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Gehalten in der Epiphaniaszeit

Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,
liebe Gäste im Tempel unseres Glaubens,
liebe Konsistoriale im Apostelamt unserer Kirche,

was spricht dagegen, dass der christliche Glaube ein „Märchen“ oder eine Fabel ist, wie wir es eben in der Lesung aus dem Petrusbrief (2. Petrus 1, 16-21) gehört haben? Es gibt ja bis heute Zeitgenossen, die genau das behaupten und es in vielen Büchern, Zeitschriften und Zeitungen veröffentlichen: Die biblische Botschaft ist ja auch so ungeheuerlich, dass sie immer wieder auf Unglauben und Skepsis stößt. 

Selbst bei Menschen, die eigentlich für den Glauben offen sind, wird immer wieder manches in Zweifel gezogen. Und tatsächlich ist es unglaublich, aber wahr, was an Weihnachten oder an Ostern passierte: eine volle Krippe und ein leeres Grab. Beides für die Welt unglaublich, für den Glauben Realität. Glaube und Realität: In dieser Spannung bewegt sich die Religion. Sie betrifft sowohl die diesseitige, als auch die jenseitige Welt und streift dabei das Menschliche, die Wissenschaft, unser ganzes Sein und Denken. Deshalb ist der Glaube auch keine Fabel oder ein Märchen. 

Sagenumwoben ist der Morgenstern. Wir haben vor der Predigt den Choral „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ gesungen. Gleich werden wir noch ein Lied während der Predigt singen. Was ist dieser Morgenstern? In der Dämmerung des anbrechenden Tages, wenn schon alle Sterne verloschen sind, dann leuchtet einsam, hell und klar am Himmel nur noch der Planet Venus. Er wird auch als „Morgenstern“ bezeichnet, weil er am frühen Morgen den anbrechenden Tag ankündigt. 

Der Morgenstern, dieser einsame Stern am Himmel, ist ein erinnernder und ein ankündigender Bote: Die vergehende Nacht kündigt das Heraufziehen des neuen Tages an. Dieses astronomische Wissen vom Morgenstern schenkte den Menschen schon immer Verlässlichkeit und Gewissheit im Wandel der Zeiten. Und so erinnern wir uns mit unseren Liedern vom Morgenstern noch einmal an die Weihnachtszeit, deren Licht nun allmählich im Alltag unseres Lebens verlöscht. Zugleich kündigt uns der Morgenstern aber bereits Ostern an, worauf wir in den kommenden Wochen zugehen. 

800px Johann Gottfried Herder 2

Der Morgenstern ist für Menschen nicht nur seit alters her ein erinnernder und ein ankündigender Bote am Himmel der Gestirne, nein, seit den Anfängen der Kirche auch am Himmel des christlichen Glaubenslebens. Wir leben in Zeiten, die einerseits zurückblicken auf das Licht, das in Jesus Christus in diese Welt gekommen ist, in Zeiten, in denen das Licht der Weihnacht wieder dem Dunkel gewichen ist - und zugleich in Zeiten, in denen die Dunkelheit der Welt zum Vergehen bestimmt ist und ein neuer Tag anbricht: der Tag des Herrn, der sich im Aufgehen des Morgensterns ankündigt. Wir leben in der Erinnerung an das Licht, das Jesus Christus in diese Welt gebracht hat, und in Erwartung des künftigen Tages, an dem alle Dunkelheit ein Ende finden wird.

Geschwister im HERRN! In Riga gab es in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts einen jungen Lehrer, der bei seinen Schülern außerordentlich beliebt war. Nebenbei predigte er mit großem Erfolg auch im Dom. Er hatte in Königsberg Philosophie und Theologie studiert. Sein Name: Johann Gottfried Herder. Mit 25 Jahren verabschiedete er sich plötzlich von seinen Schülern und Predigthörern und nahm im Hafen von Riga ein Handelsschiff, das nach Westen segelte. 

In Frankreich stieg er aus und setzte seine Reise auf dem Landweg fort. Er kam dabei nach Straßburg. Dort traf er auf ein weiteres aufstrebendes Genie mit Namen Johann Wolfgang Goethe. Herderbewunderte den älteren Alleswisser und ließ sich von dessen Ideen anstecken. 

Mit 27 Jahren nahm er die Stelle des Hofpredigers und Superintendenten in Bückeburg an. Bückeburg ist übrigens bis heute eine der wenigen selbstständig verbliebenen Reformierten Kirchen – wenn auch in einer barocken Schlosskapelle. Herder traf zwar am Hof auf eine charmante Herzogin und  den jüngsten Sohn von Johann Sebastian Bach, der die Hofmusik leitete. Aber sonst war Bückeburg tiefste Provinz – für einen Kopf wie Herder ein Abstellgleis.

Sein Freund Goethe dagegen hatte das große Los gezogen. Er war Minister am Hofe des Herzogs von Sachsen-Weimar. Neidisch schaute Herder nach Weimar. Und hatte Glück. Mit 32 Jahren wurde er zum Generalsuperintendent des Herzogtums berufen. Er bezog ein Haus an der Stadtkirche St. Peter und Paul. Und sofort fing er mit Reformen an. Zuerst kämpfte er für eine Erhöhung der mageren Besoldung der Lehrer. Herder wurde ein beliebter Prediger. Er brachte seine vielen Ideen zu Papier. Buch auf Buch erschienen alle gefüllt mit neuen Ideen, vor allem über die Geschichte der Menschheit. 

Goethe holte auch Schiller nach Weimar. Es entstand zwischen beiden eine wunderbare Freundschaft, und Herder war draußen. Er erlitt das Schicksal des Theologen, der abgehängt wurde. Die Zukunft gehörte den Dichtern, Philosophen und Historikern wie Goethe, Schiller, Schelling, Hegel, Hölderlin, fast alle Pfarrerssöhne und ehemalige Theologiestudenten. Kein Platz für die Reformideen Herders? 

Meine Lieben! Was sind das für Ideen? „Alles ist Geschichte!“ Das ist seine große Idee. Nicht nur die Menschheit hat ihre Geschichte, sondern auch die Natur. Auch die war nicht immer gleich, sie hat sich entwickelt. Und auch in der menschlichen Geschichte, die er auf dem Wege zur Ausbildung der Humanität sah. Herder hatte eine wunderbare Gabe, sich in die einzelnen menschlichen Individuen einzufühlen. Dabei entdeckte er, dass nicht nur der einzelne Mensch ein Individuum, eine Persönlichkeit mit einem einzigartigen Charakter ist, sondern auch das Volk, zu dem dieser Mensch gehört. 

Die Romantiker haben diese Sammelidee begeistert aufgenommen. Und auf einmal sprachen alle von Volksliedern, Volksmärchen, Volkssagen und auch von Volksmusik. Das ist bis heute so geblieben, ohne dass man weiß, dass dieser Sprachgebrauch von Herder stammt. 

Kaum war Herder mit Goethes Hilfe in Weimar angekommen, stand auch schon die Reform des im Herzogtum Sachsen-Weimar gebräuchlichen Gesangbuchs an. Neue Gesangbücher waren damals mehr heiße Eisen als heute – damals ging es um Inhalte, heute meistens ums Geld und wie viele Bücher es sich noch lohnt, anzuschaffen. 

Herder als Volksliedsammler hatte seine ganz eigenen Ideen, auf die noch keiner gekommen war. Gab es nicht auch „geistliche“ Volkslieder? Und wenn es keine gab, könnte man ja selber welche dichten. Andere hatten ja auch Volkslieder oder wenigstens Lieder im Volkston geschaffen. Also versuchte er, ganz einfache Lieder zu schreiben, die die komplizierten Barockgedichte ersetzen konnten, als seien sie der deutschen Volksseele entsprungen. Nur eins von diesen geistlichen Volksliedern hat es bis in unser aktuelles Gesangbuch geschafft und es besingt den erschienenen Christus unter den Epiphaniasliedern. 

Gemeinde Gottes! Das Epiphaniasfest ist nicht gerade volkstümlich und gut geeignet für ein geistliches Volkslied, das aus dem Herzen des Volkes entstanden sein soll. Es ist eine Zwischenkirchenjahreszeit, von Weihnachten zum Karneval kommend. So bemüht sich Herder, die traditionellen Motive dieses Festes in einfacher Sprache aufzunehmen. Der Stern, das Licht, die Quelle, das Bild Gottes. Es wird nicht die Geschichte der Weisen erzählt, sondern an die Lieder vom Morgenstern erinnert. Einige haben wir ja im Gesangbuch. Und wer da beim Singen mitdenkt, wird bald bemerken, wie schwer verständlich diese Morgensternlieder sind. 

Deshalb Herders Versuch, die Sache zu vereinfachen: „Du Morgenstern, du Licht vom Licht ...“, ohne nun simpel zu werden. Schon immer haben die Christen in dem Morgenstern Christus gesehen. Sagt doch Jesus selbst am Ende des Buches der Offenbarung: „Ich bin der helle Morgenstern“ (Offb. 22, 16). Auch das andere einmalige Geschehen im Leben Jesu, seine Auferstehung, wusste Herder ganz einfach zu besingen: „Du durchdrangst des Todes Nacht, hast Sieg und Leben uns gebracht.“ In der dritten Strophe dringt dann aber doch Herders ganz eigene Sicht der Sache durch: „Du kamst herab ins Erdental mit deiner Gotterkenntnis Strahl.“

Geschwister im HERRN! Nach diesem Höhenflug wird Herder noch einmal ganz einfach. Der Morgenstern ist ja auch der Abendstern. Dies ist allerdings mehr ein astronomisches Phänomen. Als Morgenstern tritt die Venus auf, wenn sie deutlich vor der Sonne aufgeht. Die Erscheinungszeit der Venus ist abhängig von ihrer jeweiligen Position zur Sonne. Nachdem Venus etwa sechs Monate lang Morgenstern war, bleibt sie etwa drei Monate hinter der Sonne unsichtbar und wird dann für sechs Monate Abendstern. 

Mit diesem Bild des Himmels können wir Gottes Geschichte mit uns Menschen in Erinnerung bringen. Wir erinnern daran, wie sich in Sternstunden des Glaubens Gottes Verheißungen für diese Welt, die alten prophetischen Verheißungen erfüllt haben. So wirken wir durch unser ständiges Erinnern für andere Menschen selbst wie Morgensterne: wie erinnernde Boten in der Dämmerung des Lebens. Weil wir von Menschen wissen, die in Christus das Licht der Welt gesehen haben, deshalb setzen wir unsere Hoffnung auf dieses Licht. Und nicht nur das: Er wird schon jetzt und immer wieder als Morgenstern aufgehen in unseren Herzen, um unser Leben hell zu machen. 

So gewiss der Morgenstern nicht für immer am Himmel verschwindet, sondern auf seiner Bahn um die Sonne wiederkehrt, so gewiss wird der, der als Morgenstern das Leben vieler Menschen hell gemacht hat, wiederkommen, um unser Herz und alle Welt hell zu machen. Herder setzt voraus, dass jeder das weiß. So kann er eine wunderbare Abendstrophe dichten: „Bleib bei uns, Herr, verlass uns nicht ...“ 

Carissimi! Wer heute Weimar besucht, versucht auf den Spuren Goethes und Schillers zu wandeln, besucht vielleicht das Schloss, die großartige Bibliothek der Herzogin, steht vor dem Nationaltheater mit seiner besonderen Geschichte und lässt den Geist dieser geschichtsträchtigen Stadt auf sich wirken. 

Wenn man aber nur ein paar Schritte zur Stadtkirche St. Peter und Paul tut, dann merkt man, dass in dieser Stadt noch ein dritter großer Geist gewirkt hat. Nicht umsonst heißt die Stadtkirche jetzt Herderkirche. Es lohnt sich, hineinzugehen, nicht nur wegen des beeindruckenden Altarbildes aus der Werkstatt von Lukas Cranach, sondern auch wegen der Grabplatte, unter der Herder begraben ist. Er hat sie wohl selber entworfen.

Sie zeigt ein Symbol der Ewigkeit: eine Schlange, die einen Kreis bildet, indem sie sich in die Schwanzspitze beißt. Hinter dem Kopf der Schlange eine strahlende Sonne. In der Mitte die Buchstaben A und O, Anfang und Ende. Und darum im Kreis Herders Wahlspruch: „Licht, Liebe, Leben.“ 

Er starb mit 59 Jahren, verbittert und enttäuscht und von Krankheiten zermürbt. Nichts davon zeigt sich auf seiner Grabplatte - nur eine strahlende Lichtquelle, Licht vom Licht, die sich in die Worte ausstrahlt: „Licht, Liebe, Leben.“ So einfach kann Glaube sein. Mehr braucht es nicht, aber auch nicht weniger.

Im Namen Jesu. AMEN!

Pfr. Torben W. Telder, vdm

-es gilt das gesprochene Wort-