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Predigttext: Lukas 10, 38-42

Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,
liebe Gäste im Tempel unseres Glaubens,

vielleicht wundern Sie sich, warum ich für das Gemeindegründungsfest im 414. Jahr seit Bestehen und im 51. Jahr seit Wiedererrichtung des Niederländischen Kirchenteils einen Text heraus gesucht habe, der auf den ersten Blick so rein gar nichts mit Gemeinde zu tun hat. Am Ende der Predigt werden Sie aber alle denken, dass dies genau der richtige Text gewesen ist – zumindest hoffe ich das!

Also, um Maria und Martha soll es gehen. Sie sind nach dem Evangelisten Geschwister. Aber manches Mal frage ich mich, ob sie vielleicht nicht zwei Wesen der gleichen Person sind. Ich überlege, ob sie vielleicht nicht zwei wichtige Aspekte der christlichen Nachfolge darstellen, die es gilt zu pflegen und zu bewahren. Und je mehr ich darüber bei der Predigtvorbereitung nachgedacht habe, desto mehr komme ich zu dem Wunsch, dass ich gerne an einer Maria-Martha-Kirche arbeiten möchte – mal schauen, wie weit wir mit unserer Wallonisch-Niederländischen bereits sind.

„Als Jesus mit seinen Jüngern weiterzog, kam er in ein Dorf, wo ihn eine Frau mit Namen Martha in ihr Haus einlud. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem HERRN zu Füßen und hörte ihm zu. Martha hingegen machte sich viel Arbeit, um für das Wohl ihrer Gäste zu sorgen. Schließlich stellte sie sich vor Jesus hin und sagte: »HERR, findest du es richtig, dass meine Schwester mich die ganze Arbeit allein tun lässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!« – »Martha, Martha«, erwiderte der HERR, »du bist wegen so vielem in Sorge und Unruhe, aber notwendig ist nur eines. Maria hat das Bessere gewählt, und das soll ihr nicht genommen werden.« (NGÜ)

Man muss nicht lange suchen, um auf Bildern und Auslegungen zu entdecken, dass es meistens um das gleiche Thema geht: Maria gegen Martha. Immer gegeneinander wie Boxer in einem Ring. In der einen Ecke steht Maria, die Siegerin, in der anderen Ecke steht Martha, die bis zuletzt gekämpft hat.

Leider bleiben solche Darstellungen an der Oberfläche. Nein, es wäre zu einfach, Maria als Heldin und Martha als Opfer darzustellen.
“Martha, Martha, du bist wegen so vielem in Sorge und Unruhe!“ Jesus scheint mit diesen Worten Martha zu ermahnen. Und irgendwie klingt es auch ein klein wenig zynisch. Denn gerade auch „bei Kirchens“ sitzt man doch gerne zusammen und isst. Man pflegt Gemütlichkeit. Und damit so etwas überhaupt möglich ist, braucht es Marthas im Hintergrund.

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Kirchen können nicht überleben ohne Marthas. Wenn wir ein Gemeindefest wie heute planen, rufen wir Marthas an. Wenn wir einen Gemeindeausflug organisieren, brauchen wir Marthas. Auch wenn wir Kandidaten zur Konsistoriumswahl suchen, brauchen wir Marthas. Wenn wir das Krippenspiel vorbereiten, brauchen wir Marthas. Auch wenn es für vieles in unserer Gemeinde und Stiftung Hauptamtliche gibt, ohne ehrenamtliche Marthas geht es einfach nicht.

Und wenn wir nicht ohne Unterlass um Marthas werben und versuchen, immer mehr ins Team zu holen, dann wird und kann das passieren, was uns heute Morgen im Predigttext begegnet: Martha wird wütend und ist frustriert.

Meine Lieben, es macht wütend, wenn eine oder einer immer der Letzte ist, der spült, den Müll entsorgt und die Stühle und Tische aufräumt. Nicht wenige unter uns kennen das frustrierende Gefühl, wenn viele zu einer Veranstaltung gekommen sind, gut unterhalten wurden, gegessen haben und dann gehen, ohne nur einen Gedanken daran verschwendet zu haben, was vielleicht noch zu tun wäre, wo vielleicht noch eine helfende Hand nötig wäre, ohne dass darum gefragt worden sei.

Geschwister im HERRN, schauen wir auf Maria. Jeder, der sich schon immer nach geistlicher Nahrung und Auszeit gesehnt hat, fühlt sich von Jesus Lob über Maria angesprochen und bestätigt. Vielleicht gerade auch deshalb, weil es in unserer hektischen Zeit so schwer ist, sich Zeiten der Ruhe, auch für unsere oftmals aufgescheuchten Seelen, zu gönnen. Da ist so vieles, was unsere Zeit in Anspruch nimmt: der Beruf, Ehe und Partnerschaften, Kinder und Enkel, Haus und Garten.

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Für viele scheint da eine geistliche Betätigung wie eine zusätzliche Belastung. Ich kann es nachvollziehen, wenn man am einzigen freien Tag in der Woche lieber ausschläft, gemütlich frühstückt und in den Tag hineinlebt, als mit dem Gottesdienstbesuch auch am Sonntag wieder einen Termin zu haben. Aber wieso ist es eigentlich so, dass Gottesdienst mit der Freizeit und anderen Aktivitäten konkurrieren muss und nicht als ein Teil der Körper- und Seelenpflege begriffen wird?

So wie Maria heute Morgen: Sie setzt sich zu Jesus, hört zu, wird ruhig, beginnt vielleicht von einem besseren, anderen Leben zu träumen, weil sie irgendwie spürt, dass in diesem Jesus ihr Gott ganz nahe kommt. Und vielleicht merkt sie deshalb nichts von dem Stress um sich herum. Jesus lobt sie dafür. Mancher mag dies nun als sentimental abtun, mancher mag in sich aber genau diese Sehnsucht spüren: Endlich einmal zur Ruhe kommen, allen Stress und Hektik vergessen und nicht mehr spüren. Die Quelle entdecken, die Stärke und Hoffnung, Ruhe und Träume schenkt!

Wenn ich mir den Bibeltext anschaue, wünschte ich mir, Jesus hätte anders auf Marthas Aussage reagiert, nicht diesen Gegensatz zwischen Martha und Maria betont. Doch hören Sie einmal genauer hin. Diesen Gegensatz haben wir in den Text hineingelesen, verführt von listigen Bibelübersetzern, die die Anbetung über die Arbeit stellen wollten. Im griechischen Urtext steht nämlich nicht „das Bessere“, sondern wörtlich übersetzt heißt es „den guten Teil“ erwählt, den genau richtigen in diesem einen Moment.

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Und deshalb hätte ich mir gewünscht, Jesus hätte gesagt: „Martha, du hast Recht. Wie konnte ich nur vergessen, dass du alles alleine machen musst. Aber wir können ja alle in die Küche gehen, können dir helfen und uns dabei unterhalten.“ Hätte er dies gesagt, der ewige Streit zwischen Beten und Arbeiten, Genießen und Engagieren wäre nicht eingetreten. Und doch wäre die Aussage des heutigen Evangeliums bewahrt geblieben: Zum Leben gehört die Arbeit, aber eben auch der Austausch über geistliche Dinge, die Begegnung mit Gott im Alltag.

Meine Lieben, Maria und Martha sind Schwestern und sie ähneln uns allen. Wir alle haben schon solche Momente gehabt, in denen wir entweder benachteiligt wurden und uns beschwerten, oder bevorzugt wurden und geschwiegen haben – Maria sagt schließlich nichts zu dem Ganzen.
Wenn wir diese biblische Geschichte hören, könnte es aber dennoch sein, im Blick auf unser Leben, dass wir uns die Frage stellen: „Wer bin ich? Maria oder Martha? Und wer sollte/möchte ich sein?“

Seien wir offen und ehrlich: Wir müssen beide sein und wir brauchen auch beide in unserem Leben, als Einzelne und als Gemeinde. Es gibt Zeiten, in denen wir wie Maria zur Ruhe kommen dürfen, einen Gottesdienst feiern, den andere vorbereitet haben, und erleben können, dass der Glaube trägt und hilft, das Leben zu bewältigen. Aber es gibt eben auch die Zeiten, in denen es an uns ist, aktiv zu werden. Zu helfen, damit die Dinge gelingen.

Dieses Gemeindegründungsfest ist ein erster Erfolg. Vielleicht haben Sie sich als Frauen gewundert, als vor vier Wochen dieser doch leicht klischeehafte Brief mit der Frauen-Power in ihrem Briefkasten lag mit der Bitte um Hilfe. Während einige skeptisch waren, wusste ich, dass ich mich auf meine Frauen verlassen konnte. Und wow: Sie werden es gleich sehen, wie beschenkt wir mit Ihnen allen sind – einen herzlichen Dank dafür (und eigentlich ist dies schon einen Applaus als Dankeschön wert!)

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Meine Lieben, der heutige Predigttext handelt von Sein und Tun. Es ist der Auftrag Christi an seine Kirche, sich um die Welt zu kümmern, sich um den Nächsten zu sorgen, sich einzusetzen für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung. Aber wenn dies alles wäre, dann könnten wir auch ein einfacher Verein zur Weltverbesserung sein.

Es ist reformierte Einsicht, dass das Wort Gottes Zentrum all unseres Tuns und Lassens sein soll.
Dieses Wort ist so unwiderstehlich, faszinierend und erfüllend, dass es uns aufrichtet, motiviert, stärkt und antreibt. Und dieses Wort wird Fleisch und begegnet uns nun bei der Feier des Heiligen Abendmahls.

Es gibt Kirchen, die sich allein an Maria orientieren. Die einen heiligen Eifer für den rechten Gottesdienst und die wahre Bibelauslegung pflegen. Aber sie kümmern sich nicht um ihre Nachbarn, um die Not der Welt. Vielleicht ist es ihnen ein Gebet wert, aber tatkräftig einsetzen tun sie sich nicht. Um es ehrlich zu sagen: Ich mag solche Kirchen nicht, denn sie sind oftmals in ihrem Frömmeln abstoßend und ausgrenzend – und das alles aus Liebe zu Gott, wie sie gerne betonen.

Aber es gibt auch das andere Extrem: Martha-Kirchen, die voller guter Taten sind, die sich für Politik, Umwelt und Menschenrechte engagieren, die immer auf die Straße gehen, wenn zu einer Friedensdemonstration oder Mahnwache gerufen wird. Aber die nie über Gott und ihren Glauben reden, vielleicht weil sie es vergessen haben und unsicher geworden sind. Die Angst haben, sich innerlich zu sammeln und der Nähe Gottes auszusetzen.

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Heilige Gottes, so soll es nicht bei uns sein! Unser Kirchengebäude, so wie es ist, mahnt uns, eine Maria-Martha Kirche zu sein und zu bleiben. Die Ruine zeigt uns, dass wir immer weiter an der Kirche Christi bauen müssen, niemals fertig werden im Engagement für die Alten und Jungen, die Kranken und Gesunden, die Beheimateten und Heimatlosen. Dieser Kirchenraum lädt uns aber auch ein, zur Ruhe zu kommen und Gott zu begegnen.

Ich danke der Fügung Gottes, die mich an diesen Ort als 69. Pfarrer seit Gemeindegründung 1597 geführt hat. Hier kann ich spüren, dass die vielen Marthas und Marias eine gute Arbeit tun, durch die Wirren der Zeit hindurch bis zum heutigen Tag – in Selbständigkeit ohne Abspaltung und Trennung. Deshalb ist dieser Tempel unseres Glaubens „unser Bethel“ – das Haus Gottes, in dem er uns aufrichtet und stärkt für die Zukunft. Über uns ruht der segnende Blick Gottes.

Was sein wird, wenn ich eines Tages das Amt an meinen Nachfolger weitergebe, weiß ich nicht. Ich hoffe und bete aber, dass unsere Kirche auch dann noch erkannt wird als eine wahre Kirche Jesus Christi, mit rechter Lehre und angemessenem Engagement – nach innen und außen. Wir alle sind diese Kirche und es wäre schade, wenn Sie heute nicht hier wären: Wir würden Sie vermissen! Denn wir brauchen Sie: Als Marthas und Marias! Ihre Hände, die sich zum Gebet falten und zum Helfen öffnen.

Bleiben Sie Gott treu, vergessen Sie ihn nicht und dann können auch Sie spüren, wie es der Psalmist uns im Kontext unseres Kirchenleitverses zusagt: (NGÜ) „Alle, die nach Gottes Willen leben, gleichen einer immergrünen Palme, einer mächtigen Zeder aus dem Libanon. Sie sind verwurzelt im Haus des Herrn, dort, in den Vorhöfen unseres Gottes, grünen sie immerzu. Selbst in hohem Alter sprießen sie noch, sie stehen in vollem Saft und haben immer grüne Blätter. Mit ihrem ganzen Leben verkünden sie: Der Herr hält sich an seine Zusagen.“

Daran glaube ich, davon predige ich und bezeuge dies im Namen Jesu Christi. AMEN!

Torben W. Telder, vdm
Es gilt das gesprochene Wort.