Predigttext: Apostelgeschichte 2, 1-11
Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,
liebe Gäste im Tempel unseres Glaubens,
liebe Konsistoriale im Apostelamt unserer Kirche,
keine Angst – ich habe mich nicht im Tag geirrt, auch wenn der heutige Predigttext eigentlich das Pfingstfest thematisiert, welches wir erst nächste Woche feiern. Allerdings feiern wir an diesem Feiertag in der Regel immer die Konfirmation, so dass die Konfirmationsverse dann im Zentrum stehen. In diesem Jahr haben wir leider keine Konfirmation, was auch etwas über den Zustand unserer Kirche sagt. Pfingsten und unser Gemeindegründungsfest haben etwas gemeinsam: es sind die Geburtstage aller und unserer Kirche.
Viele von uns genießen ihre Geburtstage und freuen sich, ein weiteres Jahr älter geworden zu sein. In jüngeren Jahren natürlich mehr als in den späteren Jahren. Ich werde nun nicht fragen, wer der älteste Mensch heute Morgen unter uns ist.
Aber denken Sie nur einen Moment an all die Veränderungen, die zu unseren Lebzeiten stattgefunden haben. Wissen Sie, dass die NASA weniger Computerleistung hatte, als der erste Mensch auf dem Mond landete, als die, die heute im billigsten verfügbaren Handy zu finden ist? Der erste Computer war 2,5m hoch, 1m tief und 25m breit. Er enthielt 20.000 Röhren, 70.000 Widerstände, 10.000 Kondensatoren und ca. 5.000.000 Lötverbindungen. Er wog fast 30 Tonnen. Heute haben wir die über 1000fache Leistung in unserm Handy in der Hosentasche dabei.
Heute Morgen sind wir hier versammelt, um das 428-jährige Bestehen unserer Kirche zu feiern, deren niederländischer Teil, in dem wir heute Gottesdienst feiern, vor genau 405 Jahren eingeweiht wurde. Unsere Gemeinde und dieser steinerne Tempel unseres Glaubens haben viele Veränderungen im Laufe der Jahre erlebt.
Seit der Kirchengründung im Jahr 1597 haben wir verschiedene politische Systeme kommen und gehen sehen, tobten verschiedene Kriege und Konflikte um uns herum. Es gab unzählige Fortschritte in Technologie und im Gesun-heitswesen. Auch unsere Gesellschaft hat viele Veränderungen in Kleidungsstilen, Ethik, Moral, Gesetzen und so vielen anderen Dingen durchgemacht.
In all dieser Zeit gibt es aber eine Sache, die sich nicht geändert und die Zeiten überstanden hat: das Evangelium Jesu Christi. Das Evangelium, die Bibel, das Wort Gottes ist gestern, heute und morgen dasselbe. So lesen wir auch beim Propheten Maleachi (3, 6): „Ich, der HERR, wandle mich nicht.“
Während wir uns heute der Geschichte dieser Kirche bewusst sind, denke ich, dass es keine schlechte Idee ist, noch weiter in der Geschichte zurückzugehen zum Anfang der ersten Kirche und Gemeinde – wovon wir in der Apostelgeschichte gehört haben.
Die Ereignisse, die dort beschrieben werden, fanden 50 Tage nach dem jüdischen Pessachfest statt, als Jesus an Karfreitag gekreuzigt wurde. Die 11 Jünger; Judas hatte sich ja erhängt, befanden sich auf einer emotionalen Achterbahn. In nur wenigen Tagen hatten sie erlebt, wie Jesus während der Palmsonntagsparade triumphierend in Jerusalem einzog. Dann wurden sie Zeuge des Prozesses und des Todes Jesu. Viele von ihnen verließen die Stadt enttäuscht und dachten, sie hätten an eine falsche Hoffnung geglaubt. Drei Tage später aber sahen sie einen auferstandenen Jesus und ihr Glaube wurde wiederhergestellt.
Sie freuten sich auf ein kommendes Königreich von und mit GOTT, als sie weitere 40 Tage bei Jesus blieben. Aber dann stieg Jesus in den Himmel auf und versprach, einen Tröster, nämlich den Heiligen Geist, zu senden.
Und so waren sie zurück in Jerusalem, hatten Angst um ihr Leben und versteckten sich zusammen in höchstwahrscheinlich demselben Raum, in dem sie auch das Letzte Abendmahl zusammen gefeiert hatten, denn die römischen und jüdischen Beamten waren sich der jüngsten Ereignisse des Passahfestes noch sehr bewusst. Sie wurden zweifellos von beiden Parteien beobachtet, um sicherzustellen, dass keine anderen Störungen mehr stattfanden. Auch andere Jünger und Anhänger hielten sich bedeckt.
Doch dann kam der Pfingsttag und auf einmal waren sie alle vom Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu sprechen. Als dies geschah, zog es viele Menschen an und viele waren verwirrt, weil jeder sie in seiner eigenen Sprache sprechen hörte. Am Ende war die Begeisterung aber dann doch so groß, dass sich etwa 3000 Menschen taufen ließen.
In der Apostelgeschichte lesen wir, was diese Menschen als Kirche verstanden und verband: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet“ (V. 42).
Meine Lieben, sicherlich gibt es auch unter uns heute Morgen den einen oder anderen, der schon einmal enttäuscht wurde durch Menschen, er geliebt und an die er geglaubt hat. Und sicherlich kennen wir auch das Gefühl von Angst, Einsamkeit oder Verrat. An jenem Sonntagmorgen damals in Jerusalem hatte sieben Wochen nach der Auferstehung Jesu diese kleine Gruppe von Jüngern dieselben Gefühle. Und doch markiert dieser Tag den Beginn, das Geburtsdatum der christlichen Kirchen. Es begann mit einer kleinen Gruppe von Gläubigen und hat sich auf der ganzen Welt ausgebreitet und den Lauf der Weltgeschichte verändert.
Diese übernatürliche Kraft des Heiligen Geistes, die an diesem Tag erlebbar wurde, brachte drei große Veränderungen: Zuerst war es die Geburt der christlichen Kirchen, als der Heilige Geist auf die Jünger kam und sie inspirierte, zu predigen und ja, auch Wunder zu tun. Für mich heute in der Gegenwart bedeutet dies, dass wir als Kirche und als Einzelne empfänglich sein sollen, auch von diesem Heiligen Geist ergriffen zu werden und mit dieser Kraft unsere Kräfte einzubringen, Zuhause, im Alltag, in der Gesellschaft und auch in der Kirche.
Die Zweite ist die alleinige Orientierung an GOTT. Von diesem Tag an sollten sich Christen aller Nationalitäten vom Geist leiten lassen und die Welt verändern. Sicherlich, der Begriff der Mission klingt veraltet, aber der christliche Glaube hat eine Mission für die Welt. Ich weiß: Viele stehen dem Missionseifer kritisch gegenübe, aber stellen Sie sich einmal vor, es hätte nicht die christlichen Missionare bei den Kelten und Germanen, bei den Slawen und Indern, bei den Ureinwohnern Amerikas gegeben, dann würden vielleicht noch immer Menschenopfer stattfinden. Oder die Gleichwertigkeit von Mann und Frau würde fehlen, die erst in einer christlichen Gemeinde zusammen beten und wirken durften.
Und schließlich die Dritte: Gott gibt uns Kraft. An jenem Tag wurden dieselben ängstlichen Menschen, die sich im Abendmahlssaal versteckten, ermutigt, in die feindlichen Straßen Jerusalems hinauszugehen und das Evangelium zu verkünden. Sollten dann nicht auch wir mehr Mut haben, einer immer mehr entkirchlichten Gesellschaft die Stirn zu bieten?
Wenn wir also vom Pfingstwunder lesen, finden wir keine blumige Rede. Wir finden keine süßen oder lustigen Geschichten. Wir finden keine Bestimmungen oder von Menschen festgelegten Kriterien, die erfüllt werden müssen, um in der Kirche mitzuarbeiten. Was wir lesen, ist die schlichte und einfache Botschaft des Evangeliums. Diese Botschaft war damals dieselbe; sie ist heute dieselbe; und wird morgen dieselbe sein.
Es ist eine Botschaft der Erlösung und des Heils. Jesus wurde von GOTT gesandt. Jesus starb am Kreuz für unsere Sünde und Schuld. Er wurde begraben und überwand den Tod durch die Auferstehung.
An diesem Tag vor etwa 2 Jahrtausenden wird uns gesagt, dass etwa 3.000 Menschen diese einfache Botschaft gehört und Jesus als ihren Retter akzeptiert haben und getauft wurden. Es war eine feindselige Zeit, Christ zu sein. Sie wurden von ihren Mitmenschen verspottet und verfolgt. Menschen, die sie als Freunde und Familie betrachteten, dachten, sie seien verrückt. Die Regierung hatte sich gegen sie verschworen.
Wenn man darüber nachdenkt, war es eine Zeit, die sich nicht so sehr von heute unterscheidet. Viele Menschen sehnen sich heute noch danach, die einfache Botschaft des Evangeliums zu hören, wohl eher außerhalb Europas, wo die Kirchen wachsen. Aber Christen werden immer noch in manchen Regionen der Welt öffentlich verspottet und verfolgt. Und Regierungen versuchen immer noch, Christen zu zwingen, ihre Überzeugungen aufzugeben. Was dagegen kostet es uns in Deutschland, unseren Glauben zu bekennen?
Heute feiern wir 428 Jahre Wallonisch-Niederländische Kirche. Aber wir sind Teil von etwas viel Größerem und das geht viel weiter zurück. Wir sind vereint mit dem Leib Christi, der christlichen Kirche, die von Jesus durch den Heiligen Geist gegründet wurde.
Wir tun gut daran, wenn wir uns mindestens einmal im Jahr an die Vergangenheit erinnern und auch an all die vielen guten Menschen denken, die vor uns durch diese Türen und ihr Tun zu unserer Kirche und zu unserer Gemeinschaft gekommen sind. 428 Jahre sind eine sehr lange Zeit, ... aber unsere Arbeit hier ist noch nicht getan. Wir fangen gerade erst an.
Unsere Aufgabe ist heute die Gleiche, wie sie es für Petrus an jenem Pfingsttag war. Es ist dasselbe, wie die 54 wallonischen und 54 niederländischen Gründungsfamilien dieser Kirche 1597, von denen noch eine Handvoll bis heute unserer Kirche zugehörig sind. Eine kleine Randbemerkung zum Schmunzeln: bei den ersten Familien war ein gewisser Gille Prevost et sa femme dabei – klingelt es da? Genau: scheinbar kommt der neue Papst Leo XIV doch nicht aus einer urkatholischen Familie, oder es ist reiner Zufall.
Carissimi! Wie immer schließe ich mit einem Zitat aus einem Sitzungsprotokoll von 1852 „Die Vorsehung, welche sich dahier eine Kirche wie die unsrige hat gestalten lassen, wird sie auch erhalten, wenn in ihre Glieder mehr Geist kommt, der sie gegründet hat; der Geist der sich selbst aufopfernden Liebe Jesu Christi unseres Heilandes.“
Es ist also kein Zufall, dass es unsere Kirche hier im Herzen Hanaus gibt, sondern wir sind gottgewollt und stehen unter seinem besonderen Schutz. 428 Jahre seit Gemeindegründung kommen wir auch an diesem ersten Juniwochenende zusammen, um Gott für seine Fügung zu danken, unsere Kirche gegründet und bis heute mit seinem Segen begleitet zu haben. Bitten wir ihn auch, dass er in Zukunft gnädig auf das Werk unserer Hände schauen möge.
Gott behüte und segne all unser Tun und Lassen.
AMEN