Textgröße:
A- A A+

Textgrundlage: „Jesus rief die Jünger zu sich und sprach: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Großen ihre Macht gegen sie einsetzen. Unter euch soll es nicht so sein, sondern: Wer unter euch groß sein will, sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, sei euer Knecht, so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ Matthäus 20, 25-28

Liebe Gemeinde, lieber Bruder Telder,

ein großer Tag für Sie, lieber Bruder Telder, heute werden Sie zum Pfarrer ordiniert. Was ist ein Pfarrer? Ich stamme aus den Niederlanden, bin Pfarrer für Niederländer in Süddeutschland. Mancher meiner niederländischen Kollegen schreibt hinter seinem Namen V.D.M. Das steht für die lateinischen Worte „Verbi Divini Minister“, d. h. Diener des göttlichen Wortes. Ein Pfarrer ist in meiner Option zuallererst ein Diener.

In dem vorgelesenen Jesu-Wort ist auch die Rede vom Diener-Sein. Die Jünger Jesu wollen hoch hinaus. Wer ist der Größte? Das steckt wohl in uns Menschen drin: der Erste, der Beste, der Größte, der Reichste, der Angesehenste sein zu wollen. Da ist auch was Wahres dran, oder? Ist das nicht auch der Antrieb um im Leben weiter zu kommen? Der Motor hinter allem Fortschritt? Starke Typen braucht das Volk.

Sind Diener dagegen nicht Weicheier? In der Antike dachten die Griechen so. In ihren Augen ist Dienst etwas Minderwertiges und ein Diener ein Verachtenswerter. Ein Philosoph fragt sich: „Wie kann nun ein Mensch überhaupt glücklich sein, der einem anderen dient?“ Dienen ist eines Mannes unwürdig.

Das Wort dienen wurde hauptsächlich gebraucht für: am Tische dienen. Und dann ist die Frage, „Wer ist nun der Größte?“: Derjenige, der am Tische bedient, oder derjenige, der am Tische bedient wird? In der Antike antwortete man: Na klar, der bedient wird! Aber Jesus sagt: Nein, der dient.

Wie blöd, dachten die Griechen damals, wie töricht, die verkehrte Welt! Das meinten sie demzufolge übrigens auch von Jesus größtem Dienst, seiner Hingabe am Kreuz. „Eine Torheit! und davon soll die Menschheit auch noch etwas haben!?“

Aber der Apostel Paulus reagiert dann ganz im Sinne Jesu: „Ja, was für die Heiden eine Torheit ist, das ist für die Christusgläubigen Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1. Kor. 1, 24).

Als ich über dieses Jesu-Wort vom Dienen nachdachte, wurde ich stark erinnert an Dostojewskis Roman: „Der Idiot“, den ich gerade gelesen hatte. Der Idiot, der junge Fürst Mysjkin, für seine Umwelt der Blödian ohnegleichen, aber zugleich auch eine faszinierende Persönlichkeit.

Er verkehrt inmitten von Menschen, die egoistisch sind, selbstsüchtig, alle auf der Suche nach Glück, oft auf Kosten anderer. Aber er sucht nicht sein Glück, er sucht, wie er andere glücklich machen kann. Jeder empfindet ihn als etwas Besonderes, angenehm, weise. Sie fragen ihn um Rat, er hat immer ein offenes Ohr für sie, gibt ihnen guten Rat. Aber den schlagen sie immer in den Wind. Er ist krank und dennoch nehmen sie seine Zeit in Anspruch, seine Bleibe. Er lässt es sich wohlgefallen, er liebt sie halt, wenn sie ihn auch verspotten und sich über ihn ärgern, weil er allen gegenüber so gütig ist.

Er hört, wie gemein sie manchmal reden, wie schlecht sie manchmal handeln, und weist sie daraufhin hin, dass sie das eigentlich nie so beabsichtigen können, dass viel mehr Gutes in ihnen steckt, als sie jetzt zeigen.

Wegen einer Erbschaft wird er reich, und mancher beutet das aus. Er weiß das, lässt sie aber gewähren. Sie suchen alle seine Gesellschaft, finden ihn einen Idioten, so nennen sie ihn auch, so anders als sie selbst sind.

Er lernt die hübsche Natasja Filipowna kennen, eine Frau mit einer schwierigen Kindheit, aber auch mit einem schlechten Ruf.

Fürst Mysjkin empfindet ein endloses Mitleid mit ihr. Mitleid ist die wichtigste Tugend, meint er, er macht ihr - weniger aus ehelicher Liebe, sondern vielmehr um sie vor dem Untergang zu bewahren – einen Heiratsantrag, den sie annimmt. Aber kurz vor der Eheschließung verlässt sie ihn und zieht ein bei einem verwirrten Freund, der sie kurz darauf tatsächlich tötet.

Fürst Mysjkin – was ist sein Geheimnis? Inmitten dieser sündigen Welt voller destruktiver Mächte, Egoismus und Finsternis, lebt ein Mensch, ein freier Mensch, der weiß von Licht und Leben, der weiß von dem Heiland der Welt. Der Heiland, der gekommen ist, nicht um bedient zu werden, sondern um zu dienen. Und der damit sagt: „Wer zu Mir gehören will, der wird auch ein Diener sein.“ Einer, der will, dass andere glücklich werden und Frieden finden.

Liebe Gemeinde, die ganze Gemeinde ist zum Dienst gerufen. Es ist die Reformation, die das Priestertum aller Gläubigen wieder-entdeckt hat. Aber in diesem allgemeinen Priestertum gibt es seit den Reformatoren Bucer und vor allem Calvin die drei besonderen Ämter: Ältester, Diakon und Pfarrer, das eine nicht wichtiger, nicht größer, nicht mehr als das andere. Und auch hier gilt, wer groß sein will, der zeichne sich aus in Dienstbarkeit. Von dem Pfarrer sagt Calvin in seiner Institutio: „Er ist auch nur ein Menschlein, aus dem Staub hervorgekommen, um im Namen Gottes zu sprechen.“ „Nur ein Menschlein!“

Sie, lieber Bruder Telder, treten das Amt des Pfarrers an. V.D.M., Verbi Divini Minister, Diener am Wort. Das ist Ihre Hauptaufgabe. Eine erfreuliche Aufgabe, denn das Wort Gottes ist Leben, ist Kraft, ist auch im dunkelsten Tal Licht. Das Wort rüttelt wach, korrigiert, motiviert, inspiriert. Es ist das Wort Gottes.

Das Wort führt Schuldiggewordene zu Jesus Christus, dessen Kreuzesopfer ausreicht für Vergebung und Versöhnung. Das Wort führt Trauernde zu Ihm, der sagt und zeigt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Das Wort führt Suchende und Fragende und Abgeirrte zu Ihm, der der Sinn allen Seins ist. Diener des göttlichen Wortes.

Diener auch mit dem Wasser der Taufe, die Menschen aufnimmt in die weltweite Lichtgemeinschaft Gottes. Diener mit Brot und Wein, die Bedienung des heiligen Abendmahls als Stärkung für ein Leben im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe.

Diener in der Nachfolge Jesu Christi, indem Sie Zeit und ein offenes Ohr und einen fürbittenden Geist haben für die Ihnen anvertrauten Gemeindeglieder mit deren Anliegen, Nöten und Ängsten. Diener mit den Ihnen mitgegebenen Talenten und mit Ihrem Wissen, nicht als der Besserwisser, nicht als der Überlegene, nicht als der Alleskönner, sondern bescheiden und demütig.

Demut zeichnet den wahren Diener aus. Ich muss nicht der Gemeinde meinen Stempel aufdrücken, wir sind gemeinsam Gemeinde, und sie ist und bleibt Gemeinde Jesu Christi. Ich muss nicht immer recht haben, ich muss nicht immer Ehre und Anerkennung empfangen, ich muss mich nicht immer mit anderen vergleichen, ängstlich ob ich wohl genau soviel habe wie der andere. Ich kann auch der Kleinste sein.

Ich glaube, so ist es gemeint, lieber Bruder Telder: Diener Gottes und Diener der Menschen, das ist die wahre Freiheit, frei für Gott und frei für die Menschen. So wie Jesus es vorlebte, der Diener Gottes ohnegleichen.

Und darum ist es nicht immer einfach, manchmal auch einsam, ja gewiss, auch einsam. Längst nicht jeder versteht diesen Weg. „Blöd“, meinen manche, „ein Idiot, der so was lebt“, ganz gewiss heutzutage in unserer Spaßgesellschaft. Und nicht selten ohne sichtbaren Erfolg.

Der Weg des Dienens war ja für Jesus sogar die via dolorosa, d. h. Schmerzensweg. Der größte Dienst ist ja seine Hingabe am Kreuz.

Und gerade dieser Dienst brachte uns Erlösung, Frieden mit Gott, Geborgenheit, eine tiefe innere Freude, Kreativität, Lebenslust. Gerade das, wonach so viele auf der Suche sind. Leben in Gemeinschaft mit diesem Diener ohnegleichen ist darum das Größte. Das zu erfahren, das wünsche ich Ihnen und mit Ihnen Ihrer Gemeinde.

A M E N.


Ds. Roelof Jan Visser
Protestante Kerk in Nederland
– Es gilt das gesprochene Wort –

Fotos: F. Günther, A. Krause