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Text: Lukas 17, 11 – 19 „Die zehn Aussätzigen“

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Familien und Verwandte,
liebe Schwestern und Brüder im HERRN,

ein vielleicht etwas ungewöhnlicher Text für Eure Vorstellung. Oder aber ein Text, der die Realität wiederspiegelt: wie viele von Euch werden nach der Konfirmation ganz eng mit unserer Kirche verbunden bleiben? Ich meine eng und nicht locker, denn sicherlich und hoffentlich werde ich Euch vielleicht bei einer anderen Familienfeier wie Trauung, Taufe oder Beerdigung wiedersehen. Ach ja: und da ist dann ja noch Weihnachten. Alles wichtige Ereignisse und ich freue mich schon heute dann auf ein Wiedersehen. Aber dazwischen liegt noch eine Menge Zeit. Und davon handelt das heutige Evangelium: neun vergessen Jesus und nur einer kehrt um.

Ich möchte dies gar nicht moralisieren. Jeder von uns hat so seine Erfahrungen mit Kirche gemacht. Und jeder hat sich wohl nach seiner Konfirmation erst einmal verabschiedet, be- vor der Punkt in seinem Leben kam, an dem er „umkehrte“ und wieder die Nähe zu Gott, dem Glauben und/oder seiner Kirche suchte. Was zählt, dass Ihr in der Zwischenzeit nicht vergesst, dass Euch hier immer offene Arme und Ohren erwarten.

Nun hat uns die Coronazeit leider nicht die Möglichkeit gegeben, uns näher aneinander zu binden. Ich vertraue auf Gottes guten Geist, dass Ihr dennoch eine Verbindung in Euch spürt. Dass ein kleiner Samen in Euch gelegt wurde, der leise und unauffällig wachsen möge. Ihr wart mit anderen Dingen beschäftigt: Homeschooling, Distanz und Einschrän- kungen im Alltag bestimmen die letzten ein- einhalb Jahre. Ich habe Euch gebeten, von Euren Ängsten und Sorgen zu berichten und Ihr habt aussagekräftige Texte geliefert, die uns einen Einblick in Euer Inneres erlauben. (Anonymisiert folgen nun die Aussagen:)

Konfirmandin 1 schreibt:

Wie habe ich die Coronazeit empfunden?
Es war eine sehr aufregende und nervenzerreißende Zeit mit vielen Emotionen. Teilweise habe ich nicht mehr gewusst, was ich denken soll. Es ist eine Zeit, die uns belehrt hat, dass nichts von Dauer ist und dass jeder Moment einzigartig ist, denn wir werden ihn nie wieder erleben sobald er vorbei ist. Dankbarkeit für die gelebten und genossenen Momente. Ich glaube wir sind alle dankbarer geworden, jedenfalls bin ich es.

Was habe ich vermisst? Was habe ich genossen?
Vermisst habe ich die Spontanität, die Freiheit, nach Lust und Laune zu entscheiden. Die Coronamaßnahmen, besonders die Maskenpflicht, empfinde ich als sehr einschränkend. Ich vermisse es, in der Schule zu singen und laut zu lachen, in der Pause spazieren zu gehen und sich dabei frei zu unterhalten. Ich vermisse es loszulassen.

Ich genoss allerdings den Kontakt zu neuen wundervollen Menschen, die ich kennenlernen durfte. Besonders die Gespräche bis in die Nacht hinein werde ich so schnell nicht vergessen. Ich genoss aber auch die Zeit mit meinen Lieben, die mir geschenkt wurde. Die Zeit, für die man sonst keine „Zeit“ gehabt hätte. Alte/neue Lieblingsbeschäftigungen habe ich wieder für mich entdeckt. Die Pandemie ist ein Ausnahmezustand und nicht so leicht zu akzeptieren, keine Frage, jedoch hat sie – da bin ich mir sicher, dass ich nicht nur von mir spreche – den Menschen gezeigt und bewiesen, wie unwichtig es sein kann, ob man „cool“ genug aussieht, sondern wie wichtig es ist, einen Zusammenhalt in der Familie und im Bekanntenkreis zu haben, geliebte Personen, die gegenseitig auf sich selbst und auf die anderen aufpassen und sie respektieren.

Konfirmandin 2 schreibt:

Teilweise war es während dieser Zeit sehr schwierig, da man auf sehr viel verzichten musste und es nicht erträglich war, so viele Leute in kürzester Zeit sterben zu sehen, vor allem, weil man durch die Medien, alles ver- stärkt mitbekommen hat.

Vermisst habe ich die Treffen mit meinen Verwandten und meinen Freunden und eine Zeitlang auch den Unterricht in der Schule, da es über den Computer sehr anstrengend war zu lernen, anstrengender als in der Schule. Genossen habe ich die Zeit mit meinen Eltern, mit meinem Bruder und meinem Hund, da man gemeinsam mehr unternehmen konnte und dadurch die Familie noch mehr zusammengewachsen ist.

Ich hatte Angst, dass jemand aus meiner Familie und meinem Freundeskreis erkrankt und die Wirtschaft noch weiter runterfährt, sich nicht mehr erholt und noch weitere Leute ihre Jobs verlieren. Mir haben die positiven Seiten von Corona Hoffnungen geschenkt, wie zum Beispiel, dass die Natur sich in kurzer Zeit erholt hat und die Tiere in ihren vorherigen Lebensraum zurückkehren konnten, ein Beispiel die Rückkehr der Delphine in den Kanälen von Venedig.

 

Konfirmandin 3 schreibt:

Anfangs war es für jeden eine harte Zeit, da man nicht wusste, wie es weitergeht. Dann haben plötzlich die Schulen geschlossen und somit wurde auch der soziale Kontakt stark eingeschränkt. Aber mit der Zeit, nach fast 2 Jahren, hat sich Corona in unser Leben ein- gespielt und man weiß, wie man damit umzugehen hat.

Vermisst habe ich die sozialen Kontakte, sich mit Freunden zu treffen und ohne Hinterge- danken Sachen zu erledigen. Ich habe aber auch genossen, dass man mehr Zeit für die Familie hatte und mehr Zeit für die Schule und Freizeit blieb.

Ich hatte Angst davor, nicht zu wissen, wie es weitergehen soll, aber auch Hoffnung, dass es nach dieser Zeit alles wieder so wird wie vorher.

wng hanau 2111 28

Konfirmandin 4 schreibt:

Wie habe ich die Coronazeit empfunden?
Die Zeit zuhause, oft alleine, war sehr schwer, weil ich mich mit niemandem verabreden konnte und ich nicht trainieren konnte. Freunde aus der Schule konnte ich auch nur über den Online-Unterricht sehen.

Was habe ich vermisst? Was habe ich genossen?
Keine Freunde treffen und nicht trainieren können habe ich am meisten vermisst und war auch sehr froh, als ich dann wieder andere treffen konnte. Für mich persönlich war eine der guten Sachen, dass man nicht so viel Schulstress durch Tests und Arbeiten hatte.

Was hat mir Angst gemacht? Was Hoffnung?

Angst hatte ich davor, dass die Pandemie so schlimm bleiben würde, man gar nicht mehr raus dürfte oder es noch länger so im Lockdown weiter gehen würde. Hoffnung hatte ich durch gute Nachrichten, wie zum Beispiel, dass wieder Läden öffnen durften oder man wieder Menschen bzw. Freunde sehen konnte.

 

Meine Lieben, traurige und bewegende Worte von jungen Menschen, die ihr Leben gerade entdecken und die so vieles erwarten und erreichen wollen. Der Aussatz aus dem Evangelium entpuppt sich in diesem Kontext nicht nur als Corona, sondern auch als Lockdown. Nie waren mehr Jugendliche depressiver und selbstmordgefährdeter als in dieser Zeit.

Dass Ihr aber nicht ganz den Mut und Glauben verloren habt, davon habt Ihr auch geschrieben (wiederum anonymisiert):

 

Konfirmandin 5 schreibt:

Was werde ich anders machen, wenn Corona überstanden ist?
Wie viel ich anders machen werde und warum ich es anders machen möchte, weiß ich noch nicht genau. Ich denke, ich möchte versuchen offener zu sein, auf Menschen zuzugehen und mutig an neue, unbekannte Dinge ranzugehen.

Was hat das mit meinem Glauben zu tun?
Vor der Pandemie hätte ich nicht gedacht, dass es so etwas gibt und das so etwas so schlimm sein könnte und sich so in die Länge ziehen kann. So lange im Lockdown zu sein war neu und ungewohnt. Währenddessen habe ich aber nicht wirklich viel geglaubt. Ich hatte Hoffnung wieder Sport machen zu dürfen und wieder richtig in die Schule zu gehen aber ich habe nicht geglaubt und ich glaube auch immer noch nicht, dass es mal wieder so wie vor der Pandemie wird. Ich glaube es kann besser werden. Ich hoffe dass es besser wird. Diese Pandemie hat so viel bewirkt!

Konfirmand 6 schreibt:

Was werde ich anders machen, wenn Corona überstanden ist?
Wir werden endlich nach Berlin fahren. Ich freue mich, dass es eine Klassenfahrt geben wird. Ich werde mich mit Freunden treffen und ins Kino gehen.
Mir hat die Coronazeit gezeigt, dass soziale Kontakte wichtig sind und wir zusammenhalten müssen – nicht gegeneinander agieren. Ich denke, dass ist das, was Jesus sich für uns Menschen wünscht.

Konfirmand 7 schreibt:

Wenn Corona irgendwann mal überstanden ist, würde ich versuchen deutlich mehr zu unternehmen, um auch auf diese Art mein Leben zu genießen.
Ich hoffe darauf, dass Corona irgendwann kein Problem mehr darstellt und wir lernen mit der Situation umzugehen. Mein Glaube und mein Vertrauen in Gott halfen mir bisher durch die schwere Coronazeit und werden mich auch weiterhin dabei unterstützen optimistisch in die Zukunft zu blicken. So verbinde ich die Hoffnung des Endes von Corona mit meinem Glauben.

Konfirmandin 8 schreibt:

Was werde ich anders machen, wenn Corona überstanden ist?
Ich denke, wenn Corona überstanden ist, werde ich viele Dinge anders machen. Zum Beispiel werde ich mehr Zeit mit meiner Familie und Freunden verbringen und dankbarer dafür sein, dass es ihnen im Allgemeinen gutgeht und sie gesund sind. Corona hat mir gezeigt, dass so etwas nicht selbstverständlich ist.

Was hat das mit meinem Glauben zu tun?
Ich denke, diese Zeit hat viel mit dem Glauben zu tun. Sie kann zum Beispiel die Hoffnung sein, die wir dadurch bekommen. Sie hilft uns unsere Ängste zu überwinden und positiv in die Zukunft zu schauen. Oder aber auch die Gemeinschaft und Nächstenliebe, die ich erfahren habe. Ich weiß dadurch, dass ich nicht allein bin.

wng hanau 2111 27 


Geschwister im Herrn, etwas ist also doch in Euch gewachsen: Familiensinn, Hoffnung und auch ein klein wenig Glauben. Das schenkt mir Hoffnung: Hoffnung, dass Ihr nicht ein verlorener Jahrgang seid, sondern ein besonderer Jahrgang. Hoffnung, dass Ihr den Glauben als eine Kraft spüren könnt, die Euch stärkt, wenn Ihr am Ende mit Euren Kräften seid.

Vielleicht ist das heutige Evangelium ein Hinweis darauf, dass von 10 Unterwiesenen zumindest einer oder eine Pfarrer oder Pfarrerin werden könnte. Wer weiß? Ich bin gespannt und versuche ja jedes Jahr, einen potentiellen Nachfolger unter den Konfirmierten für das Theologiestudium zu begeistern. Das allein liegt in Gottes Hand, wie so vieles, was wir nicht beeinflussen können. Geht Euren Lebensweg, probiert Euch aus, sammelt Erfahrungen – Erfolge wie auch Rückschläge. Und seid dabei gewiß: Wo auch immer Euch Euer Lebensweg hinführen wird, Gott wartet schon auf Euch. Wie auch jetzt Christus uns an seinem Tisch willkommen heißen möchte, wenn wir nun miteinander das Heilige Abendmahl feiern wollen. Im Namen Jesu Christi, AMEN!

Pfarrer Torben W. Telder
- es gilt das gesprochene Wort! -