahl. Dieses wird als Zeichenhandlung verstanden und in Betonung der Gemeinschaft der Glaubenden als Tischgemeinschaft um unseren Abendmahlstisch gefeiert.

In Zusammenarbeit mit der Kathinka-Platzhoff-Stiftung liegt ein Schwerpunkt des Gemeindelebens auf der Kinder- und Jugendarbeit. Für die Kinder bietet die Gemeinde vierzehntägig einen gesonderten Gottesdienst am Samstagvormittag an. Andachten werden in der Kindertagesstätte und im Familienzentrum wöchentlich angeboten.

Stärker als in lutherischen Gemeinden wird das gesellschaftliche Engagement eines jeden Christen betont. Deshalb ist für reformierte Christen gesellschaftliche Verantwortung bis hin zur Teilnahme am politischen Leben selbstverständlich. Die Diakonie der Gemeinde achtet deshalb neben der Organisation von Gemeindeveranstaltungen besonders auf die Schwachen in der Gemeinde und bietet in Notfällen auch Unterstützung an. Als Kirchengemeinde sind wir dankbar, dass wir durch Stiftungen unseren Auftrag in Diakonie, aber auch in Kultur und Bildung in einem großen Umfang wahrnehmen können. Dies ermöglichen uns die Kathinka-Platzhoff-Stiftung (für die Diakonie) und die Ernst und Emmy Meyer-Stiftung, sowie die Heinz-Meyer-Stiftung.

Verschiedene Alters- und Zielgruppen werden mit verschiedenen, sich abwechselnden Veranstaltungen angesprochen.

Die Wallonisch-Niederländische Kirche ist eine einladende Gemeinde. Wir wollen Menschen unterschiedlicher Herkunft für den Glauben begeistern, der konkret wird im Handeln der Kirche. Im Blick auf gegenwärtige gesellschaftliche Herausforderungen in Fragen von Familie und Partnerschaft, Beruf und Alter versuchen wir, Antworten zu geben und Begleitung anzubieten.

Die Aufnahme in die Gemeinde erfolgt durch verschiedene Möglichkeiten:

  • Durch Taufe: Wir praktizieren die Säuglingstaufe, die ein aus unserer Sicht gutes Bild für die bedingungslose Liebe Gottes zum Menschen ist, der ohne Vorleistung zu Gott kommen darf. Dies schließt die Mündigentaufe bzw. Glaubenstaufe nicht aus. Allerdings bekennen wir die Einmaligkeit der Taufe und erkennen dementsprechend durch andere Kirchen und Gemeinden gültig gespendete Taufen an.
  • Durch die Konfirmation bekennen sich die Konfirmierten zum einen zu ihrer eigenen Taufe, zum anderen aber auch zur konkreten Ortsgemeinde, welche in unserem Fall die Wallonisch-Niederländische Kirche darstellt.
  • Durch Antrag kann um Aufnahme in die Gemeinde gebeten werden. In einem persönlichen Gespräch mit dem Pfarrer wird die Motivation besprochen. Wir führen keine Glaubensprüfung durch, sondern kommen über unser Selbstverständnis ins Gespräch. Das Diensttuende Konsistorium beschließt dann die Aufnahme. Voraussetzung ist die gültige Taufe und der Nachweis, nicht zu einer anderen Religionsgemeinschaft zu gehören.


Unsere Finanzen

Die hier skizzierte Struktur unserer Gemeinde verdeutlicht, wie viel Verantwortung jedem einzelnen Mitglied zufällt. Es gibt bei uns immer nur soviel Kirche, wie die Gemeindeglieder wollen und ermöglichen. Dies wird nicht zuletzt bei unserer Finanzierung deutlich. Die Gemeinde finanziert sich zu 100% selbst und erhält keine staatliche Unterstützung für die Aufrechterhaltung ihrer Arbeit.

Jedes Glied unserer Gemeinde verpflichtet sich im Rahmen seiner Möglichkeiten einen finanziellen Beitrag zu leisten. Von Steuerpflichtigen erheben wir einen Kirchenbeitrag, der allerdings nicht mit staatlicher Hilfe über das Finanzamt eingezogen, sondern direkt an die Gemeinde gezahlt wird. Die Einnahmen kommen direkt der Gemeindearbeit zu Gute, der Verwaltungsaufwand ist minimal.

Dank der Beitrags- und Spendeneinnahmen und Stiftungen ist die finanzielle Situation der Gemeinde und damit deren Arbeit und Auftrag zur Zeit abgesichert.



Unsere ökumenischen Beziehungen

Schon immer stand unsere Kirchengemeinde in Distanz zu den sie umgebenden Kirchen bzw. Kirchenvereinigungen. Während in theologischen Gesprächen und Entscheidungen Gemeinsamkeiten betont wurden und werden, wird in Fragen der Organisation und Zusammenarbeit der Eigenständigkeit meist der Vorrang gegeben. Als reformierte Kirche schlossen wir uns deshalb 1818 nicht der Hanauer Union an, einer Vorläuferin der heutigen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck. Durch den Lauf der Geschichte waren wir lose mit verschiedenen Kirchenbünden verbunden, haben aber immer aus Respekt vor unserer Gründungsgeschichte versucht, die einstmals in der Kapitulation verliehenen Privilegien und Rechte zu wahren.

Theologisch tendiert unsere Gemeinde zur Evangelischen Landeskirche und orientiert sich an deren Entscheidungen und Richtlinien. Diese Ausrichtung wird deutlich nicht nur an der Besetzung der Pfarrstelle, sondern auch in einer Vielfalt der Gemeindearbeit und einer theologischen Offenheit in der Arbeit mit den Menschen. Im Sinne der Leuenberger Konkordie (1973) pflegen wir Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft mit allen Kirchen, die sich der „Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa (GEKE)“ verbunden wissen. Dankbar nehmen wir Amtshilfe von landeskirchlichen Einrichtungen in Anspruch und pflegen einen lebendigen Kontakt mit den Ortsgemeinden und dem Diakonischen Werk in Kurhessen-Waldeck. Wir verstehen uns als volkskirchliche Gemeinde.

Als selbständige Evangelisch-reformierte Kirche sind wir als Körperschaft des öffentlichen Rechts eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft.



Herausforderung für die Zukunft

Unsere Gemeinde muss immer wieder neu das eigene Erbe lebendig erhalten, um für die Gegenwart und die Zukunft bereit zu sein. Der Mut unserer Gründermütter und -väter motiviert uns immer wieder aufs Neue, die Gestaltung unserer Gemeinde und das Gemeindeleben kritisch zu hinterfragen, Entscheidungen zu treffen und Veränderungen zu wagen.

Der Auftrag Jesu Christi verpflichtet uns, von unserem Glauben und unserer Geschichte in der Welt zu zeugen. Wir wollen Menschen einladen und ermutigen, sich mit dem Glauben auseinander zu setzen und sich für ihn zu entscheiden. In diesem Sinne verstehen wir uns als missionarische Kirche, die immer wieder Wege einschlagen wird und muss, das Evangelium in dieser Zeit zeitgemäß und verständlich zu verkündigen.

Mit unserer diakonischen Arbeit haben wir diejenigen vor Augen, die am Rande stehen und unter die Räder der Gesellschaft zu kommen drohen. Ihnen gilt im Rahmen unserer menschlichen und finanziellen Möglichkeiten unsere ganze Aufmerksamkeit und Fürsorge.

Die Inschriften an den Emporen unserer Kirche weisen uns den Weg: „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, dazu du auch berufen bist. (1. Timotheus 6, 12)“ und „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Matthäus 28, 20)“

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