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Predigten

Text: Lukas 17, 11 – 19 „Die zehn Aussätzigen“

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Familien und Verwandte,
liebe Schwestern und Brüder im HERRN,

ein vielleicht etwas ungewöhnlicher Text für Eure Vorstellung. Oder aber ein Text, der die Realität wiederspiegelt: wie viele von Euch werden nach der Konfirmation ganz eng mit unserer Kirche verbunden bleiben? Ich meine eng und nicht locker, denn sicherlich und hoffentlich werde ich Euch vielleicht bei einer anderen Familienfeier wie Trauung, Taufe oder Beerdigung wiedersehen. Ach ja: und da ist dann ja noch Weihnachten. Alles wichtige Ereignisse und ich freue mich schon heute dann auf ein Wiedersehen. Aber dazwischen liegt noch eine Menge Zeit. Und davon handelt das heutige Evangelium: neun vergessen Jesus und nur einer kehrt um.

Ich möchte dies gar nicht moralisieren. Jeder von uns hat so seine Erfahrungen mit Kirche gemacht. Und jeder hat sich wohl nach seiner Konfirmation erst einmal verabschiedet, be- vor der Punkt in seinem Leben kam, an dem er „umkehrte“ und wieder die Nähe zu Gott, dem Glauben und/oder seiner Kirche suchte. Was zählt, dass Ihr in der Zwischenzeit nicht vergesst, dass Euch hier immer offene Arme und Ohren erwarten.

Nun hat uns die Coronazeit leider nicht die Möglichkeit gegeben, uns näher aneinander zu binden. Ich vertraue auf Gottes guten Geist, dass Ihr dennoch eine Verbindung in Euch spürt. Dass ein kleiner Samen in Euch gelegt wurde, der leise und unauffällig wachsen möge. Ihr wart mit anderen Dingen beschäftigt: Homeschooling, Distanz und Einschrän- kungen im Alltag bestimmen die letzten ein- einhalb Jahre. Ich habe Euch gebeten, von Euren Ängsten und Sorgen zu berichten und Ihr habt aussagekräftige Texte geliefert, die uns einen Einblick in Euer Inneres erlauben. (Anonymisiert folgen nun die Aussagen:)

Konfirmandin 1 schreibt:

Wie habe ich die Coronazeit empfunden?
Es war eine sehr aufregende und nervenzerreißende Zeit mit vielen Emotionen. Teilweise habe ich nicht mehr gewusst, was ich denken soll. Es ist eine Zeit, die uns belehrt hat, dass nichts von Dauer ist und dass jeder Moment einzigartig ist, denn wir werden ihn nie wieder erleben sobald er vorbei ist. Dankbarkeit für die gelebten und genossenen Momente. Ich glaube wir sind alle dankbarer geworden, jedenfalls bin ich es.

Was habe ich vermisst? Was habe ich genossen?
Vermisst habe ich die Spontanität, die Freiheit, nach Lust und Laune zu entscheiden. Die Coronamaßnahmen, besonders die Maskenpflicht, empfinde ich als sehr einschränkend. Ich vermisse es, in der Schule zu singen und laut zu lachen, in der Pause spazieren zu gehen und sich dabei frei zu unterhalten. Ich vermisse es loszulassen.

Ich genoss allerdings den Kontakt zu neuen wundervollen Menschen, die ich kennenlernen durfte. Besonders die Gespräche bis in die Nacht hinein werde ich so schnell nicht vergessen. Ich genoss aber auch die Zeit mit meinen Lieben, die mir geschenkt wurde. Die Zeit, für die man sonst keine „Zeit“ gehabt hätte. Alte/neue Lieblingsbeschäftigungen habe ich wieder für mich entdeckt. Die Pandemie ist ein Ausnahmezustand und nicht so leicht zu akzeptieren, keine Frage, jedoch hat sie – da bin ich mir sicher, dass ich nicht nur von mir spreche – den Menschen gezeigt und bewiesen, wie unwichtig es sein kann, ob man „cool“ genug aussieht, sondern wie wichtig es ist, einen Zusammenhalt in der Familie und im Bekanntenkreis zu haben, geliebte Personen, die gegenseitig auf sich selbst und auf die anderen aufpassen und sie respektieren.

Konfirmandin 2 schreibt:

Teilweise war es während dieser Zeit sehr schwierig, da man auf sehr viel verzichten musste und es nicht erträglich war, so viele Leute in kürzester Zeit sterben zu sehen, vor allem, weil man durch die Medien, alles ver- stärkt mitbekommen hat.

Vermisst habe ich die Treffen mit meinen Verwandten und meinen Freunden und eine Zeitlang auch den Unterricht in der Schule, da es über den Computer sehr anstrengend war zu lernen, anstrengender als in der Schule. Genossen habe ich die Zeit mit meinen Eltern, mit meinem Bruder und meinem Hund, da man gemeinsam mehr unternehmen konnte und dadurch die Familie noch mehr zusammengewachsen ist.

Ich hatte Angst, dass jemand aus meiner Familie und meinem Freundeskreis erkrankt und die Wirtschaft noch weiter runterfährt, sich nicht mehr erholt und noch weitere Leute ihre Jobs verlieren. Mir haben die positiven Seiten von Corona Hoffnungen geschenkt, wie zum Beispiel, dass die Natur sich in kurzer Zeit erholt hat und die Tiere in ihren vorherigen Lebensraum zurückkehren konnten, ein Beispiel die Rückkehr der Delphine in den Kanälen von Venedig.

 

Konfirmandin 3 schreibt:

Anfangs war es für jeden eine harte Zeit, da man nicht wusste, wie es weitergeht. Dann haben plötzlich die Schulen geschlossen und somit wurde auch der soziale Kontakt stark eingeschränkt. Aber mit der Zeit, nach fast 2 Jahren, hat sich Corona in unser Leben ein- gespielt und man weiß, wie man damit umzugehen hat.

Vermisst habe ich die sozialen Kontakte, sich mit Freunden zu treffen und ohne Hinterge- danken Sachen zu erledigen. Ich habe aber auch genossen, dass man mehr Zeit für die Familie hatte und mehr Zeit für die Schule und Freizeit blieb.

Ich hatte Angst davor, nicht zu wissen, wie es weitergehen soll, aber auch Hoffnung, dass es nach dieser Zeit alles wieder so wird wie vorher.

wng hanau 2111 28

Konfirmandin 4 schreibt:

Wie habe ich die Coronazeit empfunden?
Die Zeit zuhause, oft alleine, war sehr schwer, weil ich mich mit niemandem verabreden konnte und ich nicht trainieren konnte. Freunde aus der Schule konnte ich auch nur über den Online-Unterricht sehen.

Was habe ich vermisst? Was habe ich genossen?
Keine Freunde treffen und nicht trainieren können habe ich am meisten vermisst und war auch sehr froh, als ich dann wieder andere treffen konnte. Für mich persönlich war eine der guten Sachen, dass man nicht so viel Schulstress durch Tests und Arbeiten hatte.

Was hat mir Angst gemacht? Was Hoffnung?

Angst hatte ich davor, dass die Pandemie so schlimm bleiben würde, man gar nicht mehr raus dürfte oder es noch länger so im Lockdown weiter gehen würde. Hoffnung hatte ich durch gute Nachrichten, wie zum Beispiel, dass wieder Läden öffnen durften oder man wieder Menschen bzw. Freunde sehen konnte.

 

Meine Lieben, traurige und bewegende Worte von jungen Menschen, die ihr Leben gerade entdecken und die so vieles erwarten und erreichen wollen. Der Aussatz aus dem Evangelium entpuppt sich in diesem Kontext nicht nur als Corona, sondern auch als Lockdown. Nie waren mehr Jugendliche depressiver und selbstmordgefährdeter als in dieser Zeit.

Dass Ihr aber nicht ganz den Mut und Glauben verloren habt, davon habt Ihr auch geschrieben (wiederum anonymisiert):

 

Konfirmandin 5 schreibt:

Was werde ich anders machen, wenn Corona überstanden ist?
Wie viel ich anders machen werde und warum ich es anders machen möchte, weiß ich noch nicht genau. Ich denke, ich möchte versuchen offener zu sein, auf Menschen zuzugehen und mutig an neue, unbekannte Dinge ranzugehen.

Was hat das mit meinem Glauben zu tun?
Vor der Pandemie hätte ich nicht gedacht, dass es so etwas gibt und das so etwas so schlimm sein könnte und sich so in die Länge ziehen kann. So lange im Lockdown zu sein war neu und ungewohnt. Währenddessen habe ich aber nicht wirklich viel geglaubt. Ich hatte Hoffnung wieder Sport machen zu dürfen und wieder richtig in die Schule zu gehen aber ich habe nicht geglaubt und ich glaube auch immer noch nicht, dass es mal wieder so wie vor der Pandemie wird. Ich glaube es kann besser werden. Ich hoffe dass es besser wird. Diese Pandemie hat so viel bewirkt!

Konfirmand 6 schreibt:

Was werde ich anders machen, wenn Corona überstanden ist?
Wir werden endlich nach Berlin fahren. Ich freue mich, dass es eine Klassenfahrt geben wird. Ich werde mich mit Freunden treffen und ins Kino gehen.
Mir hat die Coronazeit gezeigt, dass soziale Kontakte wichtig sind und wir zusammenhalten müssen – nicht gegeneinander agieren. Ich denke, dass ist das, was Jesus sich für uns Menschen wünscht.

Konfirmand 7 schreibt:

Wenn Corona irgendwann mal überstanden ist, würde ich versuchen deutlich mehr zu unternehmen, um auch auf diese Art mein Leben zu genießen.
Ich hoffe darauf, dass Corona irgendwann kein Problem mehr darstellt und wir lernen mit der Situation umzugehen. Mein Glaube und mein Vertrauen in Gott halfen mir bisher durch die schwere Coronazeit und werden mich auch weiterhin dabei unterstützen optimistisch in die Zukunft zu blicken. So verbinde ich die Hoffnung des Endes von Corona mit meinem Glauben.

Konfirmandin 8 schreibt:

Was werde ich anders machen, wenn Corona überstanden ist?
Ich denke, wenn Corona überstanden ist, werde ich viele Dinge anders machen. Zum Beispiel werde ich mehr Zeit mit meiner Familie und Freunden verbringen und dankbarer dafür sein, dass es ihnen im Allgemeinen gutgeht und sie gesund sind. Corona hat mir gezeigt, dass so etwas nicht selbstverständlich ist.

Was hat das mit meinem Glauben zu tun?
Ich denke, diese Zeit hat viel mit dem Glauben zu tun. Sie kann zum Beispiel die Hoffnung sein, die wir dadurch bekommen. Sie hilft uns unsere Ängste zu überwinden und positiv in die Zukunft zu schauen. Oder aber auch die Gemeinschaft und Nächstenliebe, die ich erfahren habe. Ich weiß dadurch, dass ich nicht allein bin.

wng hanau 2111 27 


Geschwister im Herrn, etwas ist also doch in Euch gewachsen: Familiensinn, Hoffnung und auch ein klein wenig Glauben. Das schenkt mir Hoffnung: Hoffnung, dass Ihr nicht ein verlorener Jahrgang seid, sondern ein besonderer Jahrgang. Hoffnung, dass Ihr den Glauben als eine Kraft spüren könnt, die Euch stärkt, wenn Ihr am Ende mit Euren Kräften seid.

Vielleicht ist das heutige Evangelium ein Hinweis darauf, dass von 10 Unterwiesenen zumindest einer oder eine Pfarrer oder Pfarrerin werden könnte. Wer weiß? Ich bin gespannt und versuche ja jedes Jahr, einen potentiellen Nachfolger unter den Konfirmierten für das Theologiestudium zu begeistern. Das allein liegt in Gottes Hand, wie so vieles, was wir nicht beeinflussen können. Geht Euren Lebensweg, probiert Euch aus, sammelt Erfahrungen – Erfolge wie auch Rückschläge. Und seid dabei gewiß: Wo auch immer Euch Euer Lebensweg hinführen wird, Gott wartet schon auf Euch. Wie auch jetzt Christus uns an seinem Tisch willkommen heißen möchte, wenn wir nun miteinander das Heilige Abendmahl feiern wollen. Im Namen Jesu Christi, AMEN!

Pfarrer Torben W. Telder
- es gilt das gesprochene Wort! -

 

 

 

 

von Prälat Bernd Böttner - Text: Markus 6, 35 - 44

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Zwei Fische und fünf Brote, geteilt durch 5000: Selbst wenn die Fische groß waren und das Brot auch – da hat nicht jeder etwas abbekommen. Schon früh ist man deshalb darauf gekommen, dass die 5000 wohl selbst Proviant in der Tasche gehabt haben müssen. Viele von ihnen haben vielleicht sogar gelacht, als sie gesehen haben, wie die Jünger mit ihrer schmalen Kost durch die Reihen gegangen sind und hier und da ein bisschen verteilt haben.

Andere waren gerührt von dieser hilflosen Geste. Und dann haben sie ausgepackt, was sie dabeihatten: Fladenbrot, getrockneten Fisch, Oliven, Datteln, Feigen und so weiter. Sie haben davon in der Runde weitergegeben. Am Ende war niemand mehr hungrig.

Das Wunder war also gar nicht so spektakulär, wie viele immer denken?

So einfach ist es dann aber wieder doch nicht, Menschen zum Teilen zu bewegen. Denn wenn es so einfach wäre, sähe es anders aus in unserer Welt. Dann wären die Güter der Erde anders verteilt. Dann würden nicht wenige Reiche viel und viele Arme wenig besitzen. Dann würde jeder genug zum Leben haben. Also ist es doch ein gar nicht so kleines Wunder, dass die vielen ihre Brotbeutel öffnen und das Mitgebrachte schwesterlich und brüderlich teilen, so dass alle etwas bekommen und sogar satt werden.

So betrachtet beginnt das Wunder in Wahrheit sogar schon viel früher: Ein Wunder ist nämlich auch, dass überhaupt so viele Männer, Frauen und Kinder gekommen sind, um das Evangelium zu hören. 5000 sind gekommen, um Jesus zu hören und zu erleben. 5000, die hoffen, Nahrung für den Hunger ihrer Seele zu bekommen. 5000, in denen die Begeisterung für eine neue Zeit brennt. Das ist alles andere als normal. Das allein ist für mich schon ein Wunder.

Das ist ja unter Corona-Bedingungen völlig unvorstellbar, aber stellen wir uns das einmal konkret vor: 5000 Menschen kommen zusammen zu einem Gottesdienst, der sich über mehrere Stunden, ja sogar einen ganzen Tag lang hinzieht: Die Menschen sind begeistert. Sie vergessen nicht nur Essen und Trinken, sondern auch das Nachhause Gehen. Es gibt nur wenige Situationen im Leben, in denen wir uns so verhalten. Am ehesten, wenn wir richtig verliebt oder von einer Sache total begeistert sind.

In diesem Zusammenhang ist es mir wichtig, darauf zu schauen, wer eigentlich was tut und wem in der Geschichte welche Aufgabe zugewiesen wird.

Die Jünger möchten, dass Jesus die Menschen wegschickt. Sie sollen in den Dörfern ringsum ihr Glück versuchen und sich etwas zum Essen besorgen.

Die Jünger aber bekommen von Jesus den Auftrag, sich um die Menschen zu kümmern: Gebt ihr ihnen zu essen!

Die 5000 sind keiner Einladung zu einem Vortrag mit anschließendem Sekt und Häppchen gefolgt. Sie kamen ungebeten, wenn auch nicht ungelegen. Die Jünger ergötzen sich nicht an der Menge, sondern beginnen, sich Sorgen zu machen. Wie kommen die Leute nach Hause? Wie bekommen sie etwas zu essen? Die Jünger handeln aus Verantwortung, darum fordern sie Jesus auf: Lass das Volk gehen! Schick sie weg, damit sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Nahrung finden. Hier gibt es nichts und wir haben nichts!

Jesus aber entlässt weder die Menschen, noch entlässt er die Jünger aus ihrer Verantwortung. Sie sollen sich zuständig wissen. So könnte er gesagt haben: 

Nehmt Euch ein Beispiel an den 5000! 

Sie sind nicht zuhause geblieben. Sie sind gekommen. Sie erwarten, dass einer sich für ihr Schicksal interessiert. Sie suchen, was ihr Leben ausfüllt. Sie wollen Orientierung, ja, sie suchen das Heil. Da könnt Ihr sie doch nicht wegschicken, nur weil das Problem zu lösen ist, wie denn die Menschen satt werden.

So gibt Jesus den Jüngern einen Auftrag: Geht hin und schaut nach – oder kürzer: Schaut hin!

Schaut hin! Schaut genau hin! Welche Ressourcen habt Ihr?

Jesus lässt sich nicht die Verantwortung zuschieben. Er setzt auf die Gemeinschaft, auf die Gemeinschaft der Jünger und die Gemeinschaft der 5000. 

Die Aufforderung „schaut hin!“ führt die Jünger dazu, ihre eigenen Möglichkeiten und die der 5000 zu entdecken und die Gemeinschaft eines großen Mahles. 

In überschaubaren Tischgemeinschaften sollen sie sich auf dem Gras lagern. 

So entstehen aus einer großen, kaum zu überschauenden Menge überschaubare Gemeinschaften, in denen untereinander Beziehungen aufgenommen werden können. Da kann ich mir Gesichter merken. Da kann ich ins Gespräch kommen. Da kann ich zuhören und erfahren: Welche Not und welche Möglichkeiten haben denn jede und jeder Einzelne? Da werden aus einer nicht greifbaren Zahl von Hungernden Menschen, deren Not ich konkret wahrnehmen kann, deren Not mich wirklich anrührt. So kann die Bereitschaft wachsen, mich auf die andere und den anderen einzulassen und mit ihr und ihm zu teilen, was ich habe.

Die Jünger erscheinen hier schon in der Aufgabe, die ihnen bald zufallen wird, nämlich Gemeinschaften und Gemeinden zu leiten. Zu dieser Aufgabe gehört es, genau hinzuschauen, in welcher Situation Menschen sind, was sie zum Leben benötigen – und dann erst zu predigen, zu beten, zu segnen, zu heilen, zu taufen, Abendmahl zu feiern – dafür zu sorgen, dass Menschen das zum Leben bekommen, was sie zu einem guten Leben benötigen, so dass die einen von ihrem Überfluss abgeben und die anderen davon erhalten.

Das „schaut hin!“ richtet sich bis heute an uns als bleibende Aufforderung, genau hinzusehen, Visionen zu trauen, eigene Handlungsmöglichkeiten zu entdecken. Das „schaut hin!“ fordert uns auf, in der Wahrnehmung der oft unlösbar erscheinenden Probleme nicht hängen zu bleiben, sondern die Augen zu öffnen, für das was wir selbst tun können, für andere und in der Gemeinschaft mit ihnen.

Nach den ökumenischen Kirchentagen 2003 in Berlin und 2010 in München sollte der 

3. Ökumenische Kirchentag im Mai dieses Jahres in Frankfurt über Himmelfahrt mehr als 100.000 Menschen zusammenführen, um gemeinsam zu singen, zu feiern, zu beten, zu diskutieren, um gemeinsam hinzuschauen auf das Leben in Frankfurt, einer ökumenischen, multi-religiösen, und multi-kulturellen Stadt, einer Stadt mit Reichtum und Armut, einer Stadt, die Dreh- und Angelpunkt ist für so viele Menschen, die weltweit unterwegs sind. 

Ich habe mich riesig gefreut auf dieses große Zusammentreffen von jungen und alten Menschen, von Menschen aus den evangelischen Kirchen und der katholischen Kirche, von Menschen aus den vielen in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen zusammengeschlossenen Kirchen und Gemeinden sowie aus den vielen gerade in Frankfurt ansässigen Migrationsgemeinden. Ich habe mich gefreut auf den Dialog mit Juden, Muslimen und Menschen vieler anderer Religionen. „Schaut hin!“, wer und was Euch da begegnet in dieser Stadt! Das war unsere Bitte, das war unsere Hoffnung.

wng hanau 2103 14

Seit mehreren Jahren bereiten viele Menschen diesen Kirchentag vor. Ich selbst vertrete im Gemeinsamen Präsidium des Ökumenischen Kirchentages meine Landeskirche und könnte ein Lied davon singen, wie viele Menschen seit Jahren ihre ganze Energie und ihr Knowhow eingebracht haben und einbringen.

Es ist ein Jammer, der zum Himmel schreit, dass wir diesen Kirchentag nicht mit vielen Menschen in Frankfurt feiern können. So wie es ein Jammer ist, wie viele Menschen an Covid19 erkranken und versterben, wie viele  seit Wochen und Monaten auf den Krankenstationen, in den Seniorenheimen, in den Pflegediensten Schwerstarbeit leisten, unter welchen Bedingungen Kinder unterrichtet und in Kitas betreut werden, wie viele unter den wirtschaftlichen Folgen zu leiden haben, unter dem Beschäftigungsverbot, unter den Kontaktbeschränkungen und unter der Einsamkeit. Es geht nicht darum zu unterscheiden, welches Leid kleiner oder größer ist, das wird ohnehin sehr individuell erlebt und ausgehalten.

Und es ist sicher auch wichtig und gut zu erwähnen, wie viele zur Hilfe bereit sind, andere unterstützen, was da an Kreativität in den letzten Monaten gewachsen ist, welche neuen Möglichkeiten entdeckt wurden und genutzt werden, Gemeinschaft zu ermöglichen. Was an Kreativität und Wissen zusammengekommen ist, um einen Impfstoff zu entwickeln und was das für ein Geschenk ist, dass er schon vorhanden und einsetzbar ist.

Für das alles bin ich unendlich dankbar. Aber das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, auf was wir alles verzichten müssen – und wir sollten uns die Trauer und die Klage darüber nicht verbieten. „Schaut hin!“ Schaut auf das Leid. 

„Es ist nicht vorbei. Ein Jahr nach dem Terroranschlag von Hanau erzählen Überlebende und Angehörige der Opfer ihre Geschichte.“ So titelte das Zeit-Magazin in der vorletzten Woche.

Die Bilder, die ich gesehen habe, und die Geschichten, die ich gelesen habe, dauern mich, um es mit einem alten Wort zu sagen, das auch Luther verwendet hat , um zum Ausdruck zu bringen, welche Reaktion das Leid der Menschen in Jesus hervorgerufen hat. Menschen trauern und leiden. Sie benötigen unser Mitgefühl, unser Mitleiden, auch wenn wir damit nicht ungeschehen machen können, was geschehen ist. Sie benötigen umso mehr unsere Solidarität, unsere Gebete.

„Schaut hin!“ heißt aber auch, ganz genau auf die Ursachen von Hass und Gewalt zu schauen, nicht wegzuschauen, wenn die Würde des Menschen in Frage gestellt wird, sich nicht wegzuducken, wenn es darum geht, das Lebensrecht aller in Freiheit und Gerechtigkeit durchzusetzen.

Auch darum ist so wichtig, dass der 3. Ökumenische Kirchentag stattfindet, ganz anders als geplant, digital und dezentral, von Frankfurt ausgehend – so wie das im Mai möglich sein wird – und mit einem deutlichen ökumenischen Signal.

Er beginnt am Himmelfahrtstag mit einem ökumenischen Gottesdienst unter freiem Himmel, vom Fernsehen übertragen. Am Samstag werden den ganzen Tag über digitale Foren geöffnet sein. Abends werden konfessionelle Gottesdienste gefeiert – mit Abendmahl oder Eucharistie – in denen die anderen jeweils ökumenisch sensibel mitfeiern. 

Ein ökumenisches Signal soll von diesen Gottesdiensten ausgehen, das Gemeinsame Präsidium hat es so beschrieben:

„Als Christinnen und Christen erfahren wir die Gegenwart Jesu Christi an allen Orten, an denen sich Menschen in seinem Namen versammeln. Wir glauben gemeinsam, dass Jesus Christus selbst uns im verkündigten Wort des Evangeliums anspricht. Wir vertrauen darauf, dass Jesus Christus – wie er uns zugesagt hat – in der Feier des Abendmahls und in der Feier der Eucharistie wahrhaft und wirksam gegenwärtig ist. Wir verkündigen seinen Tod für uns; wir glauben, dass er auferstanden ist und lebt; wir hoffen, dass er wiederkommt zum Heil der Welt. Gemeinsam feiern wir dieses Geheimnis unseres Glaubens und lassen uns von ihm zu seinem Gedächtnis sagen: „Schaut hin und erkennt mich beim Brechen des einen Brotes und in der Gabe des einen Bechers für euch alle. Dann geht in meinem Geist verwandelt und gestärkt in die Welt.“

Soweit das Gemeinsame Zeugnis, das vom Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt ausgehen soll.

Ein Stück Brot und ein Schluck Wein verdeutlichen wie die fünf Brote und die zwei Fische:

Wo Menschen sich nicht mit den Gegebenheiten abfinden, sondern im Vertrauen auf Gott ihr Leben leben und mit anderen teilen, da geschehen Wunder. Da geschieht das Wunder, das alle anderen Wunder hervorbringen kann: Gott selbst bringt Menschen an einen Tisch und lässt sie einander als Schwestern und Brüder erleben.

Ein kleines Stück Brot, ein Schluck aus dem Kelch, das ist nicht viel, das ist nicht zu vergleichen mit einem 4-Gänge-Menue. Ein kleines Stück Brot und ein Schluck aus dem Kelch können aber einen großen Hunger stillen, den Hunger danach, geliebt, geachtet, wertgeschätzt, gestärkt und getröstet zu werden.

Und auch das ist ein Leiden in dieser Pandemie, dass bei aller Ermutigung, die für mich von digitalen Abendmahlsfeiern ausgehen, ich mich danach sehne, irgendwann wieder Brot und Kelch in großer Gemeinschaft zu mir nehmen zu können. Amen

- es gilt das gesprochene Wort! -

Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,
vor allem liebe Konfirmanden,

„Näher mein Gott zu dir…“, so haben wir es eben vor der Predigt gehört. Den Erzählungen nach wurde dieses Lied gespielt, als die Titanic 1912 sank. Viele von uns sind mit dieser Geschichte vertraut: Ein bis dahin unsinkbarer Ozeandampfer wurde Opfer einer Kollision mit einem Eisberg. 2/3 aller Menschen starben. Menschen, die der Technik vertraut hatten, die dabei sein wollten, als es schneller und luxuriöser über den Atlantik gehen sollte als je zuvor. Vor allem die Passagiere der zweiten und dritten Klasse kamen ums Leben, unterprivilegierte Männer und Frauen, die ihr Glück in Amerika finden wollten. Sie hatten lange sparen müssen, alles verkauft und hinter sich gelassen. Und dann ging die Fahrt los, mit Hoffnungen und Träumen, dass es in der Neuen Welt besser für sie werden würde. Diese Wünsche zerschellten an einem Eisberg. Und aus einem unsinkbaren Schiff wurde ein Grab für Tausende.

Mancher hat vielleicht doch Bilder des Kinofilms vor Augen, als der junge Leonardo di Caprio die Arme vorne am Bug des Schiffes ausbreitet und über das unendliche Meer ausruft „Ich bin der König der Welt!“. Nun ja: auch Ihr, liebe Konfirmanden, habt manchmal das Gefühl, König und Königin Eurer Welt zu sein und müsst dann ernüchternd feststellen, dass, solange Ihr noch Eure Füße unter den Tisch der Eltern stellt, Eure Königreiche Grenzen haben. 

So sehr die Geschichte der Titanic eine traurige ist, so sehr passt sie aber dennoch zum heutigen Tag Eurer Konfirmation. Wir versprechen Euch nämlich nicht, dass das Leben, in das Ihr aufbrecht, frei vor allen Gefahren sein wird. Ihr verlasst immer mehr den sicheren Hafen Eurer Kindheit und Jugend – das ist Europa  – und entdeckt zunehmend immer mehr Euren eigenen Horizont, Eure eigenen Grenzen, Eure eigene Zukunft – das ist Amerika im übertragenen Sinne. 

Der Weg dahin geht manchmal schnell, aber manchmal hält er eben auch Klippen und Stolperfallen bereit, wie es der Eisberg für die Titanic war. Wir wünschen Euch aber allen, dass Ihr daran nicht scheitert, sondern hoffentlich entdeckt, welche Fähigkeiten in Euch stecken. Gerade in diesem Jahr, in dem Corona uns durch so vieles einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, gelten diese Worte besonders: Mit viel Kreativität feiert Ihr heute mit Euren Familien und Freunden Euren Festtag, versuchen wir wohl alle irgendwie mit den Einschränkungen umzugehen. 

An einer Stelle in dem Choral „Näher meine Gott zu dir …“ heißt es:

„Ist mir auch ganz verhüllt dein Weg allhier,

wird nur mein Wunsch erfüllt: Näher zu dir!

Schließt dann mein Pilgerlauf, schwing ich mich freudig auf:

Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!“

Die Bibel lehrt uns, dass unsere Wege in der Geschichte Gottes vorgezeichnet sind. Er ist der Ursprung, aber auch das Ziel. Wir würden es uns schön reden, wenn wir nicht zugeben würden, dass Euer Weg mit Sicherheit nun erst einmal etwas weiter weg von der Kirche führen wird. Das war schon immer so und hat auch sein Gutes. Denn erst in der Fremde kann man entdecken, wo Heimat ist, wo  sich der Ort befindet, an den man immer wieder zurückkehren kann. Im Konfirmandenunterricht haben wir versucht, Euch auf Euren Lebensweg vorzubereiten. Wir haben über die Inhalte des Glaubens diskutiert und sind damit noch lange nicht am Ende. Aber Glaube ist nichts für ein steriles Labor, sondern muss sich in den Stürmen und Flauten des Lebens bewähren. Auf einmal wird es bei Euch aufleuchten, was Ihr jetzt vielleicht noch nicht für wichtig erachtet. Und wenn Ihr die nächsten Stationen des Lebens erreicht, die Berufs- und Partnerwahl, Elternschaft und Abschied von den Eltern bedeuten können, dann kann vielleicht auch wieder eine stärkere Sehnsucht für die Nähe Gottes entstehen. Zumindest wünsche ich mir das. 

Meine Lieben, Ihr habt Euch alle eigene Konfirmationssprüche aus der Bibel ausgesucht. Worte, die seit Generationen Menschen als Orientierungspunkte in ihrem Leben verstanden haben. Ein Satz der Erklärung sei an dieser Stelle angebracht.

Jana Kristin, Dein Vers steht im 2. Timotheus 1, 7: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Nicht nur Corona kann einem Angst machen, sondern vieles mehr raubt dem Menschen den Schlaf. Sich dann aber daran erinnern, welche Kraft in einem selbst steckt und wie weit man mit Liebe und Besonnenheit kommen kann, ist eine gute Lebenseinstellung.

Hauke, Deinen Konfirmationsvers finden wir in Psalm 18, 30: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Nicht aufzugeben, wenn alle Türen verschlossen scheinen, wünsche ich Euch allen. Nicht die Flinte ins Korn werfen, wenn es aussichtslos erscheint, dies hat die Menschheit vom Baumhaus auf den Mond gebracht. 

Leander, Du hast Dir ein Wort aus Matthäus 7, 7 ausgesucht: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Nicht alles wird Euch im Leben geschenkt werden. Ihr müsst bitten, suchen und (anklopfen). Aber die Verheißung ist, dass solche Bemühungen nicht erfolglos sein werden. Strengt Euch also an, und Eure Bemühungen werden erfolgreich sein, vielleicht erst auf den zweiten oder dritten Blick.

Jara, in Josua 1, 9 steht Dein Spruch: „Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und habe keine Angst! Denn ich, der HERR, dein Gott, stehe dir bei wohin du auch gehst.“ Gott bleibt mit Euch unterwegs, wie er es schon seit der Taufe ist. Deshalb könnt ihr selbstbewusst und aufrecht hinaus in die Welt gehen. 

Marie, auch für Dich gibt es ein Wort aus den Psalmen, nämlich Psalm 139, 5: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Es ist beruhigend zu wissen, dass man nicht alleine ist. Es tut gut zu glauben, dass neben Familie und Freunden auch Gott für Euch einsteht und in mancher Situation schützend eingreift. 

Im Ersten Bund finden wir in 1. Samuel 16, 7 den Konfirmationsvers für Laura: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.“ Wie schnell lassen wir uns täuschen von Äußerlichkeiten, legen selbst vielleicht viel Wert auf ein gutes äußerliches Erscheinen. Doch wir Menschen sind mehr als unsere Hülle. Wir haben Fähigkeiten und Eigenschaften, die uns liebenswert und interessant werden lassen, wenn wir nur ab und zu hinter das Offensichtliche schauen.

Cosima, Dein Bibelwort finden wir im Brief des Paulus an die Römer 12, 21: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Unsere Welt würde so viel friedvoller ausschauen, wenn dieses Wort zur Grundmaxime unseres Handelns in jedem Bereich werden würde. Böses hat noch nie mit Bösem überwunden werden können, sondern die Spirale von Hass und Feindschaft immer nur weiter gedreht. Sich aber auch einmal zurückzunehmen und dem Finsteren etwas Lichtes entgegenzusetzen, den Mut und die Kraft dazu wünsche ich Euch.

wng hanau 2020 12 16

Und schließlich ein Wort für Eric aus dem Propheten Jesaja 54, 10: „Denn es sollen Berge weichen und Hügel fallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“ Ja, der Eisberg wich nicht vor der Route der Titanic. Aber statistisch kommen viel mehr Schiffe ans Ziel, als dass sie an einem Eisberg scheitern. Die Bibel verschweigt nicht, dass es Widerstände in Eurem, in unserem Leben gibt. Aber sie sollen uns nicht demotivieren, sondern vielmehr das Vertrauen stärken, dass Gott auch dann noch eine Zukunft sieht, wenn wir meinen, am Ende zu sein. 

Liebe Konfirmanden, zwei Zitate von Mark Twain möchte ich Euch nach all diesen Bibelversen noch mit auf dem Weg geben. Mark Twain ist vor allem als Autor der Bücher über die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn bekannt. Beides Jungs, die viele Flausen im Kopf hatten und mit Abenteuer die Welt auf ihre Art entdeckten. Also passt dies schon einmal zu einer Konfirmation.

Die beiden Zitate nun sind aber etwas ernsterer Natur. Das erste lautet: „Die beiden wichtigsten Tage deines Lebens sind der Tag, an dem du geboren wurdest, und der Tag, an dem du herausfindest, warum und wozu.“ Wer unter uns hat denn schon diesen zweiten Tag in seinem Leben herausgefunden? Dieser Tag ist unheimlich wichtig, wie ich finde. Denn dieser Tag offenbart uns, warum wir leben, welche Funktion wir in dieser Welt haben – für uns selbst, für andere, für das Miteinander in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Umwelt. Und dafür muss man nicht unbedingt an die sperrige Lehre der Prädestination, also der Vorherbestimmung, glauben. Und doch bin ich mir sicher, dass wir alle einmalige Talente haben, welche aus sich heraus zu bestimmten Fähigkeiten führen. Und wenn wir dann wissen, warum und wozu dies alles, dann können wir uns auch konzentrieren auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben: Es zu gestalten und reich werden lassen an Erlebnissen und Begegnungen. 

Das zweite Zitat schaut in die Zukunft. Mark Twain sagt: „In 20 Jahren werden Sie eher von den Dingen enttäuscht sein, die Sie nicht getan haben, als denen, die Sie getan haben. Lichten Sie also die Anker und verlassen Sie den sicheren Hafen. Lassen Sie den Wind in die Segel schießen. Erkunden Sie. Träumen Sie. Entdecken Sie.“

So schließt sich der Kreis zum Beginn der Predigt mit der Erinnerung an die Titanic. Was werdet Ihr, was werden wir alle in 20 Jahren zu erzählen haben über unser Leben? Was werden wir erreicht haben, woran gescheitert sein, welches Glück erlebt, welches Unglück durchlebt haben? Ich bin gespannt auf die vielen Begegnungen bis dahin, bei denen ich Zeuge Eures Lebensweges sein darf. 

„Die beiden wichtigsten Tage deines Lebens sind der Tag, an dem du geboren wurdest, und der Tag, an dem Du herausfindest, warum und wozu.“ Lass dann den Wind in die Segel schießen. Erkunde! Träume! Entdecke! So passt auch heute wieder der Predigtschluss, mit dem ich jede Konfirmationspredigt beende. 

Ich wurde vor vier Jahrzehnten in einem unbedeutenden Kaff im Taunus geboren, habe meine  Lebensreise begonnen und bin nun hier in Hanau gelandet – nicht gestrandet! Als für mich klar wurde, dass der Pfarrberuf mein Lebenswunsch war, habe ich alles dran gesetzt, diesen Realität werden zu lassen. Ja, ich habe erkundet und geträumt und bisher auch vieles entdecken dürfen auf meiner Lebensreise. 

Nicht immer erfolgreich, auch über manchen blauen Brief und Rückschläge gäbe es zu berichten. Ich habe meine Zweifel und auch über meinem Leben scheint nicht immer die Sonne Gottes, sondern manche Eisberge erscheinen am Horizont. Da kann mir mein eigener Konfirmationsvers zur Herausforderung werden, der im 86. Psalm steht: „Weise mir, HERR, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte.“

Lichtet die Anker, stecht in See, findet Euren Weg und werdet erwachsen, aber bleibt auch irgendwie Kinder im Herzen. Geht hinaus in diese Welt und seid gewiss, hier, an diesem Heiligen Ort seid Ihr immer willkommen.

Im Namen Jesu Christi, AMEN!

Textgrundlage aus Markus 9, 20-29:

20 Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn hin und her. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. 21 Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist‘s, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf. 22 Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! 23 Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. 24 Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! 25 Als nun Jesus sah, dass die Menge zusammenlief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! 26 Da schrie er und riss ihn heftig hin und her und fuhr aus. Und er lag da wie tot, sodass alle sagten: Er ist tot. 27 Jesus aber ergriff seine Hand und richtete ihn auf, und er stand auf. 28 Und als er ins Haus kam, fragten ihn seine Jünger für sich allein: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? 29 Und er sprach: Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.

 

Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,
werte Geschwister im geistlichen Amt,

wie schön ist es, in dieser reich geschmückten Kirche in ökumenischer Verbundenheit das neue Jahr zu beginnen. Ich hoffe, Sie sind alle gut in das Jahr 2020 hineingekommen. Wie war Ihr Jahreswechsel: feuchtfröhlich oder eher besinnlich? Haben Sie Brot statt Böller in den Himmel geworfen – schön klimaneutral? Und hatten Sie auch ein wenig Zeit, sich etwas für das neue Jahr vorzunehmen?

Es ist kein Geheimnis, dass neben „mit dem Rauchen aufzuhören“ auch „Abnehmen“ zu den meisten Vorsätzen in der Silvesternacht gehört. Dazu fand ich eine nette Anekdote: Eine Ehefrau kommt morgens ins Badezimmer und sieht ihren Ehemann, wie er auf der Waage stehend den Bauch einzieht. Innerlich lachend denkt sie sich: „Jetzt denkt er echt, dass er weniger wiegt wenn er die Luft anhält.“ Ironisch kommentiert sie schließlich laut: „Du weißt aber schon, dass das nichts hilft.“ Antwortet ihr Ehemann grinsend: „Klar tut es das: Nur so kann ich überhaupt die Gewichtsanzeige sehen.“

Wir Menschen sind Meister darin, uns selbst etwas vorzumachen. Wir Menschen beherrschen die Klaviatur des Lebens, wie wir am besten auch mit den unangenehmen Dingen im Leben umgehen. Und wir Menschen sind oftmals auch mit aufgesetzter Fröhlichkeit unterwegs, die nicht immer ernst gemeint ist.

Haben Sie sich schon einmal die Frage gestellt, wie viele Momente, Minuten oder Sekunden Sie im neuen Jahr wirklich glücklich und fröhlich sein werden? Wenn wir einander ein „frohes neues Jahr“ wünschen, sagen wir etwas Wichtiges. Denn tatsächlich braucht es nur eine Sekunde und unser Leben kann sich grundlegend ändern – positiv wie negativ. Ein Jahr hat also 31Mio536T000 Sekunden, Momente der Lebensveränderung, in denen alles Mögliche passieren kann, hoffentlich vieles, mit dem wir glücklich werden. 

Nur: was ist Glück? Warum verschenken wir Glücksklee und Glücks-Marzipan-Schweinchen zum neuen Jahr?  Für viele Menschen hängt das Glück davon ab, dass sie ihr Leben im Griff haben. Sie planen und organisieren und sind zufrieden, wenn alles den Weg geht, den sie sich vorgenommen haben. Für mich klingt das mehr nach Langeweile. 

Und es erinnert mich an Alexander den Großen. Als er Griechenland, Persien, Indien und viele Gebiete mehr erobert hatte, setzte er sich hin und langweilte sich, weil er noch so jung war. Langeweile führt zu falschen Entscheidungen, so dass er immer weiter Krieg führte und ausschweifend lebte. Mit gerade 32 Jahren starb er. Ob er vergiftet wurde oder sich zu Tode trank, weiß man nicht. Zumindest aber war er nicht in bester Stimmung. Für Menschen, die alles in ihrem Leben bekommen, mag das Leben zwar gut sein, aber ob sie dann auch glücklich sind, steht auf einem anderen Blatt Papier. 

Die Griechen haben ein Wort für Glück: MAKARIOS. Klingt ein wenig nach Makkaroni, was zumindest Kinder glücklich macht. Dieses MAKARIOS beschreibt einen göttlichen Zustand. Und die Griechen hatten eine Menge an Göttern, die alle irgendwie übernatürliche Menschen waren: Sie machten zwar menschliche Fehler, überwanden sie aber mit göttlicher Stärke. Dieses MAKARIOS fand seinen Weg auch ins Neue Testament in die Seligpreisungen, die eigentlich eine Handreichung zum glücklichen Leben sein wollen. Eine von ihnen heißt: „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.“

Und dies bringt mich zum Kontext der Jahreslosung für 2020. Ein Vater bringt seinen besessenen Knaben zu Jesus. Vieles hatte er schon ausprobiert, um ihn gesund zu bekommen. Eltern gehen weite Wege aus Sorge um ihre Kinder. Und nun steht der Vater vor Jesus und mit etwas Resignation bittet er ihn: „Wenn du kannst, erbarme dich seiner und hilf uns!“ Jesu erste Antwort ist etwas ironisch in meinen Augen, wenn er nachfragt: „Wenn ich kann?“ Er hat also den Zweifel sofort erkannt. Und er setzt fort: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!“

Spätestens hier würde ich mich gerne an die Seite des Vaters stellen und Protest einlegen. Meine Lebenserfahrung und sicherlich auch Ihre ist eine andere: Man kann noch so sehr glauben und dennoch sind viele Dinge nicht möglich. Als ob Glaube der Schlüssel zum Erfolg wäre. So ein Satz muss doch zum Unglauben führen, zur Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Und so bringt es der Vater dann auch schließlich auf den Punkt – und dies ist die Jahreslosung für 2020: „Ich möchte ja gerne glauben; hilf meinem Unglauben!“

Meine Lieben! Gründe für den Unglauben gibt es ja viele, ein unheilbares Kind wie aus dem Evangelium sicherlich. Es leidet, Eltern setzen die halbe Welt in Bewegung und es kann trotzdem nicht geheilt werden. Oder zerbrechende Beziehungen: Da müht sich der eine noch ab und setzt auf Versöhnung, aber am Ende wird doch ein Schlußstrich von anderer Seite gezogen. Oder die Wegrationalisierung des Arbeitsplatzes – aller Einsatz nützt nichts, die Firma macht trotzdem dicht. Und ich könnte jetzt die Liste unendlich fortführen, wenn ich Nachrichten schaue. 31Mio536T000 Momente auch in 2020, um den Glauben verlieren zu können, nicht wahr? 

Dennoch liegt aber etwas Tröstliches in der Jahreslosung. Denn sie erlaubt uns, unsere Zweifel an Gott nicht zu verdrängen. Ich habe Prediger im Ohr, die das Gegenteil behaupten. Die den Menschen weißmachen wollen, dass Schicksalsschläge und unerhörte Gebete und Bitten nicht an Gott, sondern allein am Menschen selbst liegen, dass man blind und taub sei für das Wirken Gottes, was eben anders sei, als die eigenen Wünsche. 

Dem widerspricht zu allererst die Bibel selbst. Nur wenig nach den Seligpreisungen stehen nämlich folgende Verse: „7 Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 8 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. 9 Oder ist ein Mensch unter euch, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete? 10 Oder der ihm, wenn er ihn bittet um einen Fisch, eine Schlange biete?“ (Matthäus 7)

Da steht nichts von: Gott hat anderes mit dir vor. Nichts von: Du bist blind für die anderen Möglichkeiten Gottes. Du betest halt für etwas Falsches – und ich meine nun nicht den Lottogewinn oder die Weltherrschaft. Im Kontext der Jahreslosung wird um Heilung gebeten und sie geschieht auch. 

So lade ich Sie alle ein, 2020 bewusst als ein Jahr des Unglaubens zu begehen. Klingt vielleicht seltsam für einen Pfarrer, aber ich stehe dazu. Geben wir dem Zweifel Raum und blenden wir nicht die Gründe aus, die in unserer Welt und in unserem Leben persönlich gegen den Glauben sprechen. Ziehen wir ruhig einmal den Glaubensbauch ein, um die Realität zu erkennen. 

Aber vor allem: Halten wir die Skala unseres Glücks und unserer Hoffnungslosigkeit, unserer Erfolge und unseres Scheiterns Gott selbst vor. Wegen ihm sind wir doch heute Abend hierhergekommen. Lassen wir IHN nicht passiven Zuschauer unseres Lebens sein, den wir als den Allmächtigen bekennen. Werfen wir ihm vor die Füße, was uns belastet und zu Boden drückt. Fordern wir das Licht ein, das unsere Dunkelheit hell machen möchte. Und die guten Mächte, die uns behüten und trösten wollen – wie es im Bonhoeffer-Lied heißt, welches wir gleich singen werden. 

An einer Stelle in diesem die Konfessionsgrenzen übergreifenden Lied heißt es schließlich: „Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.“

So könnte aus Unglaube tatsächlich Glaube wachsen – ein Glaube, der mit Gott in 31Mio536T000 Sekunden des neuen Jahres rechnet, das Leben zum Besseren zu verwandeln. Ein Glaube, der nichts verklärt, sondern dem nackten Leben direkt ins Angesicht blickt. 

Und ja, vielleicht werden wir in 31Mio535T999 Momenten enttäuscht werden, aber dann passiert die eine entscheidende, göttliche Sekunde, in der tatsächlich möglich wird, womit wir nicht (mehr) rechneten. Und zumindest das ist eine bessere Quote als beim Lottospiel – was haben wir also zu verlieren, wenn wir die Jahreslosung zu unserer Lebenslosung in 2020 werden lassen: „Ich möchte glauben, hilf meinem Unglauben!“.

Darauf vertraue ich und bezeuge es im Namen Jesu Christi. AMEN

- Es gilt das gesprochene Wort -

zum Reformationsgedenken 2019 über Galater 5, 1-6

Liebe Schwestern und Brüder im HERRN,
liebe Gäste im Tempel unseres Glaubens,
werte Konsistoriale im Apostelamt unserer Kirche,

der Monat Oktober bietet in Deutschland die Gelegenheit, sich der Reformation zu erinnern. Wir tun dies wegen des 31. Oktobers, an dem die Kirche des Thesenanschlags Martin Luthers gedenkt. Dies hatte weitreichende Folgen, wie wir wissen, und beeinflusste auch die zweite Generation von Reformatoren, so Johannes Calvin. 

Schon immer war und ist Calvin das Objekt verschiedener Gerüchte. Zum Beispiel habe er in Genf von der Kanzel herab einen totalen Überwachungsstaat gefordert. Und auch die Exzesse des Kapitalismus seien ein direktes Resultat seiner Predigten zu St. Pierre. Wirklich?

Die Reformation vor fünf Jahrhunderten können wir mit dem zeitlichen Abstand als Befreiungsschlag aus einem Zeitalter der Angst verstehen. Die Menschen des Mittelalters fürchteten sich vor Fegefeuer und ewiger Hölle. Die Macht der Kirche war unbegrenzt. Nach ihrem Ermessen wurden (und werden) Sünden und gute Werke gegeneinander abgewogen. Der Verkauf von Ablassbriefen ist ihr lukratives Geschäft. Gnade gibt es nicht umsonst und ohne Mühe.

Da machte der Augustinermönch Martin Luther die befreiende Erfahrung, dass Gottes Gnade bedingungslos, gratis, geschenkt sei. Eine Generation später dann trat Calvin auf den Plan. Wir haben Bilder von ihm im Kopf. Aber wer sich Calvin zum Beispiel als einen dürren Asketen vorstellt, der irrt. Ganz im Gegenteil, denn geschickt treibt er fromme Verzichtserklärungen ad absurdum: „Wenn einer bei einigermaßen wohlschmeckendem Wein bereits Bedenken hat, so wird er bald nicht einmal gemeinen Krätzer mit gutem Frieden seines Gewissens trinken können, und am Ende wird er nicht einmal mehr wagen, Wasser anzurühren.“

Am Ende, befürchtet der Reformator in einer seiner Schriften nicht ohne Ironie, komme es soweit, dass man „es für Sünde hält, über einen quer im Wege liegenden Grashalm zu gehen.“ Was leicht wie ein Grashalm daherkommt, hat grundlegende Bedeutung für Calvin. Er wußte um die allgegenwärtige Gefahr, in alte Zwänge zurückzufallen: „Sobald sich unser Gewissen einmal in diese Fesseln verstrickt hat, kommt es in ein langes und auswegloses Labyrinth hinein, aus dem sich nachher so leicht kein Ausgang mehr finden lässt.“ 

Meine Lieben! Wir würden lügen, wenn wir behaupteten, dass Calvin oder Calvinismus wohlklingen in fremden Ohren. Es klingt mehr nach Spaßverderber und Nüchternheit. Vielleicht zurecht, vielleicht muss man aber mehr auf die Umstände schauen, in denen Calvin damals lebte und seine Theologie entwickelte. Solche Zeiten von damals sind uns heute fremd geworden in einer säkularen Welt. Wir stecken nicht mehr fest in einem frommen Labyrinth aus Riten, Vorschriften und Drohungen. 

Und so fällt es sicherlich auch schwer, Antworten auf religiöse Fragen von vor 5 Jahrhunderten ins Heute zu transportieren. Allein wenn ich in manchen Gesprächen die Lehre der „Doppelten Prädestination“ erwähne, stoße ich schon auf viel Unverständnis. Dabei klingt es für mich nach einem gnädigen Gott, der einen unverdient in den Himmel, aber eben auch unverschuldet zur Hölle fahren lässt, wo Christus uns aber nicht vergessen wird.

Nicht wenige Zeitgenossen halten diese Lehre für Blödsinn und ich würde sogar zustimmen, dass dies nicht der Kern unseres Glaubens ist. Dabei unterschied sich Calvins Predigt über die Prädestination gar nicht so sehr von der anderer Theologen seiner Zeit, die zumindest mit Höllenqualen und Fegefeuerphantasien auch die Angst der Gläubigen schürten. Was ist aber dann der Kern der reformierten Theologie? 

Zum einen die Macht Gottes. Reformierte Theologen brachten wieder neu zur Geltung, dass Gott es ist, der die Macht in Händen hält und also auch über die Welt herrscht. Wenn dem so  ist, so ist es konsequent, dass alles menschliche Tun immer nur Stückwerk bleibt und dass es vor Gott Bestand haben muss. 

Wenn Gott Anfang und Ende ist, wie es die Bibel lehrt, so geht es um mehr als um meine Befindlichkeit und mein Können. 

Es geht darum, mich so gut es geht in der Welt zurechtzufinden und einzubringen. Das mag erfolgreich, aber manches Mal auch zum Scheitern verdammt sein. Im Wissen, dass Gott aber überall die Macht in Händen hält, kann ich Mensch selbst nichts tun, um aus diesen Händen zu fallen: ich kann mir diese Zuwendung nicht verdienen und ich kann sie nicht verlieren, wie es Calvin lehrt. 

Und was für den einzelnen Menschen gilt, das gilt auch für uns als reformierte Kirche: Welche Stellung hat Gott bei uns? Ist er der HERR seiner Kirche oder schönes Beiwerk? Nennen wir uns zurecht noch eine reformierte Kirche oder sind wir im Laufe der Jahrhunderte mehr zu einem Verein verkommen? 

Meine Lieben! Das Zweite, was für die Reformation wichtig ist, ist der Vorrang der Bibel. Man könnte es auch die biblische Autorität nennen. Als reformierte Kirche bezeugen unsere Bekenntnisschriften, dass die letzte Autorität in unseren Entscheidungen der Bibel alleine zusteht. 

Natürlich wissen wir, dass wir die Heiligen Schriften nicht blind und wortwörtlich verstehen können. Dafür ist uns der Heilige Geist gegeben, um durch seine „Brille“ die Inhalte und Wahrheit der alten Texte zu begreifen. Und das ist mir ganz wichtig: Reformierte Christen sind keine Fundamentalisten. 

Wir sind aufgeklärt genug, zu erkennen, dass im Laufe der Jahrhunderte sich manche Ungenauigkeit in den biblischen Text eingeschlichen haben kann. Dass es Menschen zu allen Zeiten waren, die Texte auch veränderten, wenn es in ihre Theologie passte. Der Heilige Geist öffnet die menschlichen Herzen, damit wir Gott selbst reden hören durch sein Wort in unserer Zeit. 

Deshalb macht es mich auch nicht nervös, wenn manche biblische Stelle  anderen widerspricht. Und ich verliere auch nicht meinen Glauben, nur weil manche Geschichte einfach unglaublich ist. 

Die gesamte biblische Botschaft ist das Entscheidende, ohne sich in einzelne Verse und Aussagen zu verlieren.  Ein Kollege von mir hat es einmal so ausgedrückt: „Die Bibel ist wie ein vertrauenswürdiger Freund, auf dessen Eindrücke und Interpretationen eines wichtigen Ereignisses oder einer wichtigen Erfahrung wir vertrauen können.“

Geschwister im Herrn! Ein dritter Aspekt soll heute Morgen Gottes Gnade gewidmet sein. Gnade hört sich schon ziemlich verstaubt an, kaum einer benutzt dieses Wort noch in seiner Alltagssprache. Dabei sagt Gnade aus, dass uns Gott mehr liebt, als wir ermessen, verstehen oder wertschätzen können. Gottes Liebe ist größer als menschliche, weiter, höher und tiefer, als wir es uns vorstellen können. Und diese Liebe gilt jedem Menschen, ganz gleich, wer er ist oder wo er lebt. 

Diese Liebe kann uns Menschen aber auch zur Herausforderung werden. Denn sie gilt garantiert auch all jenen Menschen, die wir selbst vielleicht nicht mögen. Und noch viel wichtiger: sie gilt auch den Menschen, die sich selbst nicht lieben. Das Wort Gnade mag antiquiert sein, aber die Liebe der Gnade ist brandaktuell. An ihr zeigt sich unsere eigene Einstellung zu unseren Mitmenschen, zu unserer Welt und ja: auch zu uns selbst.

Zum vierten – Sie haben es sicherlich schon gemerkt, ich gehe heute ein klein wenig schematisch vor: die Feier des Hl. Abendmahls. In unserer wallonisch-niederländischen Kirchenordnung ist dieses Sakrament nur zu besonderen Anlässen vorgesehen. So wundern Sie sich vielleicht, was daran wichtig sein könnte. Dabei erinnert uns reformierte Theologie daran, wie besonders wichtig die Bedeutung dieser Mahlfeier ist, ganz gleich, wie oft wir sie feiern.

Die Reformatoren waren sich auch gar nicht einig, wie oft man an den Abendmahlstisch treten sollte. Calvin selbst forderte noch die wöchentliche Feier als Zentrum des Sonntagsgottesdienstes. Nachwachsende Generation verringerten diese Forderung, so dass sich ein monatlicher oder ein quartalsmäßiger Turnus eingebürgert hat. Da können wir uns durchaus etwas bei unseren Geschwistern in der Ökumene abschauen, die mehr Wertschätzung dem gemeinsamen Brotbrechen zukommen lassen.

Nun lehrt uns die reformierte Theologie, zwei Dinge in der Abendmahlstheologie zu meiden: Rückwärtsgewandtheit und Magie. Einige durchaus fundamentale Reformierte, wie es zum Beispiel Zwingli in Zürich gewesen ist, lehrten, dass das Heilige Abendmahl nur eine reine Erinnerungsfeier an den Tod Jesu am Kreuz sei. 

Da wehrt sich etwas zurecht in uns, denn der christliche Glaube fußt ja auf der Auferstehung von den Toten. Wie könnte man sich also an einen Toten erinnern, der wieder auferstanden ist? Den wir als den Lebendigen bekennen und der mit uns durch unser Leben unterwegs ist?

Andere nicht minder fundamentale Theologen glaubten, dass sich wie durch Magie Brot und Wein tatsächlich in den Leib und das Blut verwandeln, wie es etwa Thomas von Aquin lehrte. Nicht ohne Grund wurde den ersten Christen in der Urgemeinde vorgeworfen, sie wären Kannibalen, weil sie ihren Gott essen würden. 

Beides ist nach calvinistischer Theologie falsch, wobei keinerlei Abendmahlslehre bewiesen werden kann. Unsere Abendmahlsfeiern sind Zeichen der Liebe Gottes. Es ist seine Art, uns in den Worten und Zeichen nahe zu kommen und sich in der Feier an unsere Seite zu stellen, wie es das „extra calvinisticum“ lehrt. 

Und schließlich: die evangelische Freiheit. Davon handeln ja sowohl die heutige Lesung aus dem Kortintherbrief (1. Korinther 10, 23-33) als auch der Predigttext aus dem Brief an die Galater. 

Paulus macht die Freiheit deutlich am Beispiel der Beschneidung. Da gab es in der jungen Gemeinde unter den Judenchristen in Galatien Stimmen, die lautstark und im Gegensatz zu Paulus forderten, auch Christen müssten sich beschneiden lassen. Was für jeden frommen Juden, sowohl für Jesus selbst als auch für den Apostel Paulus, ganz selbstverständlich war, weil es im Gesetz des Alten Testaments geordnet war, das machte der Apostel in seiner Verkündigung unter den Heidenchristen nicht zur Bedingung. 

Im Gegenteil. Er stellt fest: „Zu dieser Freiheit von der Beschneidung hat uns Christus befreit.“ Und da steht dann das ganze Evangelium auf dem Spiel, wenn Menschen wieder anfangen, die Beschneidung einzuführen. „Wer damit wieder anfängt, verliert die ganze Freiheit“, sagt Paulus. „Dann müsste er das ganze Gesetz erfüllen, um seiner Rettung gewiss sein zu können.“ An dieser Stelle will er kein Stück weichen oder nachgeben. Dies ist das Zentrum des Evangeliums. 

Wir verstehen Freiheit heute anders. Eher: „Freiheit ist, was mir Spaß macht. Ich lasse mir von niemandem verbieten, wozu ich gerade Lust habe. So frei bin ich.“ Ganz anders Paulus „Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ 

Im Glauben lassen Christen sich anbinden an Christus und erleben in solcher Anbindung christliche Freiheit, die sich tätig darin äußert, dass der Nächste im Blick bleibt. Also nicht, was mir Spaß macht oder wozu ich Lust habe, bestimmt meine Freiheit, sondern ich behalte den Nächsten im Blick und frage, was ihm gut tut.

Und so, Carissimi, bin ich wieder beim Beginn meiner Predigt angelangt: der Macht und der Gnade Gottes über alles und alle. Vielleicht hilft uns ein Bild vom Drachen im Herbst, dies zu veranschaulichen: Hoch fliegt er zu den Wolken, zum Himmel!

Fast ist man erinnert an den alten Reinhard Mey-Schlager: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.“ Man schaut dem Drachen zu, der in großer Freiheit im Wind am Himmel hin und her fliegt. 

Freiheit heißt in diesem Fall jedoch: Angebunden sein an den Drachenlenker. Wollte er den Drachen loslassen, damit die Freiheit noch größer würde, wäre der Flug jäh zu Ende. Ohne den Halt der Drachenschnur bekommt der Wind keine Kraft hinter dem Drachen. 

Völlig ohne Führung ginge es also nicht in den Freiflug hinein. Der Absturz wäre vorgezeichnet. Vielleicht mag uns dieses Bild helfen, reformatorische Theologie richtig zu verstehen. Die Gnade Gottes ist es, die unser eigenes Leben und das unserer Mitmenschen am Leben erhält, nicht aber in Beliebigkeit oder Bindungslosigkeit. Sondern im festen Glauben, an den HERRN seiner Kirche, der uns durch die Heilige Schrift und das Heilige Abendmahl begleitet und stärkt, damit wir durch die Gnade uns selbst und andere ertragen und tragen können. 

So können wir frei leben und atmen wie ein Drachen am Himmel, der an der Schnur angebunden ist und gerade so seine Freiheit im Flug ausleben kann.  Ohne Grenzen, aber doch im Wissen: „ „Alles ist erlaubt, aber es dient nicht alles dem Guten!“ (1.Korinther 6,12). 

Im Namen Jesu Christi. AMEN