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Jesus Christus spricht: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Lukas 9, 62

Liebe Schwestern und Brüder im HERRN, liebe Gäste,

mit diesem Gottesdienst erinnern wir an den großen Reformator und Kirchenlehrer Johannes Calvin, der am vergangenen Freitag vor 500 Jahren geboren wurde. Wenn er wüsste, welche Festivitäten zu seiner Ehre veranstaltet werden, er würde sich wohl im Grabe umdrehen und nur den Kopf schütteln – wenn nicht sogar den Scheiterhaufen einfordern.

 

Ja, Johannes Calvin – bei allen Verdiensten, von denen noch die Rede sein wird – ist eine Person, bei der auch viel Schatten zu der Lichtgestalt treten. Dies wollen wir am heutigen Abend auch nicht vergessen: Mit eiserner Strenge baute er die Stadt und die Kirche in Genf um. Viele Feiertage wurden gestrichen, Hochzeiten und andere gesellige Runden stark reglementiert, Karten- und Glückspiel wurden verboten, Ehebruch mit dem Tode bestraft. Er war ein durch und durch ernster Mensch, der hinter jedem Lachen schon den Abfall oder zumindest eine fehlende Ernsthaftigkeit vermutete.

Der Überlieferung nach wissen wir: Am Ende seines Lebens dankte er seinen Wegbegleitern und Förderer für ihr Wohlwollen gegen ihn, und bat um Verzeihung wegen der Ausbrüche seiner Heftigkeit, wovon sie alle öfter Zeugen gewesen waren. Er sah ein, dass er sehr hart und streng seine Lehre verteidigt habe, allerdings aus voller Überzeugung .

Und genau hier – bei dem Überzeugtsein von seiner Lehren – setzt das große Verdienst Calvins an, der eine Kirchenbewegung in Gang gesetzt hat, die bis heute andauert und mittlerweile über 105 Millionen Christen reformierten Bekenntnisses zu einer großen Glaubensfamilie zusammenfasst. (Lutheraner gibt es nur um die 75 Millionen und 1,3 Milliarden Katholiken.)

Wenn Calvin sich jeden Morgen auf den Weg machte, um auf die Kanzel der Kathedrale St. Pierre in Genf zu steigen und zu predigen, dann war er erfüllt von der Gnade Gottes, die auch das Gesetz kennt.

In Calvins Gnadenlehre wird niemand aus Verdienst gerecht, so wie niemand aus Verschulden scheitert, wenn man die so umstrittene doppelte Prädestinationslehre hart auslegt. Es liegt alles in Gottes Hand, vorherbestimmt vor ewigen Zeiten. Karl Barth, der große reformierte Theologe des 20. Jahrhunderts, wird später die Verdammten ebenfalls durch das Kreuz Christi errettet wissen.

In seinem Engagement und seiner Ernsthaftigkeit ist Calvin mir ein Vorbild im Glauben. Wir Reformierten haben ja so unsere Schwierigkeiten mit Heiligenverehrung – zu Recht, aber dennoch dürfen und sollten auch wir zu manchen großen Personen der Kirchengeschichte aufschauen und von ihnen etwas für unseren Glauben lernen.

Jesus Christus spricht: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Auch heute braucht unsere Kirche Menschen mit Visionen, Mut und Durchsetzungskraft, die nicht nur Sonntags fromm aus ihrer Wäsche schauen, sondern die auch werktags ihren Glauben leben. Wir brauchen denkende Menschen als kritische Masse mitten unter uns – wieso macht ihr es so, und nicht anders? Wir brauchen neugierige Menschen, die uns über unseren Glauben befragen – auch wenn wir nicht immer eine Antwort geben können.

Ich glaube, auch heute noch beruft Gott mitten unter uns Menschen wie Calvin in seinen Dienst. Menschen, die konsequent und vor allem authentisch ihren Glauben in die Tat umsetzen. Menschen, die von einer heiligen Unruhe ergriffen sind wie Paulus, von einem heiligen Zorn wie Mose, auch von einem Vorwärtsstürmen wie Petrus.

Vielleicht schießt man dabei auch manches Mal übers Ziel hinaus – auch das gehört zu Calvin, zu jedem Menschen. Aber wäre es besser, gar nichts zu tun und die Hände im Schoß liegen zu lassen?
Wir brauchen die Zukunft nicht zu fürchten und als Kirche keine Angst vor Veränderungen zu haben. Als die Christen immer mehr wurden und die Juden Angst vor ihnen bekamen, wollten sie sie verfolgen. Doch ein weiser Mann im Tempel zu Jerusalem, Gamaniel, erklärte sinngemäß: „Ist ihre Lehre von Gott, so wird es Bestand haben, ist es gegen ihn, wird es untergehen.“

Die Kirche Jesus Christi hat seit 2 Jahrtausenden Bestand – auch wenn ihre Form und Inhalte manchmal fragwürdig sind. Auch die Kirchen der Reformation freuen sich bis heute eine Lebendigkeit, die man ihnen am Anfang nie zugetraut hätte.

Und ebenso unsere Wallonisch-Niederländische Kirche wird durch Gott bis auf den heutigen Tag erhalten. Es ist ein Segen, dass von uns aus keine Spaltung hervorgerufen wurde und wir eins geblieben sind, auch wenn andere an uns Anstoß nehmen.

Jesus Christus spricht: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Um ihres Glaubens willen wurden unsere Gründungsväter und –mütter aus ihrer Heimat vertrieben und haben sich hier in Hanau niederlassen dürfen. Dadurch wurde aus einer kleinen mittelalterlichen Stadt eine pulsierende Handelsstadt mit einem geplanten Stadtbau, Gold- und Silberschmieden, die Zeichenakademie, so vieles, was bis heute bekannt ist. Die Geschichte der Reformierten in dieser Stadt ist mit Hanau eng verknüpft und umgekehrt.

Nicht immer wurden uns als Calvinisten in dieser Stadt mit offenen Armen und Herzen begegnet, das scheint das Los der Auserwählten Gottes zu sein. Und doch gibt es bis heute diese Kirche, die offen, einladend und zukunftsorientiert ihr Morgen zu gestalten versucht. Mag der letzte Krieg dieser einmaligen Doppelkirche äußerlich Schaden zugefügt haben, der Tempel unseres Glaubens blieb und bleibt und wird erhalten bleiben – so Gott will. Unsere Herkunft ist unsere Zukunft.

Jeder von uns hat einen Auftrag und jeder hat einen Platz zu seiner Zeit in dieser Kirche. Gott hat uns seinen Geist verheißen und vielleicht spüren Sie in von Zeit zu Zeit – als Gefühl, als Regung, als Traum, wie auch immer. Und wenn nicht: dann begeben Sie sich auf die Suche, denn Christus spricht: „Wenn Ihr mich von Herzen suchen werdet, werdet ihr mich finden."

Schließen möchte ich mit einem Zitat von dem Mann, dessen Verbrennung als Häretiker Calvin zugestimmt hat. Michael Servet, der Leugnung der Trinität angeklagt, hinterließ einen wahren Satz, der später in der Aufklärung aufgenommen werden wird. Die Reformation brach mit einem gesteuerten und reglementierten Denken durch die Kirche und brachte somit große Humanisten und Denker hervor, von dessen Erkenntnissen unsere westliche und tolerante Gesellschaft bis heute profitiert.

Mögen auch manche Kirchenfronten in der Ökumene verhärtet sein, von unten wächst allmählich zusammen, was der HERR als eine Kirche gegründet hat. Ob es eine einzig wahre Kirche auf dieser Erde gibt, wage ich bei all dem Menscheln zu bezweifeln. Ich glaube aber an die eine heilige allgemeine Kirche Jesu Christi, so wie wir es im Glaubensbekenntnis bekennen. Diese ist es, die überall dort ist, wo zwei oder drei im Namen Jesu Christi versammelt sind. Denn darauf kommt es nämlich an, wer unser Zentrum ist, und nicht, was wir alles theologisch oder sonst wie darum gebaut und konstruiert haben.

So soll nun das prominenteste Opfer Calvins das letzte Wort haben. Servet –ich habe das Zitat nicht vergessen, jetzt kommt es- mahnt uns – und diesen Satz sollten wir vielleicht uns zu Herzen nehmen im Miteinander: „Ich glaube, dass in uns allen etwas Wahrheit und etwas Irrtum ruht; doch lenkt jeder von uns die Aufmerksamkeit auf den Irrtum des anderen, ohne den eigenen Irrtum zu sehen. Möge Gott uns mit seinem grenzenlosen Mitleid in aller Gelassenheit auch unsere eigenen Irrtümer erkennen lassen.“

Im Namen Jesu Christi. AMEN!

Torben W. Telder, vdm
-es gilt das gesprochene Wort-