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(Predigttext: Genesis 28, 10-22)

Liebe Gemeindeglieder,
liebe Freunde und Förderer unserer Gemeinde,
liebe Schwestern und Brüder im HERRN,

„ein Traum vom Leben“ – so heißt das Motto unseres heutigen Gottesdienstes. Träume gibt es viele. Deshalb sagt der Volksmund gerne auch „Träume sind Schäume“. Aber welchen Traum würden Sie träumen, wenn Sie wüssten, dass Sie nicht scheitern würden, dass Ihnen alle Türen im Leben offen stünden und dass Sie erreichen könnten, wonach Sie sich schon immer sehnten?

Seit Menschen denken können, können sie auch träumen. Träume und Visionen sind der Fortschrittsmotor der Menschheit. Die Sehnsucht nach Beweglichkeit bringt uns bis in ferne Welten. Träume treiben Menschen an, Altes zu verlassen und das Wagnis der Zukunft einzugehen – manchmal mit Erfolg, manches Mal aber auch mit einem bösen Ende. 

30 Jahre ist es nun her, dass man auf dem Boden des Atlantiks das Wrack der 1912 gesunkenen Titanic gefunden hat. Als Titan der Ozeane sollte es Menschen aus der alten Welt hinüberbringen in die Neue Welt, nach Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Doch dann der Schock: Eine Kollision mit dem Eisberg und über 1.500 Menschen fanden den Tod. Und dann spielte die Band ihr letztes Stück: Hören wir kurz auf diese Melodie. 

Meine Lieben! Vielleicht haben Sie es erkannt: „Näher, mein Gott zu Dir…“ Vielleicht wundern Sie sich, was dies nun mit unserem heutigen Thema zu tun hat? In der zweiten Strophe dieses Chorals spiegelt sich aber die Geschichte von Jakob und der Himmelsleiter wider. Dort heißt es: „Geht auch die schmale Bahn, aufwärts gar steil, führt sie doch himmelan zu meinem Heil. Engel so licht und schön winken aus sel‘gen Höhn: Näher, mein Gott, zu Dir, näher zu Dir!“

Läuft es Ihnen da nicht auch eiskalt den Rücken herunter? Das Unglück der Titanic ist keine singuläre Episode der Geschichte, sondern es wiederholt sich auch in unseren Tagen tagtäglich. Wo?

An den Rändern Europas auf dem Mittelmeer, wo Menschen weniger mit einer Titanic, sondern eher mit Nussschalen versuchen, ihren Traum von einem besseren Leben wahr werden zu lassen. Menschen nehmen unheimlich viele Strapazen auf sich, um sich einen Traum vom Leben verwirklichen zu können. 

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Uns Hanauern ist dieser Gedanke besonders nahe. Er ist eingraviert in den Stadtplan. Denn als die ersten wallonischen und niederländischen Glaubensflüchtlinge hierher nach Hanau kamen, da nannten sie die erste befestigte Straße „Im Paradies“. Bis heute gibt es diese Gasse zwischen Französischer Allee und dem Marktplatz. Am Ziel angelangt, vergaßen sie nicht den, der sie bis dahin geleitet hatte. 

Was erleben Flüchtlinge und Fremde heute, wenn sie nach Hanau kommen? Das Theaterstück hat uns mit einem Ausgenzwinkern vor Augen geführt, wie weit Vorstellungen und Realitäten auseinandergehen können. Schnell wird man von der Realität eingeholt. Schade eigentlich. 

Damals war Jakob auf der Flucht. Er befürchtete, von seinem Bruder Esau umgebracht zu werden und verließ seine Heimat. Er hatte eine Sehnsucht nach Leben in sich, die ihn immer weiter trug, aber dann auch wieder den Zweifel, ob er nicht doch von Gott verlassen war. Und dann erschien ihm Gott mitten in der Nacht in einem Traum. 

Gott stand oben an der Spitze einer Leiter und die himmlischen Botschafter stiegen die Leiter auf und ab. Gott hatte Jakob nicht vergessen, wie er auch uns alle nicht vergisst, auch wenn sich das im Leben manchmal anders anfühlen mag. Jakob kämpfte sich im wahrsten Sinne des Wortes mit diesem Gott ab, wenn er einige Kapitel später mit Gott am Jabbok stritt und den Namen Israel erhielt, denn er hatte mit Gott und den Menschen gekämpft und gewonnen (Gen 28).

Im Zweiten Testament gibt es eine interessante und sicherlich bekannte Geschichte, die zum Traum vom Leben irgendwie passt. Eines Nachmittags sprach Jesus am Ufer des Sees  Genezareth  und  die  Volksmenge  drängte  sich,  um seine  Predigt  zu  hören – so etwas wünscht sich natürlich jeder Pfarrer.  

Jesus bemerkte Petrus und einen der anderen Fischer, die in der Nähe ihre Netze wuschen. Jesus stieg in ein leeres Boot und bat Petrus, das Boot vom Ufer abzustoßen, damit er vom Boot aus zur Menge reden konnte. Petrus war einverstanden. 

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Dann, als er seine Predigt beendet hatte, sagte Jesus zu Petrus: „Jetzt fahre hinaus, wo das Wasser tiefer ist, und fange Fische.“ „Aber  Jesus“ meinte Petrus, „ich habe mich schon die ganze Nacht abgemüht und nichts gefangen.“ Sicher fängt man an, sich zu fragen, ob überhaupt noch Fische übrig sind. Doch Jesus blieb hartnäckig: „Fahre ins Tiefe und wirf deine Netze aus“. Da tat Petrus, was von ihm verlangt wurde. Und plötzlich spürte er nicht mehr nur das Gewicht des Netzes in seiner Hand, sondern es wurde schwerer und schwerer, das Gewicht eines großen Fanges. 

Ja, alles was Jesus ihm eigentlich gesagt hatte, war: „Fange noch mal von vorne an.“ Was macht man also, wenn man sich mit einer Idee, einem Vorhaben, einem Traum abgemüht hat, gescheitert ist und nichts gefangen hat? Was sagt Jesus? Er sieht einen an, mit den leeren  Netzen in der Hand, und er sagt nicht: „Schade, dumm gelaufen!“ sondern er sagt nur: „Fang von vorne an!“ 

Immer wieder wenn Sie denken, Sie sollten aufgeben, es gibt keine Fische mehr, das Leben ist eigentlich gelaufen, werden Sie von Christus hören: „Fang von vorne an.“ Ja, es ist wahr, dass wir manchmal dazu neigen, enttäuscht zu sein und zu glauben, dass es keine Fische mehr zu fangen gibt.  

Und wir fangen auch nichts. Und wir würden uns einen offenen Himmel wünschen, von dem Gott zu uns heruntersteigt. Aber wir zweifeln. Jakobs Traum lehrt uns jedoch: Beschränken Sie nicht die Größe von Gottes Traum bezüglich Ihres Lebens. Begrenzen Sie nicht das Leben Ihres Traums. Wenn Sie meinen, Ihr Traum wäre tot oder würde gerade sterben und es wird nichts daraus, denken Sie daran, Gottes Träume haben kein Verfallsdatum, sondern eine unheimliche Kraft. Ja! Wagen Sie es, den unmöglichen Traum zu träumen. 


Wagen sie es, an den Hoffnungen festzuhalten. Wie sagt so schön der Apostel Paulus zu den  Römern (und damit habe ich nun, denke ich, alle wichtigen Abschnitte der Bibel kurz gestreift: Erster Bund, Evangelien und nun auch die Briefe): 

„Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Röm 5,4)

Meine Lieben! Was sind Sie bereit, in Ihrem Leben zu riskieren und auszuprobieren? Welche Ziele haben Sie? Wovon träumen Sie? Wie sehen Sie sich selbst? Heute Morgen möchte ich Ihnen allen eine Frage mit nach Hause geben: Welchen Traum würde ich wagen, wenn ich sicher wäre, dass der Versuch mir gelingen würde? 

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Denken Sie darüber nach. Beten Sie dafür. Und machen Sie sich bereit, entsprechend zu handeln. Gott hat Sie in diese Welt gesetzt. Er hat einen Traum. Öffnen Sie sich. Und haben Sie keine Angst, wenn es auch einmal steinig wird. Dann sagt Christus: „Fang noch einmal an!“

Carissimi! Ich mag ein zuversichtliches Gebet eines bekannten Predigers, das bei mir daheim über dem Schreibtisch hängt: „Herr, wenn ich vor einem Berg stehe, lass mich nicht aufgeben! Gib mir die Kraft weiter zu kämpfen, bis ich den Berg überwunden habe oder einen Weg durch den Berg oder um ihn herum gefunden habe. Wenn meine besten Versuche fehlschlagen, gib mir die Geduld durchzuhalten und die Weitsicht, die Möglichkeiten zu sehen, die mir helfen, meine Probleme mit deiner Hilfe in eine Goldmine zu verwandeln.“

In der letzten Strophe des Titanic-Liedes heißt es: „Ist mir auch ganz verhüllt mein Weg allhier: Wird nur mein Wunsch erfüllt: näher zu Dir! Schließt dann mein Pilgerlauf, schwing ich mich selig auf: näher, mein Gott, zu Dir, näher zu Dir!“

Und Gott sprach zu Jakob: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe (Gen 28,15).

Daran glaube ich, davon predige ich und bezeuge es im Namen Jesu Christi. 

Pfarrer Torben W. Telder, vdm

– Es gilt das gesprochene Wort –